Ja, in diesen Zeiten braucht der tief verunsicherte Osten Joachim Gauck so sehr wie nie, sagt Martin Machowecz

Manchmal frage ich mich, ob man Joachim Gauck wirklich guten Gewissens bitten darf, Präsident zu bleiben – sich all das weiterhin anzutun. Am 11. März 2016, einem Freitag, besuchte er zum Beispiel Bautzen. Er hatte gerade in einem Theater über die Frage gesprochen, warum so viele Ossis der Demokratie abgeschworen haben, da wurde er draußen, vor dem Theater, von einem wütenden Dutzend Ossis empfangen, das der Demokratie abgeschworen hat.

"Gauck! Verpiss dich!", riefen Leute. "Volksverräter!" Einige wollten ihm an den Kragen. Die Polizei hatte ganz schön zu tun. Der Bundespräsident blieb ganz schön souverän.

Ich dachte: Verdammt! Nicht mal ihn akzeptieren sie hier noch? Muss das denn sein – da kommt einmal der Präsident, und wir präsentieren ihm diesen Osten? Böse, brüllende Bautzener? Ja, da schämte ich mich, vor Gauck.

Erst danach machte ich mir klar, dass Gauck natürlich selber Ostdeutscher ist. Dass diese Pöbler hier nicht nur meine, sondern auch seine Leute sind. Dass, wenn einer mit denen umgehen kann, es doch dieser Präsident ist!

Bald will Joachim Gauck mitteilen, ob er für eine zweite Amtszeit antritt. Ich hege die Hoffnung, dass ihm die Brüller von Bautzen, die ihm den Rücktritt nahelegen wollten – dass diese Brüller ihm noch einmal vor Augen geführt haben, warum er in Wahrheit unbedingt bleiben muss. Denn er hat am eigenen Leib erlebt, wie "Politiker" von manchen in dieser Gegend gesehen werden. Dass also noch sehr viel zu tun ist.

Joachim Gauck ist seit vier Jahren Präsident, und er hat seine Sache, finde ich, wirklich gut gemacht. So gut, dass kaum jemand sich über ihn aufregt: Sogar Angela Merkel, die Kanzlerin, die seine Wahl einst unbedingt verhindern wollte, bittet ihn zur zweiten Amtszeit.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 16 vom 7.4.2016.

Das heißt leider auch, dass er momentan niemanden so richtig aufregt. Man kann das verstehen. Die ersten vier Jahre seiner Amtszeit hatte er keine andere Wahl als Ruhe zu bewahren. In diesen vier Jahren hatte er das Amt zu retten: nach dem eigenartigen Rücktritt von Horst Köhler und dem erzwungenen Rücktritt von Christian Wulff.

Dem Amt wieder Respekt zu verschaffen – nun, das hat er souverän geschafft. Deutschland weiß jetzt, dass Gauck ein außergewöhnlicher Redner ist, der keine Furcht vor Tränen hat. Aber das war noch nicht alles, was er kann. Das war die Light-Version. Ich bin mir sicher: Er ist gerade erst auf Betriebstemperatur. Und das ist wichtig.

Denn in diesen politischen Zeiten ist der zutiefst verunsicherte Osten auf seinen Gauck angewiesen. In diesen Zeiten bin auch ich, als Ostdeutscher, der von der DDR nur die Nachwehen erlebte, auf Gauck angewiesen. Weil wir Jungen uns fragen, was mit denen, die älter sind, gerade passiert. Mit den vielen 50-, 60-, 70-Jährigen, die offenbar vergessen haben, dass es ihnen so gut geht wie nie zuvor in ihrem Leben. Die aber nur schimpfen, nur schäumen.

Die Wohlmeinenden brauchen Gauck zur Selbstvergewisserung. Die Böswilligen brauchen ihn als Bedrohung: Ups, der hat uns aufm Kieker.

Dabei ist mir schon bewusst – Joachim Gauck ist 76. Ich bin 28, da sagt sich’s leicht: "Hängen Sie fünf Jahre dran!" Und ja, es kann nach einer so guten ersten Amtszeit, eigentlich, nur schlechter werden. Wenn das Alter manchmal Schmerzen bereitet. Man mitunter lieber an der Ostsee säße, ein Rostocker Pils im Glas, Abendsonne am Himmel. Aber wenn Joachim Gauck weitermacht, wird ein Effekt eintreten, der alles aufwiegt – die befreiende Wirkung der zweiten, letzten Amtszeit.

Als Gauck ins Amt kam, schrieb ich: "Er wird den Ostdeutschen Schmerzen zufügen wie keiner zuvor mit seiner Kritik an ihrer Lethargie." Diese Hoffnung hat er noch nicht erfüllt. Bisher war Gauck ein Ossi, wie er den Westdeutschen gefällt. Einer, der aus der Unfreiheit kommt und den Westen deshalb liebt. Der Osten seine Heimat, der Westen seine Sehnsucht. In der zweiten Amtszeit wünsche ich mir Gauck als Ossi, der nicht nur den Westen erreicht – sondern gerade den Osten anspricht. Jetzt kann Gauck all jenen, die sich an 26 Jahre Freiheit schon viel zu sehr gewöhnt haben, die Botschaft senden: Kämpft um die Freiheit!

2012 hatte der Osten noch nicht den Ruf, den er heute hat. Da gab es keine Pegidisten und keine 24-Prozent-AfD. Nun gilt es, die Wut so vieler Menschen aufzufangen. Sie in die richtige Bahn zu lenken.

Denn politische Zeiten sind eine Chance auf Streit. Gauck, in seiner zweiten Amtszeit, könnte der Präsident des Streitens werden. Er hat die Mittel, sich den Pöblern zu stellen. Seine Herkunft gibt ihm das Recht, zu sagen: Hey, Leute in Clausnitz, Bautzen, Dresden, ich bin einer von euch, aber ganz ehrlich: Habt ihr sie noch alle?

Ich glaube, in Bautzen hat Gauck damit angefangen. Im Theatersaal, bevor er den Pöblern begegnete. Er sagte, dass er die Gründe verstehe, aus denen viele sich gerade so verbohrt präsentierten. "In der Diktatur war manches einfacher. Wir waren gegen die da oben. Damals waren wir alle, die wir beherrscht waren, miteinander die Beherrschten." Aber nun, so Gauck, seien die Dinge nicht mehr so einfach. Es sei nicht mehr möglich, gegen "die da oben" zu sein: In der Demokratie seien wir alle Gestaltende. Ob es sein könne, dass wir uns von unserer Angst blockieren lassen?

"Ich möchte", sagte Gauck, "dass wir beieinanderbleiben. Ich möchte, dass wir Menschen zurückgewinnen für den demokratischen Diskurs, die manchmal so tun, als könnten sie durch Hassmails der Demokratie aufhelfen." Kurz danach trat er nach draußen, und wer stand da? Menschen, die dachten, sie könnten durch Hass der Demokratie aufhelfen. Bitte, Herr Präsident, die nächsten fünf Jahre werden harte Arbeit!