Rap ist Bodybuilding für die Sprache, sie wird gedehnt, belastet, aufgepumpt. Bei Nate57 erwischt es eine Standardvokabel der Wellness-Yoga-Bionaden-Rhetorik: Achtsamkeit. In den Songs des Hamburger Rappers ist damit nicht die gesteigerte Empfindsamkeit gemeint, sondern einfach, dass einer die Ohren spitzt, während ihm das Adrenalin durch die Adern schießt. Wie das eben so läuft, wenn man Schmiere steht auf dem Kiez: "Wir schneiden Löcher in’ Zaun und stürmen den Laden / Achtsam sein! / Alarm!"

Gauna, das ist großer Straßenrap aus Hamburg und nach der Platte Ebbe & Flut von Gzuz der nächste Beweis, dass die Stadt im Genre Ghettolyrik ein exzellentes Pflaster ist. In den nuller Jahren schien man abgehängt, was die Hip-Hop-Innovationen angeht; die Musik spielte in Berlin (Sido, Bushido), in Stuttgart (Cro), in Frankfurt (Haftbefehl) oder im Pott (Snaga & Pillath).

Jetzt gibt es wieder einen Hamburger Klang: rau, am Ostküsten-Hip-Hop der neunziger Jahre orientiert (nur Haiyti aka Robbery, die musikalische Quersumme aus Falco, Nena und Lil Wayne, klingt nach dem amerikanischen Süden, wo der Rap hustensaftumwölkt aus den Boxen der Stripclubs taumelt). Schwer rollende Funkbeats, Scratching-Gemaunze, sparsam eingestreute Piano-Koloraturen: In Gauna zitiert Nate57 von Mobb Deep bis Wu-Tang Clan so bewusst die Ikonen aus New York, dass die Älteren sich freuen können übers vertonte Geschichtsbewusstsein und die Jüngeren mitnicken werden.

Achtsam, die Vokabel taucht noch einmal auf, im Song Wie ne Platte die springt. "Achtsam sein, wenn du dich in die Höhle des Löwen begibst", heißt es da. Nate57 denkt sich die Gesellschaft als Grube, in die man hineingestoßen wird. Sozialdiagnostisch ist diese Lyrik der reinste Fatalismus, aber das ist nun mal Vorrecht der Kunst, dass sie der Welt eher das Nein vorhält als umgekehrt.

"Das Leben hier ist wie ’ne Platte, die springt", raunzt Nate57 im Refrain viermal hintereinander weg, und das ist ästhetisch so konsequent, dass die Zeile gleich verordnet werden sollte fürs Proseminar Germanistik: "Weshalb bei Literatur Form und Inhalt nicht zu trennen sind".

Nathan Pedreira, so der bürgerliche Name des gebürtigen Hamburgers, nutzt für seine Songszenarien die bekannten, auch vom Stadtmarketing verwerteten Kulissen, nur dass sie hier im Zwielicht einer Schattenwirtschaft erscheinen, die die titelgebenden "Gauna" in Gang halten. Hamburg, das Tor zur Halb- und Unterwelt. In den Videos liefert die Kamera einen fiebrigen Blick auf Containerstapel und Kaimauern, muskulöse Männer übergeben Sporttaschen auf abgelegenen Parkplätzen, während im Hintergrund die Verladekräne ächzen. "Schiffe aus aller Welt bring’ den Scheiß ran / meist 1-A-Kram", erklärt das lyrische Ich, und es ist klar, dass damit nicht Teeladungen gemeint sind.

Oder der Rapper steht im Graffitigewitter einer Unterführung von Altona, es sieht nach New York aus, Ende achtziger Jahre, als die Stadt von Crack geflutet wurde und Drogenbosse Hip-Hop-Labels zur Geldwäsche nutzten.

Der Beat wird perforiert von Polizeisirenen, man glaubt die frühen Public Enemy zu hören mit ihrem Sound des Ausnahmezustands. Wie kaum ein anderer deutscher Hip-Hopper identifiziert sich Nate57 mit dem amerikanischen Rap-Kanon, aber das macht seinen Stil nicht altmodisch, es gibt ihm eher eine historische Patina, durch die die Härte der Gegenwart schimmert. "Generationen davor waren noch froh, dass sie es herschafften / Jetzt geht es um Wertsachen / jeder will den Safe knacken", rappt er in Mit der Basy. Das kann man als politisch inkorrekte Ausländerfolklore verstehen oder als schnoddrige Kapitalismuskritik. Für kieznostalgische Verklärung ist in diesem Werk jedenfalls kein Platz: "Das ist Pauli, die Insel / hier endet so manche Reise / Grab nen Tunnel zum Schatz, Mann / egal auf welche Weise."

Anders als beim Berliner Straßenrap, dessen Protagonisten sich als aufgeblähte Maskottchen der Profitmaximierung für kein Product-Placement zu schade sind (Benz, Gucci etc.), wird hier der Verteilungskampf nicht glorifiziert. "Kneipen, Casinos, Discos neben Bordells", heißt es im Stück Kein Para, kein Sinn ( para, Türkisch für Geld). "Füchtlinge oder Hells / paar Gruppen gründen Kartells". Migrationspolitisch schwer bedenklich, der Vers, aber als Schlaglicht auf die Verhältnisse perfekt.