Viel zu lange wurde die lebende Stilikone unter uns ignoriert. Doch just als das Wort "Briefkasten" in aller Munde ist (wenn auch aus anderen Gründen), steigt der, der diesen Kasten füllen soll, in der Gunst der Modewelt empor: der DHL-Postbote. Der überall präsenten Figur der Warenglobalisierung hatte man jedoch bisher kaum einen Gedanken gewidmet. Bestenfalls sah man ihn als Zulieferer heiß ersehnter Pakete, schlimmstenfalls als faulen Nichtsnutz, der nicht mal klingelt, um das Paket abzugeben, sondern gleich den Zettel an die Tür klebt, um so Zeit zu sparen, für einen Kaffee oder eine ungesunde Zigarette, man weiß ja, welch unsäglichen Lastern die noch nicht durch Achtsamkeitstrainings geläuterte Unterschicht frönt. (In Wahrheit ist der DHL-Bote nur völlig überarbeitet.) Dieser Held der prekären Arbeit überantwortet nun den Fashionistas dieser Welt sein Arbeitskleid, sein DHL-T-Shirt. Ein zarter Hauch Baumwolle umhüllt nun ebenso zarte Hipster-Körper und verleiht ihrer edlen Blässe den angesagten ungesunden Ton. Denn das bekannte DHL-Shirt ist senfgelb – wahrlich eine kaum bekömmliche Farbe, auch der rote Schriftzug DHL mag es nicht zu verschönern.

Doch das Original tut es selbstverständlich nicht, nur die sorgfältig kopierte Version des angesagten Modelabels Vetements ist Gegenstand des Modehypes. Für diesen Akt der Kuration darf man 250 Euro bezahlen. Ist das Ironie? Normcore? Nein, das ist sogenanntes Streetware-Upcycling, sogenannte Anti-Mode-Mode. Bereits der Name des Labels verrät es: Es geht hier nur um Kleider. Mode soll wieder ruhig werden, wieder Street, wieder echt. Ein ewiger Reigen.

Selbst Deutschrapper Fler trägt Vetements, denn wenn man mit Platten reich geworden ist, muss man sich nicht mehr mit den schnöden Originalen etwa der Sportmarke Champion rumschlagen, man leistet sich jetzt die identische Version von Vetements. Nur der Preis macht den Unterschied. Über diese feinen Differenzen hatte Pierre Bourdieu einst geschrieben. Geschmack sei anerzogen und eine Form der sozialen Distinktion der Oberschicht, was der Amerikaner Mark Greif durch seine Theorie des Hipsters ergänzte, der sich in einem ewigen Zyklus der Aneignung von kulturellen Merkmalen der unteren Klassen befinde. Als wolle er die Theorien dieser beiden Intellektuellen höchstselbst verkörpern, berichtet Demna Gvaselia, der kreative Kopf des Pariser Designkollektivs, er lasse sich vom Stil der Bewohner seines Pariser Arbeiterviertels inspirieren. Er verriet auch: "Für Vetements entwerfen wir Kleidung, die die Leute auch wirklich kaufen und anziehen können." Zur Arbeit zum Beispiel – nur nicht, wenn man bei Hermes angestellt ist.