In einem alten jiddischen Lied heißt es: "Und wenn der Rebbe lacht, lachen alle Chassiden." Das Lied ist bis heute beliebt bei Klezmer-Tanzkursen in der Volkshochschule. In der Folklore sind lachende Juden präsent, sonst nicht. Denn die Nichtjuden denken immer noch, auch wenn es längst anders ist: dass die Juden, die in Deutschland geblieben sind oder heute zu uns kommen, doch eigentlich nichts zu lachen haben hier. Wer bisher über Juden in Deutschland Filme drehte, richtete seinen Blick lieber auf die Menschen, die nicht mehr da sind, also die Ermordeten. Die bittere Leerstelle füllte Textseiten und Drehbücher und überblendete die neue Fülle jüdischen Lebens hierzulande: 110 jüdische Gemeinden gibt es inzwischen mit einer lebendigen Jugendkultur.

Doch das ist selten Thema. Jetzt allerdings bricht ein Film diesen Bann. Die Dokumentarfilmerin Britta Wauer drehte ein hinreißendes Porträt über William Wolff, den vielleicht skurrilsten Rabbiner unter der Sonne. Wolff ist Rabbiner in Schwerin und Rostock. 1933 emigrierte er als Sechsjähriger mit seiner Familie nach Amsterdam, 1939 nach England. Dort lebt er noch immer, wenn er nicht gerade seine deutschen Gemeinden betreut. Wir erfahren in dem Film Rabbi Wolff – Ein Gentleman vor dem Herrn, der am 14. April in den Kinos anläuft , viel über diesen Mann, aber noch mehr über unser überkommenes Bild vom Rabbinertum in Deutschland. Wolff trägt keinen Bart und führt seinen Singlehaushalt nicht koscher. Gebürtig aus Berlin, im Londoner Exil dann ein renommierter Parlamentsreporter, fand er erst mit 50 Jahren seine religiöse Berufung.

Der Zuschauer des Filmes mag sich beklommen fragen: Wohnen in Rostock und Schwerin nicht die Nazis, brennen dort nicht die Flüchtlingsheime, wurden dort nicht schon Synagogen beschmiert? Nichts davon zeigt der Film, dafür den Rabbi, der sich bei einer Gedenkfeier zur Pogromnacht fröhlich bedankt. Er lobt die Institutionen und Menschen, die den Juden in Deutschland ein sicheres und friedliches Leben ermöglichen. Ist das realitätsfern oder weise im Sinne von: Das Gute zu stärken bringt Gutes hervor? Das Lächeln des Rabbiners legt nahe, dass Letzteres gelingen kann.

Amos Oz schrieb einmal: Wenn sich eines Tages in den deutschen Synagogen unsere Leute wieder in die Haare kriegen, könne man von Normalität reden. Der Film bestätigt das, aber geht noch einen Schritt weiter in der Beschreibung der neuen jüdischen Normalität. Denn die Spannungen in seiner eigenen Gemeinde überspielt Wolff mit seinem gewinnenden Lächeln. Der russische Gemeindevorsteher in Schwerin zum Beispiel, den des Rabbiners Teatime-Gelassenheit und Handyabstinenz auf die Palme bringen, verzeiht ihm immer wieder großmütig. Improvisation bestimmt den Alltag in dieser Synagoge. In Schwerin und Rostock ist Wolff sein eigener Kantor und Synagogendiener. Zu Hause in England lässt er seinen exzentrischen Neigungen freien Lauf. Jedes Jahr im Juni besucht er im grauen Cut mit Zylinder das renommierte Pferderennen in Ascot. Immer setzt er 50 Pfund, stets verliert er und lächelt seine Niederlagen weg.

Der Dokumentarfilm streift die Vergangenheit nur, nimmt lieber den Alltag des Rabbis in den Blick. Das ist befreiend. Denn Konflikte werden nicht unterschlagen: 200.000 aus der Sowjetunion nach Deutschland emigrierte Juden, deren Riten ihnen über die Sowjetzeit verloren gingen, nun in 110 neue Gemeinden zu integrieren – das bleibt eine gewaltige Herausforderung. Inzwischen gibt es immerhin wieder jüdische Ausbildungsstätten in Berlin, Potsdam und Heidelberg, sodass die Rabbiner nicht mehr aus den USA, Israel oder England eingeflogen werden. Rabbi Wolff wurde inzwischen von seinen Gemeinden in den Ruhestand geschickt. Der 89-Jährige selbst fand das viel zu früh, hätte gern noch weitergemacht. Fit genug ist er ja, dank Yoga und Fastenkuren. Als er die altersbedingte deutsche Kündigung erhielt, versagte sein Lächeln zwar kurz. Doch am Ende des Films lacht er wieder: Als Nächstes wird er ein Buch schreiben.