Die Suche nach der richtigen Sprache jenseits der berufshumanistischen Empörung, die bis heute den größten Teil der Lager-Literatur prägt (von der Kertész im Wesentlichen nur die Werke von Tadeusz Borowski und Jean Améry gelten ließ), hat viele Jahre gedauert. Jahre, die er wie in einer zweiten Lagerhaft hinter dem Eisernen Vorhang verbracht hat, gemeinsam mit seiner ersten Frau Albina in einer achtundzwanzig Quadratmeter kleinen Einzimmerwohnung in Budapest zwischen einem Tisch, einer Teeküche und zwei Liegen. Als ich ihn vor bald zwanzig Jahren zum ersten Mal besuchte, kam er mir in dieser Wohnung vor wie ein Hotelgast im eigenen Leben.

Dreizehn Jahre lang hat er dort an seinem weltumstürzenden Roman gearbeitet. Den unvoreingenommenen – Kertész sprach lieber vom "atonalen" – Ton, in dem der fünfzehnjährige Erzähler den Roman eines Schicksallosen schließlich so erzählt, als sei er frei von allem nachträglichen Wissen, fand er eines Tages für zwölf Forint in einer Buchkiste: Es war Albert Camus’ Roman Der Fremde, in dem Kertész die befreiende Kälte entdeckte, die er brauchte, um seine Geschichte zu erzählen. Endlich ein Buch, das nicht irgendwelche zufälligen Lebensprobleme, sondern das Problem des Lebens selbst behandelte. Es überwältigte ihn wie ein tödlicher Anschlag.

In Camus’ Existenzialismus (und in dessen Ahnherren Friedrich Nietzsche) begegnete er sich selbst. Am Ende gelang es ihm, die unwillkürlichen Reflexe der menschlichen Anpassung an ausnahmslos alles so aufzuzeichnen, dass jeder beinahe in Echtzeit miterleben kann, wie der Erzähler die Logik von Auschwitz Schritt für Schritt verinnerlicht, um zu überleben. Der Roman eines Schicksallosen ist entsetzlich gut, weil er uns in den innersten Maschinenraum der Geschichte führt, dahin, wo das Unheil entsteht. Er machte Kertész zu einem der größten Schriftsteller der Nachkriegszeit.

Kertész, der nach dem Literaturnobelpreis im Jahr 2002 in tiefe Selbstzweifel geriet, wusste, was er uns hinterlässt. Gefragt, worauf er in seinem Leben am meisten stolz sei, antwortete er an seinem Lebensende: darauf, dass er den "funktionalen Menschen" erarbeitet habe. Dieser Stolz ist heute, wo Selbstverwirklichung leicht zu erwerben ist, nicht mehr einfach nachzuvollziehen. Aber für Kertész war der Eindruck, nicht in seiner eigenen Wirklichkeit, sondern in einer "Pseudowirklichkeit" eingesperrt zu sein, die weit über die Lagerzeit hinausreichende, prägende Erfahrung seines Lebens. Seine Tagebücher, beginnend mit dem sagenhaften Galeerentagebuch aus den sechziger bis neunziger Jahren bis zu seinem Tagebuchroman Letzte Einkehr aus den späten Berliner Jahren 2001 bis 2013, sprechen von nichts anderem als dem Unglück, nicht in der "eigenen Wahrheit" zu leben.

Was hinderte ihn daran? Wer das Glück hatte, Kertész begegnet zu sein, weiß, dass er zu höflich und zu bescheiden war, um sich im Alltag zu radikalen Positionen zu bequemen. Der Thomas-Bernhard-Liebhaber, der sich in seinen autobiografischen Romanen Kaddisch für ein nicht geborenes Kind und Fiasko als ein Held schonungsloser Negativität porträtierte, war im wirklichen Leben ein Meister der heiteren Nachgiebigkeit. An der Seite seiner zweiten Frau Magda genoss er in seinen späten Jahren das Leben in Berlin und reiste als gefragter Festredner durch die Welt. Ich habe ihn immer nur strahlend gesehen. Die bitteren Klagen, sich selbst über seiner Rolle als "Holocaust-Clown" in der deutschen Event-Kultur verloren zu haben, vertraute er spät nachts seinem Tagebuch an.

Mit Deutschland hatte Kertész seinen Frieden gemacht. Zehn Jahre lang lebte er in der Berliner Meineckestraße und liebte die Platanen auf dem Kurfürstendamm. Die ehemalige Reichshauptstadt war für ihn der Inbegriff der Freiheit und des guten Lebens. Nur widerwillig und geschwächt durch seine Parkinson-Erkrankung kehrte er zum Sterben nach Budapest zurück. In der deutschen Kultur, in der deutschen Musik hat er sein Leben verbracht. Beethovens letzte Streichquartette hat er geliebt, die 9. Sinfonie von Mahler hat ihn geprägt. Durch seine letzten bewusst erlebten Stunden begleitete ihn Richard Wagner. Im ersten Morgengrauen des 31. März, als die Vögel im gegenüberliegenden Városmajor-Park anfingen zu singen, ist er in seiner Budapester Wohnung gestorben.

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