In der Mahü liegen die Läden noch im Morgenschlaf, aber ein Shitstorm kennt keine Nachtruhe. Die Empörung in den sozialen Medien ist Tagesordnungspunkt Nummer eins in dem Großraumbüro mit der breiten Fensterfront, die auf die Wiener Einkaufsstraße zeigt. Zwei Dutzend junger Leute mit dem Look der Kreativen, die sich in dieser Gegend gerne ansiedeln, scharen sich im Kreis vor einer dottergelben Wand. Ihr akutes Problem: ein Interview ihrer Auftraggeberin in der Stadtzeitung Falter. Unter den Nazis, steht da sinngemäß zu lesen, sei nicht alles schlecht gewesen, und gefragt, ob sie einst Waldheim gewählt habe, sagte sie: vergessen.

Die Statements sind heikel, weil sie von einer Kandidatin für das höchste politische Amt der Republik stammen: Irmgard Griss, pensionierte Richterin, frühere Präsidentin des Obersten Gerichtshofes, bekannt geworden als Leiterin der Hypo-Untersuchungskommission. Ihr wichtigstes Argument im Bundespräsidentschaftswahlkampf heißt: Unabhängigkeit. Griss tritt ohne Parteizugehörigkeit an – aber auch ohne politische Erfahrung. Das gilt auch für das Team, das ihren Einzug in die Hofburg managen soll. Je näher die Wahl rückt, desto häufiger werden die Schnitzer: Griss macht Fehler, aber auch ihre ungeübte Truppe patzt.

Im Normalfall steht hinter aussichtsreichen Kandidaten ein professionelles Heer an Kampagnenmachern. Sie kommen aus den Parteistrukturen, haben ihren Chefs oft jahrelang zugearbeitet. Dazu gesellen sich professionelle Agenturen, die mal für die eine, mal für die andere Fraktion gegen entsprechenden Sold gute Stimmung machen. Mit dem Antritt von Irmgard Griss gibt es nun erstmals in der Geschichte der Zweiten Republik ein Wahlkampfteam ohne Parteigeschichte, dessen Kandidatin Chancen auf Erfolg hat. Wer sind die, die sich für die Grazer Juristin mit dem bürgerlichen Impetus starkmachen? Was bringt sie dazu, politisch aktiv zu werden? Wofür stehen sie, welche Werte, Ideologien, Ideale verfolgen sie damit?

"Müssen wir darauf überhaupt reagieren?", spielt die Truppe den Lapsus herunter. Der Ausrutscher im Falter -Interview ist nicht der einzige, allein vergangene Woche kam es zu mehreren ungeschickten Aussagen: das Eingeständnis ihrer "normalen" 9.000-Euro-Beamtenpension, ihre Rechtfertigung der Nazi-Aussage im ZIB2 -Interview, mit der sich Griss endgültig ins Licht eines fragwürdigen Geschichtsverständnisses rückte, oder die medial ausgeschlachtete Kunde, dass ihre Mitarbeiter für einen Auftritt von Griss 10.000 Euro gefordert haben sollen. Ihr Pressesprecher hat weder Polit- noch Kampagnenübung, zuvor arbeitete er für das Boulevardblatt Österreich. Darin ist das Kampagnenteam auffallend homogen: Politische Werbung machen die meisten zum ersten Mal. Der Shitstorm scheint in der Morgenbesprechung keine Sorgen zu machen. Schnell ist das Thema abgehakt, weiter geht es in der Runde. Updates aus den Arbeitsgruppen: Budgetstand, Medienanfragen, Terminplanung. Ausführlich doziert ein Endzwanziger mit schmaler Krawatte und engem Cardigan den Stand der "Reaches" im Internet, es geht viel um "Likes", um "Shareables" und um Themenbesetzung.

Wenige Minuten später sitzt die Truppe wieder an ihren MacBooks, Kopfhörer in den Ohren oder Smartphone daran gepresst: viele Endzwanziger aus dem Umfeld der Gründerszene, junge Freiberufler, ehrgeizige Studenten, die hier eine Erfahrung fürs Curriculum sammeln. 18 Mitarbeiter hat Griss für diese Monate eingestellt, dazu kommt eine Handvoll Freiwilliger. Nur vereinzelt sind die Neo-Wahlkämpfer schon in der beruflichen Erfolgsliga angekommen, unterm Strich sind sie Einzelkämpfer aus der Generation Praktikum. Der Ausflug in die Politik ist für die meisten ein Job auf Zeit, der sich zwischen Kulturprojekte, Start-up-Ideen oder Marketingaufträge fügt. "Du hast eine Idee, du brauchst die Finanzierung, die wir hier mit Crowdfunding und Fundraising suchen, und du hast eine 'Runtime'", vergleicht Michael Krammer den Wahlkampf mit einem Start-up-Projekt. Der 29-Jährige mit Vollbart, Hornbrille und sandfarbenem Opa-Outfit kümmert sich um die Social-Media-Kanäle der Kampagne. Wie viele seiner Kollegen kommt er aus der Gründerszene. Mit Politik, sagt Krammer, habe er sich davor "eigentlich noch nicht so intensiv befasst". Wäre eine Partei hinter Irmgard Griss gestanden, hätte er den Job nicht angenommen, "aber hier kann man richtig etwas aufbauen".

"Etwas aufbauen können": So heißt es im Tenor, wenn es um die Motivation geht, für Griss zu arbeiten. Geht es um politische Visionen, um Perspektiven für die Gesellschaft über dem eigenen Milieu der gebildeten urbanen Mittelschicht hinaus, bleiben die Antworten vage. Sie beschränken sich auf knappe Hülsen wie "mehr Transparenz", Kritik am parteipolitischen Etablissement und den allgemeinen Wunsch, "dass die Themen in der Politik greifbarer werden müssen". Wie das gehen soll, welche Themen das sind, bleibt unklar.

Die Truppe hinter Irmgard Griss revoltiert nicht gegen das System

Die Wahlkämpfer der Ex-Richterin verkörpern, was die österreichische Sinus-Studie das Milieu der "digitalen Individualisten" nennt: karriereorientierte Trendsetter, global vernetzt, immer mobil und ständig auf der Suche nach neuen Erfahrungen. Die Einstellung der jungen Lifestyle-Avantgarde steht nur auf den ersten Blick im Widerspruch zu der 69-jährigen Kandidatin, die sich in Wort und Gewand betont seriös und großbürgerlich präsentiert. Denn bürgerlich sind die neuen Akteure im politischen Spiel ebenso. Sie begehren nicht auf, sie revoltieren nicht. Wenn sie etwas bewirken wollen, muss das zu ihrem aktuellen Projekt passen wie der vegane Schokokuchen zum Pop-up-Café.