Dass Götz Friedrichs sagenhafte Inszenierung von Wagners Ring des Nibelungen seit sagenhaften 32 Jahren den Spielplan der Deutschen Oper Berlin ziert und nach wie vor für ein ausverkauftes Haus sorgt: geschenkt. Repertoirealltag. Ein Geniestreich, dieser "Zeittunnel" des Bühnenbildners Peter Sykora, voller Ewigkeit und Magie. Dass die Bayerische Staatsoper in München es nicht wagt, ihren Rosenkavalier aus dem Jahr 1972 (Regie: Otto Schenk, Bühne: Jürgen Rose) zu begnadigen, wiewohl die Kulissen längst zu Staub zerfallen: ebenfalls geschenkt. Die Aufführung ist ein Mythos, und wo, wenn nicht in der Oper, käme die Nostalgie zu ihrem Recht, die leibhaftige Erinnerung an glorreiche Zeiten. Zeiten, in denen das Theater gesellschaftlich etwas galt und tatsächlich Agora war, Marktplatz, Bühne für alle. Im Theater machte man jene Identitäts- und Fremdheitserfahrungen, die einen die Wirklichkeit besser begreifen ließen, und war für jede Revolution offen.

Beispiele wie der Berliner Ring oder der Münchner Rosenkavalier lassen sich in der europäischen Theaterlandschaft zahllose finden, gerne auch mit noch älteren Herstellungsstempeln. Die politischen Ereignisse um 1989, das Scheitern der linken Utopien hatten in den Opernhäusern viel Heulen und Zähneklappern ausgelöst: Als hätten die Verantwortlichen gewusst, dass die glorreichen Zeiten vorüber sind, klammerten sie sich fester denn je an das, was da war. Und hegten ihr Repertoire wie einen jahrzehntealten Termitenbau. Wobei nicht allein Sykoras "Zeittunnel" konserviert werden sollte, sondern vor allem das (eigene) Lebensgefühl und die Kunstanschauungen, die ihn hervorgebracht hatten.

Wenn nun Serge Dorny, Intendant in Lyon, in der nächsten Spielzeit ein "Festival Mémoires" ausruft, Festspiele der Erinnerungen, und innerhalb von zwei Wochen Ruth Berghaus’ Dresdner Elektra-Inszenierung von 1986 zeigt, Heiner Müllers legendären Bayreuther Tristan von 1993 und Klaus Michael Grübers Sicht auf Monteverdis Krönung der Poppea " in Aix-en-Provence 1999, dann kann das vieles sein: ein lehrreicher Besuch im Theatermuseum des späten 20. Jahrhunderts, eine Kapitulation vor der handwerklich-konzeptionellen Qualität der alten Meister, eine Provokation (weil man Dorny, dem Adlatus Gerard Mortiers, zuallerletzt so viel Regression zugetraut hätte) – oder gar der erste Schritt in Richtung eines Paradigmenwechsels. So wie es das Publikum noch Mitte des 19. Jahrhunderts befremdlich fand, Musik von toten Komponisten vorgespielt zu bekommen (Musik gehörte den Lebenden), so befremdet es uns heute, Inszenierungen von toten Regisseuren zu betrachten. Noch.

Regiebücher und audiovisuelle Medien mögen es möglich machen und leicht wie nie, auch denkt man natürlich an Bertolt Brecht und Walter Felsenstein, die beiden Ahnväter des Regiegeschäfts, an ihre "Modellinszenierungen", akribisch festgehalten und so und keinesfalls anders gemeint; die Vorstellung einer Inszenierung der Inszenierung, eines Bühnenrepertoires 2.0 bleibt dennoch seltsam. Steckt am Ende nicht mehr dahinter als die Trauer einiger ewig Gestriger über den eigenen Bedeutungsverlust? Oder ist es der nächste, logische Schritt in Richtung Auflösung unseres angeknacksten Autoren- und Werkbegriffs? Im Kino bilden Reenactments eine eigene Gattung und Tradition, auch Pop und Architektur reiten seit geraumer Zeit erfolgreich auf der Retro-Welle. Nun hält das Postulat der Gleichzeitigkeit von allem mit allem also auch auf der Opernbühne Einzug.

So gesehen geben sich die Salzburger Osterfestspiele ungewöhnlich progressiv. 2017 werden sie 50 Jahre alt und feiern dieses Jubiläum mit einer Wiederbelebung von Herbert von Karajans Walküre-Inszenierung von 1967 (der Dirigent gerierte sich gerne auch als Regisseur). Christian Thielemann als künstlerischer Leiter der Festspiele und sein Geschäftsführender Intendant Peter Ruzicka aber wollen sich nicht damit begnügen, die alten Bühnenbilder von Günther Schneider-Siemssen zu rekonstruieren (viel blanke Leere à la Wieland Wagner mit viel sphärischem Wabern) und zu schauen, ob von den einstigen Regieassistenten womöglich noch einer lebt; nein, sie haben mit Vera Nemirowa und Jens Kilian ein veritables Regie-Team engagiert, das sich dem "historischen Original" ganz aus heutiger Sicht nähern soll. Serge Dorny in Lyon nennt das den "Spiegel der Zeit", Thielemann/Ruzicka sprechen gar davon, auf diese Weise die "Bühnenästhetik von gestern, heute und morgen" zu erkunden.

Interessant ist das allemal, nicht nur für die, die schon damals dabei gewesen sind. Vielleicht schauen einen die Jahre 1967, 1986, 1993 und 1999 so alt an, wie sie sich auf dem Papier lesen. Ganz sicher haben unterschiedliche Ästhetiken unterschiedliche Halbwertzeiten. Und natürlich fragt man sich: Wo stünden Herbert von Karajan, Ruth Berghaus, Heiner Müller, Klaus Michael Grüber und Götz Friedrich heute? Bilden wir uns nur ein, dass unsere post-heroischen, post-kapitalistischen Zeiten solche Künstlerpersönlichkeiten gar nicht mehr hervorbringen – oder ist es tatsächlich so? Und wenn ja: was dann?

Götz Friedrichs Berliner Ring wird 2017 übrigens abgesetzt. 2020 soll ihm ein neuer folgen, in der Regie von Stefan Herheim – wobei sich "soll" auf die Konkurrenz bezieht, die Staatsoper Unter den Linden, die unter Federführung ihres Generalmusikdirektors Daniel Barenboim und wider alle Absprachen der Berliner Opernstiftung just 2020 ebenfalls zu einem neuen Ring anheben will. Der alte, in Szene gesetzt von Guy Cassiers, mag ein Flop gewesen sein. Dass Barenboim ihn als Klotz am Bein nicht weiter mit sich herumschleppen möchte: verständlich. Dass Großaufführungen wie diese heutzutage nicht einmal zehn Jahre alt werden, ist trotzdem betrüblich und gibt allen Regie-Nostalgikern recht.

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