DIE ZEIT: Herr Minister, viele Politiker fordern jetzt, Geldwäsche und Steuerflucht "glaubhaft und entschlossen" zu bekämpfen. Was wäre glaubhaft?

Norbert Walter-Borjans: Dass man sich nicht mit Vereinbarungen zufriedengibt, sondern konsequent kontrolliert, ob diese Vereinbarungen eingehalten werden. In der Forderung, jetzt entschlossen vorzugehen, steckt ja das unausgesprochene Eingeständnis, dass so manche politische Aktion in der Vergangenheit eher unentschlossen war.

ZEIT: Das Bundesfinanzministerium sagt, im Kampf gegen Steuersünder sei in den letzten drei Jahren mehr geschehen als in den 30 Jahren zuvor.

Walter-Borjans: Es hat sich viel getan, auch in Deutschland. Als ich 2010 Finanzminister in Nordrhein-Westfalen wurde, wurde Steuerhinterziehung oft damit gerechtfertigt, dass man sich in einem internationalen Steuerwettbewerb befinde. Diese Stimmung ist verflogen. Das hat mit der Arbeit von Journalisten zu tun, aber auch mit unserer Arbeit, dem Ankauf von Steuer-CDs und der Stärkung der Steuerfahndung. Steuerhinterzieher brauchen höchste Diskretion, und die gibt es nicht mehr. Aber: Es gibt noch genug politische Kräfte, die ein paar Türchen offen lassen wollen.

ZEIT: Da wir über Glaubwürdigkeit gesprochen haben: Wer ist unglaubwürdig?

Walter-Borjans: Ich nehme dem Bundesfinanzminister ab, dass er ein prinzipienfester Mensch ist, der es nicht hinnehmen will, wenn die Einnahmenbasis des Staates geschwächt wird. Wenn ich mir aber anschaue, wie Teile der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag und das Bundesfinanzministerium vieles verzögern, dann habe ich nicht den Eindruck, dass es da nur um Sachzwänge geht. Da will man auch nicht.

ZEIT: Nennen Sie uns ein Beispiel.

Walter-Borjans: Nehmen Sie das Thema der manipulationssicheren Registrierkassen. Das ist wichtig, um Umsatzsteuerbetrug im Handel zu bekämpfen. Im Sommer 2014 hat Wolfgang Schäuble zusammen mit den 16 Länderfinanzministern entschieden, dass im Herbst 2014 ein Gesetzentwurf vorliegen solle, wie man dieser Steuerhinterziehung Einhalt gebietet. Aber erst heute liegt ein allererster Entwurf vor. Dazu hat es manche Drohgebärde gebraucht, auch von meiner Seite. Das ist nur ein Beispiel. Wir erleben das an verschiedenen Stellen.

ZEIT: Wo noch?

Walter-Borjans: Zusammen mit meinen SPD-Kollegen aus Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Niedersachsen habe ich über den Bundesrat ein Gesetz zur Bekämpfung von Steuerstraftaten in Banken eingebracht. Das war im April 2014. Seitdem liegt es beim Bundestag, ohne dass darüber diskutiert oder entschieden wird. Und glauben Sie mir: Es ist nicht einfach so vergessen worden.

ZEIT: Wie erklären Sie sich das?

Walter-Borjans: Da hat man offenbar eine gewisse Wählerklientel im Auge. Und man steht womöglich der einen oder anderen starken Lobby gegenüber. Wir erleben das doch ganz aktuell bei den Panama Papers: Einige Politiker, etwa der Unionsfraktionsvize Michael Fuchs, warnen schon wieder vor einem Generalverdacht. Mich befremdet das. Ich warne vor der Generalbagatellisierung. Ich unterstelle nicht, dass alle Banken betrügen. Aber wenn eine Bank betrügt, dann muss der Staat die rechtliche Handhabe haben, auch zuschlagen zu können. Und da gibt es definitiv politische Kräfte, die das im Einzelfall nicht wollen.

ZEIT: Wolfgang Schäuble will neue Vorschläge machen, wie man Briefkastenfirmen zu mehr Transparenz verpflichtet. Was halten Sie davon?

Walter-Borjans: Wer in Deutschland Geschäfte macht, sollte auch in Deutschland Steuern zahlen – und zwar zu den Bedingungen, die in Deutschland gelten. Transparenz ist wichtig, weil wir wissen müssen, welche Unternehmen welche Briefkastenfirmen nutzen. Wenn man da zu internationalen Vereinbarungen kommen kann, ist das gut. Aber ich bin in Bezug auf die tatsächliche Umsetzung skeptisch. Die internationale Staatengemeinschaft ist schwer unter einen Hut zu bringen. Die Interessen sind sehr unterschiedlich.