Als Deutschland 2009 die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen unterzeichnet hat, verpflichtete sich das Land, Kindern mit und ohne Behinderung einen gemeinsamen Unterricht zu ermöglichen. Seither ist die Schülerschaft in den Klassenzimmern vielfältiger geworden. Deutschland ist auf dem Weg zur inklusiven Schule. Doch wie weit sind wir gekommen?

Ein erster Blick auf die aktuellen Zahlen der Kultusministerkonferenz erweckt den Eindruck: ziemlich weit! So wurden 2008 nur 18,4 Prozent aller Kinder und Jugendlichen mit einem diagnostizierten Förderbedarf in allgemeinen Schulen unterrichtet. 2014 waren es schon 34,1 Prozent. Das sind 80 000 förderbedürftige Kinder, die inklusiv unterrichtet wurden. Für die Schulen ein enormer Kraftakt.

Sind die Sonderschulen also bald Geschichte? Eher nicht. Denn im Verlauf der letzten sechs Jahre ist die Zahl der Kinder, die weiterhin in Förderschulen unterrichtet werden, gerade einmal um etwa 23.000 zurückgegangen, von 4,9 auf 4,6 Prozent. Obwohl also an allgemeinen Schulen eine wachsende Zahl von Schülern mit Förderbedarf unterrichtet wird, sinkt die Zahl der Kinder an den Förderschulen kaum.

Das heißt erstens: An der Praxis, Schüler mit Förderbedarf getrennt von allen anderen zu unterrichten, hat sich deutschlandweit kaum etwas geändert. Zweitens bedeutet das, dass die Zahl der förderbedürftigen Kinder an allgemeinen Schulen zunimmt.

Das liegt daran, dass in den meisten Bundesländern für die Unterrichtung von Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf zusätzliche Lehrerstellen zugewiesen werden. Daher ist es für Lehrer attraktiv, bei Kindern, die sie schwierig finden, einen Förderbedarf zu diagnostizieren. Die Diagnosekriterien sind dabei wenig präzise. Im "Förderschwerpunkt Lernen" etwa stützen sie sich auf Verhaltensbeobachtungen, auf Schulakten und auf Leistungs- sowie Intelligenztests. Schaut man auf die einzelnen Bundesländer, so liegen die Förderquoten weit auseinander. In Rheinland-Pfalz haben 5,6 Prozent aller Kinder einen Förderbedarf, in Mecklenburg-Vorpommern dagegen 10,6 Prozent.

Schulen nutzen den Spielraum, den ihnen die Diagnosekriterien bieten, also offensichtlich verstärkt aus. Hinzu kommt, dass es Eltern leichter fällt, dem Förderbedarf ihrer Kinder zuzustimmen, weil damit kein diskriminierender Wechsel an eine Förderschule mehr verbunden ist.

Insgesamt zeigt sich, dass die Inklusion überall dort gut gelingt, wo sich Schulgesetze klar dazu bekennen, dass allgemeine Schulen als Lernorte für Kinder mit Förderbedarf vorzuziehen sind. Dann werden wesentlich weniger Kinder an Förderschulen verwiesen. Die Exklusionsquote sinkt auch überall dort, wo man Förderschulen für Kinder mit Lernschwäche aufgibt. In Bremen, wo die Wahlfreiheit der Eltern schon länger gilt, liegt der Anteil von Schülern an Förderschulen nur bei 1,5 Prozent. Der Stadtstaat zeigt auch, dass die Zahl der förderbedürftigen Schüler nicht weiter steigt, wenn die Förderdiagnosen nicht an zusätzliche Personalstellen gekoppelt sind.

Sicher muss man für all das Widerstände überwinden. Doch wem das gelingt, der erschafft eine Schullandschaft, die nicht weniger leistet, als die Grundlagen für eine solidarische Demokratie zu legen.

Klaus Klemm ist emeritierter Professor für Bildungsforschung an der Uni Duisburg-Essen