Anita Fetz ist SP-Ständerätin in Basel. © privat

Die oberbayerische Gemeinde Dietramszell geriet unlängst wegen eines Kuriosums in die Schlagzeilen: Der Gemeinderat wollte 2013 – 68 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges – weder die Ehrenbürgerschaft Adolf Hitlers noch jene seines Förderers und ehemaligen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg aufheben. Die Schwierigkeiten mit der Vergangenheitsbewältigung mögen mit der geografischen Nähe zu Österreich zusammenhängen. Auf jeden Fall musste der Gemeinderat seinen Entscheid nach einer Protestwelle innert Wochenfrist revidieren.

Die Dietramszeller begründeten ihre spektakuläre Kehrtwende mit einem Irrtum: Sie seien davon ausgegangen, dass die Ehrenbürgerschaft ohnehin mit dem Tod des geehrten Bürgers erlösche. Dass sich die Bronzebüste von Hindenburgs infolgedessen nicht von selbst auflösen würde, muss irgendwie vergessen gegangen sein. Ein Aktionskünstler nahm sich des Problems an und befreite die Ortschaft von der unliebsam gewordenen Kunst.

Dass sich das Symbolhafte von Büsten gegen diese selbst richten kann, wissen wir spätestens seit dem Zerschlagen von Stalin- und Lenin-Statuen. Das waren befreiende Handlungen. Gerade wegen ihrer Symbolwirkung.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 16 vom 7.4.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Nur: Mit einer verliehenen Ehrendoktorwürde geht das nicht so flott. Die Universität Lausanne kennt dieses Problem. Bis heute sieht sie davon ab, Mussolini posthum die Ehrendoktorwürde abzuerkennen, die sie ihm 1937 verliehen hat. Die Verleihung führte angesichts der Gräuel in Abessinien schon damals zu einem Aufschrei der Empörung. Standpunkt der Universität: Man kann die Geschichte nicht neu schreiben. Aber man muss für Aufklärung sorgen. Deshalb haben die Verantwortlichen vor dreißig Jahren sämtliche Dokumente zum Vorgang veröffentlicht.

Ich finde, dieser Gedanke hat ganz entschieden etwas für sich. Wir sollten ihn für unser tägliches Leben übernehmen. Oft spazieren wir an Straßen vorbei, deren Namen an frühere Ehrbezeugungen erinnern. Wird ein Weg nach jemandem benannt, so erfährt der Auserwählte jedoch in der Regel gar nicht mehr davon, weil er meist schon tot ist. Das ist eigentlich schade. Auch soll die Benennung üblicherweise nicht der Warnung oder Abschreckung dienen, im Gegenteil. Wir sollen uns stolz an die Leistungen der Gottfried Kellers, Johann Peter Hebels und General Guisans erinnern (an Frauen eher seltener, aber das wollen wir hier nicht vertiefen).

Aber was ist mit den weniger angenehmen Erinnerungen? Sollen wir die aus unserem Leben verbannen? Ist das nicht ein gigantisches Schön-Lügen, eine einzige Verdrängung? Und warum warnen wir nicht vor (noch) Lebenden?

Mein Vorschlag: Um einen Anfang zur Aufklärung zu machen, könnte die Stadt Bern eine Sackgasse oder einen Holzweg nach einem zahnlosen Verteidiger des Bankgeheimnisses benennen. Den Menschen zur Lehre und uns Schweizerinnen und Schweizern zur Mahnung: Wer zu spät kommt, zahle einen hohen Preis.