Unglaublich: Das Dschungelbuch von 1967, dieser liebenswerte, groovende Zeichentrickfilm über das Menschenkind Mogli, das im Urwald den Weg durch den Dschungel des Lebens lernt, ist mit mehr als 27 Millionen Zuschauern immer noch der in Deutschland erfolgreichste Film aller Zeiten. Auch wer den Film nicht kennt, hat schon mal von Balu, dem Bären, und seinem Hedonismus-Song (Probier’s mal mit Gemütlichkeit) gehört, hat die swingenden Affenhorden vor Augen oder die hypnotischen Spiralaugen der Schlange Kaa. Eine filmische Neuversion von Rudyard Kiplings 1894 erschienener Geschichtensammlung könnte sich also auf das schier unerschöpfliche Nostalgiereservoir älterer Generationen verlassen und seine Animation zugleich an die deutlich schneller getunte Wahrnehmung heutiger Kinder anpassen. Nach zwanzig Sekunden von The Jungle Book von Jon Favreau ist aber klar, dass sich die Firma Disney mit derlei Überlegungen kein bisschen belastet hat.

Der Film ist eine uninspirierte Tradeshow der US-amerikanischen Animationstechnik des 21. Jahrhunderts. Bis auf das letzte Härchen und den kleinsten Muskel realistisch animierte Tiere bewegen ihre Münder so mechanisch wie einst Heidi, die als japanisches Animationsgirlie unsere Sonntagnachmittage terrorisierte. Gesungen wird nur zweimal und eher alibihaft, nach dem Motto "Da war doch noch was". Und der spärlich auftauchende Humor ist hier nur ein Übergangsstadium zu den Stahlgewittern des Dschungels, in denen ein verspielter Junge zum Feldherren gehärtet wird. Denn der neue, jede Fantasie erstickende Realismus geht einher mit einer großen Martialisierung.

In Wolfgang Reithermans Film von 1967 entdeckt Mogli den Wert von Freundschaft, im neuen Film die Notwendigkeit von Autorität und Unterordnung. Wurden die Gegner einst mit Camouflage, Tricks und Spaß an der Nase herumgeführt, geht es nun um Prankenhiebe, fiese Bisse und im Feuer sterbende Raubkatzen. Wurde Kiplings mehr oder weniger koloniale Grundhaltung in der ersten Disney-Fassung mit dem Tiger Shir Khan und seinem blasierten britischen Akzent überzeichnet, kehrt der aktuelle Film zurück zum Geschwafel vom Gesetz des Dschungels. Im neuen Jungle Book ist es, frei nach Napoleon, nur ein kleiner Schritt vom Erhabenen zum Lächerlichen: Die Erzählerstimme von Joachim Król – der auch Baghira, den Panther, synchronisiert – versucht sich in pathetischem Tonfall an einer bibelhaften Urwalderzählung ("Und wo ihre Stoßzähne Furchen zogen, da strömten die Flüsse"), dabei hat man das Gefühl, jeden Moment könnte Commissario Brunetti um die Ecke biegen.