Ich erinnere mich, wie ich sie das erste Mal traf. Sie war damals Studentin, schön, kämpferisch, unglaublich intelligent. Ich lehrte an der Architectural Association in London, und Zaha war in meiner Studentengruppe. Es waren die siebziger Jahre, wir sahen uns als Gemeinschaft. Und es ging uns weniger ums Bauen, es ging uns um Ideen. Darum, wie sich die Gesellschaft durch Architektur verändern lässt. In den Nachrufen auf Zaha, die ich gelesen habe, wird meistens unterschlagen, dass ihre Arbeit politisch aufgeladen war, nicht nur in den ersten Jahren, sondern auch später.

Sie stammte ja aus einer wohlhabenden Familie in Bagdad, aus einem sehr kosmopolitischen Milieu. Zaha hat diesen Hintergrund nie verleugnet, sie verstand sich in einem emphatischen Sinne als Araberin. Und so lassen sich auch ihre Bauten verstehen, nicht unbedingt als westliche Architektur. Sie sind etwas grundlegend anderes. Und das gehört für mich zu Zahas größten Errungenschaften.

Heute wird ja oft behauptet, ihr sei es vor allem ums Spektakel gegangen. Doch das Ungewöhnliche ihrer Bauten, das Andersartige und Abweichende, lässt sich auch anders verstehen. Es geht tatsächlich zurück auf die siebziger Jahre. Damals zeigte sich überdeutlich, dass der Westen seine Dominanz einbüßte. Und es wurde auch für die Architekten wichtig, ihre Rolle zu überdenken und die üblichen Standards infrage zu stellen.

1976 reisten wir in die Sowjetunion, um uns von den Experimenten der frühen, radikalen Avantgarde anregen zu lassen. Wir lernten, in großen Dimensionen zu denken, denn das hatten die russischen Planer auch getan. Sie erwogen beispielsweise, ganz Moskau in eine grüne Stadt zu verwandeln, in der die alten Bauten abgerissen werden sollten und das Leben der Menschen sich in lauter kleinen Zellen draußen in der Landschaft abspielen würde.

Wir gingen in die Archive, studierten Pläne und Modelle, auch die von Kasimir Malewitsch. Bekanntlich hat er nicht nur Bilder, sondern auch eindrucksvolle Architekturmodelle hinterlassen, seine Architektone. Zaha war von diesen Studien sehr begeistert, sie regten ihre Fantasie an. Sie wollte erproben, wie sich die Zukunft, die bei Malewitsch sichtbar wird, möglicherweise bewohnen lässt.

Sie befreite die Formen, brachte sie zum Schweben. Man spürt in ihren frühen Entwürfen noch die Nachwirkungen eines revolutionären Geistes. Wir liebten damals die Konfrontation, das Radikale, die Kompromisslosigkeit. Und vielleicht ist es kein Zufall, dass Zahas Entwürfe später, als sich die Zeiten veränderten, weniger kantig wurden, dafür aber fließender in der Form. In Zahas Phaeno-Museum in Wolfsburg ist die frühe Schärfe noch zu spüren, ein sehr interessantes Bauwerk, für mich eines ihrer besten. Als ich es das erste Mal sah, begriff ich, dass es dergleichen zuvor nicht gegeben hatte.

Sie konnte hier etwas verwirklichen, was vollkommen neu war: archaisch und futuristisch zugleich. Hier kann man erleben, wie Zaha die Vergangenheit mobilisierte, um daraus etwas Zukünftiges zu konstruieren, sie brachte die scheinbaren Gegensätze zusammen, auf eine einmalige, nahtlose Weise. Das war eine ihrer größten Fähigkeiten.

Ich habe Zaha als eine sehr großzügige, auch lustige Kollegin erlebt, einfühlsam und klug. Und wenn sie Sofas entwarf, Vasen, Küchen oder Schuhe, dann begriff sie das immer auch als eine Chance, weiter lernen zu können. Sich nicht auf das Bauen zu beschränken, sondern ihre Fähigkeiten auch in anderen Sphären zu erproben. Sie war ungeheuer mutig, sie war neugierig, sie ließ sich für immer neue Aufgaben begeistern, und ihre Fantasie wollte sich mit den üblichen strengen Grenzen unseres Berufsstands nicht zufriedengeben.

Zaha entwickelte sich zum Medienliebling, sie wurde viel beachtet. Dieses öffentliche Bild überblendete leider oft das eigentliche Anliegen, das ihr so wichtig war: die emanzipatorischen Kräfte zu wecken und zu fördern. Das gilt auch für ihre Arbeit in Katar, die ihr viel Kritik einbrachte. Ihr war es wichtig, auch in Ländern wie diesem präsent zu sein, und das wohl nicht zuletzt, weil sie selbst als Kind erfahren hatte, wie wichtig und inspirierend es sein kann, wenn sich die Kulturen durchdringen.

Wir im Westen sollten jedenfalls vorsichtig sein, wir sind mit unseren Urteilen oft vorschnell. Wir wissen nicht, was Bauwerke auslösen können, was sie im Alltag der Menschen bedeuten. Zaha jedenfalls war voller Zuversicht, und das habe ich immer an ihr bewundert.

Aufgezeichnet von Hanno Rauterberg