Hotelgast im eigenen Leben

Er war vierzehn Jahre alt, als er nach Auschwitz kam. Und fünfzehn, als es vorbei und er wieder in Budapest war. Um diese zehn Monate zwischen dem Juli 1944 und dem April 1945 drehte sich sein restliches Leben bis zum Ende. Nichts wurde danach mehr, wie es war. Auschwitz war für ihn kein Unfall und auch kein unerklärliches Unglück. Es war nicht der Fehler im System, es war das System selbst. Das natürliche Ergebnis unserer Kultur. Nichts, worüber man in sentimentales Geschrei verfallen, und schon gar nichts, worüber man Geigenteppiche ausbreiten und einfühlsame Spielfilme drehen sollte. Das alles hat er abgelehnt.

Er zog es vor, Auschwitz nüchtern ins Auge zu sehen und den Umstand zu ertragen, dass die Nachgeborenen auch keine besseren Menschen sind als ihre Eltern und Großeltern. "Seit Auschwitz", wurde er nicht müde zu wiederholen, "ist nichts geschehen, das Auschwitz widerlegt hätte." Die schier grenzenlose "Biegsamkeit" des modernen Menschen hielt er für endgültig und unreparierbar. Deswegen sollten wir, die aktuellen Untertanen des ironisch-entspannten Zeitgeistes, uns unserer Sache nicht so sicher sein: Auschwitz – das ist noch so ein bodenloser Kertész-Satz, mit dem wir nun alleine klarkommen müssen – habe es nicht trotz, sondern wegen der abendländischen Kultur gegeben.

Es ist erstaunlich, dass man ihm einen derartig illusionslosen Befund abgenommen hat. Besonders in Deutschland, dessen labiles Ego in hohem Maße vom Gelingen der Re-Education und Erinnerungsarbeit abhängt. Er selbst hat sich über seinen späten großen Erfolg am meisten gewundert. Und hat ihm bei aller Dankbarkeit nie ganz getraut, denn sein Gespür für die unbesiegbare Absurdität und Ironie des Lebens hat ihn auch im Gelingen nicht verlassen.

Bei unserem letzten Gespräch vor gut zwei Jahren in seiner Wohnung in Budapest, als er schon sehr krank und geschwächt war, sagte er mir, dass er alles in allem ein wunderbares Leben gehabt habe: "Erst war ich Auschwitz-Insasse, dann habe ich die größten deutschen zivilen Auszeichnungen bekommen. Das ist lustig und unerklärbar."

Und so sprengen die Amplituden dieses Lebens die gewöhnlichen europäischen Mittelwerte ganz gewaltig. Eine Heimat oder ein Herkommen, aus dem sich die deutschen Nachkriegsschriftsteller der ersten Generation von Lenz, Kempowski, Johnson, Walser bis Grass seelisch und literarisch alimentierten, war nicht vorhanden. Sein Großvater, hat er erzählt, sei barfuß irgendwo aus den östlichen Weiten nach Budapest gekommen. An seine Kindheit erinnerte er sich wie an einen endlosen langweiligen Sonntag, umrahmt von der leeren Betriebsamkeit eines kleinbürgerlichen Lebens.

Die Eltern ließen sich scheiden. Das Kind blieb beim Vater und nach dessen Deportation bei der ungeliebten Stiefmutter, einer, wie er fand, "verheerenden Person". Nachdem der Vierzehnjährige in der Straßenbahn verhaftet und nach Auschwitz transportiert worden war, schrieb sie seiner Mutter einen Brief: "Liebe Aranka, ich muss Ihnen eine unangenehme Sache mitteilen. (...) Natürlich habe ich mich sofort erkundigt." In diesem "natürlich" steckte für Imre Kertész der ganze Untertanengeist seines Jahrhunderts. Die beschönigenden Redewendungen seiner Stiefmutter hat er später in seinem Roman eines Schicksallosen benutzt, um die angebliche Unschuld des im Räderwerk seiner Zeit zappelnden Menschen in eisige Ironie zu verwandeln.

Literatur hat ihn nie interessiert. Er wollte keine brillanten Romane schreiben, keine fesselnden Charaktere mit Innenausstattung, Schicksalen und Kostümen entwerfen. Was ihn zum Schreiben getrieben hat, war der Drang, eine Sprache für seine ungeheuere Geschichte zu finden, eine Geschichte, die ihm gar nicht gehörte, sondern ihn nur überfallen hat wie ein Tier, das zum Schlachthof gefahren wird. Eine literarische Erzählung im bekömmlichen Sinn des Wortes ließ sich daraus nicht gewinnen. Das blieb den normalen Schriftstellern vorbehalten, während er sich "als Heimatloser in seinem eigenen namenlosen Leben herumtrieb wie in einem nicht für ihn geschneiderten, zu weiten Anzug, der ihm zu irgendeinem nebulösen Zweck geliehen worden war". Das Wunderbare an ihm war: Er konnte herzlich darüber lachen.

Hotelgast im eigenen Leben

Die Suche nach der richtigen Sprache jenseits der berufshumanistischen Empörung, die bis heute den größten Teil der Lager-Literatur prägt (von der Kertész im Wesentlichen nur die Werke von Tadeusz Borowski und Jean Améry gelten ließ), hat viele Jahre gedauert. Jahre, die er wie in einer zweiten Lagerhaft hinter dem Eisernen Vorhang verbracht hat, gemeinsam mit seiner ersten Frau Albina in einer achtundzwanzig Quadratmeter kleinen Einzimmerwohnung in Budapest zwischen einem Tisch, einer Teeküche und zwei Liegen. Als ich ihn vor bald zwanzig Jahren zum ersten Mal besuchte, kam er mir in dieser Wohnung vor wie ein Hotelgast im eigenen Leben.

Dreizehn Jahre lang hat er dort an seinem weltumstürzenden Roman gearbeitet. Den unvoreingenommenen – Kertész sprach lieber vom "atonalen" – Ton, in dem der fünfzehnjährige Erzähler den Roman eines Schicksallosen schließlich so erzählt, als sei er frei von allem nachträglichen Wissen, fand er eines Tages für zwölf Forint in einer Buchkiste: Es war Albert Camus’ Roman Der Fremde, in dem Kertész die befreiende Kälte entdeckte, die er brauchte, um seine Geschichte zu erzählen. Endlich ein Buch, das nicht irgendwelche zufälligen Lebensprobleme, sondern das Problem des Lebens selbst behandelte. Es überwältigte ihn wie ein tödlicher Anschlag.

In Camus’ Existenzialismus (und in dessen Ahnherren Friedrich Nietzsche) begegnete er sich selbst. Am Ende gelang es ihm, die unwillkürlichen Reflexe der menschlichen Anpassung an ausnahmslos alles so aufzuzeichnen, dass jeder beinahe in Echtzeit miterleben kann, wie der Erzähler die Logik von Auschwitz Schritt für Schritt verinnerlicht, um zu überleben. Der Roman eines Schicksallosen ist entsetzlich gut, weil er uns in den innersten Maschinenraum der Geschichte führt, dahin, wo das Unheil entsteht. Er machte Kertész zu einem der größten Schriftsteller der Nachkriegszeit.

Kertész, der nach dem Literaturnobelpreis im Jahr 2002 in tiefe Selbstzweifel geriet, wusste, was er uns hinterlässt. Gefragt, worauf er in seinem Leben am meisten stolz sei, antwortete er an seinem Lebensende: darauf, dass er den "funktionalen Menschen" erarbeitet habe. Dieser Stolz ist heute, wo Selbstverwirklichung leicht zu erwerben ist, nicht mehr einfach nachzuvollziehen. Aber für Kertész war der Eindruck, nicht in seiner eigenen Wirklichkeit, sondern in einer "Pseudowirklichkeit" eingesperrt zu sein, die weit über die Lagerzeit hinausreichende, prägende Erfahrung seines Lebens. Seine Tagebücher, beginnend mit dem sagenhaften Galeerentagebuch aus den sechziger bis neunziger Jahren bis zu seinem Tagebuchroman Letzte Einkehr aus den späten Berliner Jahren 2001 bis 2013, sprechen von nichts anderem als dem Unglück, nicht in der "eigenen Wahrheit" zu leben.

Was hinderte ihn daran? Wer das Glück hatte, Kertész begegnet zu sein, weiß, dass er zu höflich und zu bescheiden war, um sich im Alltag zu radikalen Positionen zu bequemen. Der Thomas-Bernhard-Liebhaber, der sich in seinen autobiografischen Romanen Kaddisch für ein nicht geborenes Kind und Fiasko als ein Held schonungsloser Negativität porträtierte, war im wirklichen Leben ein Meister der heiteren Nachgiebigkeit. An der Seite seiner zweiten Frau Magda genoss er in seinen späten Jahren das Leben in Berlin und reiste als gefragter Festredner durch die Welt. Ich habe ihn immer nur strahlend gesehen. Die bitteren Klagen, sich selbst über seiner Rolle als "Holocaust-Clown" in der deutschen Event-Kultur verloren zu haben, vertraute er spät nachts seinem Tagebuch an.

Mit Deutschland hatte Kertész seinen Frieden gemacht. Zehn Jahre lang lebte er in der Berliner Meineckestraße und liebte die Platanen auf dem Kurfürstendamm. Die ehemalige Reichshauptstadt war für ihn der Inbegriff der Freiheit und des guten Lebens. Nur widerwillig und geschwächt durch seine Parkinson-Erkrankung kehrte er zum Sterben nach Budapest zurück. In der deutschen Kultur, in der deutschen Musik hat er sein Leben verbracht. Beethovens letzte Streichquartette hat er geliebt, die 9. Sinfonie von Mahler hat ihn geprägt. Durch seine letzten bewusst erlebten Stunden begleitete ihn Richard Wagner. Im ersten Morgengrauen des 31. März, als die Vögel im gegenüberliegenden Városmajor-Park anfingen zu singen, ist er in seiner Budapester Wohnung gestorben.

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