Niemand könnte die Anzahl der Tandems hochrechnen, die die neuen Fremdsprachen mit dem Deutschen eingehen: Schier unübersehbar sind die Varianten und Kompetenzen. Türken, Russen oder Araber springen dabei virtuos zwischen den Sprachen hin und her (code switching). Das Deutsche interagiert dabei stark mit den Herkunftssprachen – in den Köpfen und im Alltag. Es entsteht so, wie die Linguisten es nennen, eine "doppelte Anderssprachigkeit": Das Deutsch der Migranten ist nicht identisch mit der Hochsprache, und auch die Muttersprachen der Migranten wandeln sich in Deutschland: Beide schleifen Grammatik ab. Im Munde von mehrsprachigen Menschen durchläuft die Umgangssprache so markante Veränderungen, die sie ökonomisch an neue Kommunikationsbedürfnisse anpassen: Wer viel Energie für Wortschatzarbeit braucht, reduziert automatisch die operative Grammatik. Dies ist die stärkste Wurzel der Vereinfachungen, die die Umgangssprache kompatibel machen für eine effiziente Verständigung.

Das Schriftdeutsche hat als Sprache der Philosophie, der Wissenschaft und der Weltliteratur einen einzigartigen Reichtum entwickelt, mit einer breiten stilistischen Differenzierung. Den gilt es zu erhalten. Eine weit ausgreifende Sprach-Architektur aber ist für neue, niederschwellige Kommunikationserfordernisse nicht zuständig und auch gar nicht erforderlich: Migranten wie Nichtmigranten benötigen eine Sprachform, die vor allem den Alltag flexibel managen kann. Dabei nimmt das Gefühl für strenge grammatische Korrektheit allmählich ab. Dass Hochsprache und Umgangssprache verschiedene Normen und Formen haben können, die sich gegenseitig ergänzen, zeigen zum Beispiel das Russische oder Tschechische. Auch die Deutschen steuern nun auf das zu, was die Linguisten eine "Diglossie" nennen: Es wird anders gesprochen als geschrieben. Die deutsche Sprache setzt dabei nur Tendenzen fort, die schon seit Jahrhunderten in ihr angelegt sind: Sie wird allmählich, wie das Englische, "analytischer", das heißt, es gibt weniger Grammatik, mehr Präpositionen und einen entspannteren Satzbau. Vieles wird schon durch die reine Wortfolge geregelt.

Fast alle neuen Sprachzüge entstehen unter den Bedingungen der Mehrsprachigkeit oder werden durch sie schnell verstärkt. Im Laufe der Zeit werden sie auch von einsprachigen Sprechern übernommen. Was zunächst wie ein "Fehler" aussieht, wird zuerst lose toleriert, dann imitiert und geht irgendwann in den allgemeinen Sprachgebrauch über: Durch den Urwald der Schulgrammatik bahnt sich allmählich, wie von einer unsichtbaren Hand gezeichnet, ein "Trampelpfad" des Sprachwandels, wie es der Düsseldorfer Linguist Rudi Keller ausdrückt. Und wir beobachten diesen Wandel quasi aus der Froschperspektive, in einem schmalen Zeitfenster, vermeinen Fehler und Barbarismen zu entdecken, weil wir immer nur durch die Brille der Hochsprache sehen. Was wir dagegen in Wahrheit sehen, sind die Umrisse einer anderen Norm in statu nascendi: "Die systematischen Fehler von heute sind mit hoher Wahrscheinlichkeit die neuen Regeln von morgen." (Rudi Keller)

Die deutsche Umgangssprache wird in der Zukunft – wie andere Sprachen auch – ihre vielen Sprachkontakte widerspiegeln, nicht nur im Wortschatz, sondern auch in ihrer Struktur. Schule und Universität sind aufgerufen, den Sprachwandel auch im Unterricht bewusst zu machen.