Im Finanzparadies ist der Teufel los, und ausgerechnet jetzt verschwindet Carlos. "Er hält sich in einem Land auf, dessen Identität wir nicht preisgeben wollen", sagt der Kontakt in Panama City, der sich in den – nun ja – kreativeren Aspekten des Finanzgeschäfts auskennt. Aber Carlos, sagt der Gesprächspartner, sei an diesen Dingen noch viel näher dran. "Er wird Sie zurückrufen."

Macht er auch, noch in derselben Nacht. "Hier ist Carlo", sagt Carlos auf Englisch mit spanischem Akzent. Er sei Anwalt und Finanzberater, geboren in Panama und hineingewachsen in den Finanzmarkt dort. Seit 1998 löse er knifflige Vermögensfragen für eine erlesene Schar von Klienten. "Ich bin ein kleiner Fisch", sagt Carlos, doch damit sei er für Panama auch viel typischer als die Skandalkanzlei Mossack Fonseca. Leute wie ihn gebe es zu Hunderten in der Stadt.

Carlos gründet, so sagt er, im Auftrag seiner Klienten Unternehmen und Stiftungen, die in aller Regel nichts als Scheinfirmen sind. Solche Briefkastenfirmen dienen dazu, Besitztümer zu verstecken: Ihnen gehört irgendetwas, zum Beispiel eine Fabrik oder eine Farm, aber die Firmeninhaber werden durch Tricks verschleiert. Dabei helfen bewährte Rechtskonstruktionen aus bekannten Geldverstecken wie Delaware (USA) und Liechtenstein. Außerdem gibt es in Panama Möglichkeiten, die anderswo längst verpönt sind: zum Beispiel Unternehmen mit Inhaberaktien, deren Besitzer in keinem Register auftauchen.

Panamas Regierende sind stets besonders störrisch, wenn internationale Anstrengungen gegen Geldwäsche und Steuerflucht unternommen werden. Für die Reiche-Länder-Organisation OECD ist Panama "der letzte große Schlupfwinkel" für Finanzflüchtlinge auf der Welt.

"Und doch gibt es jede Menge legitimer Gründe, sein Geld zu verstecken!", sagt Carlos, bei dem Thema kommt er in Fahrt. "Wenn Sie zum Beispiel einen Autounfall anrichten und große Schadensersatzforderungen auf Sie zukommen. Sonst haften Sie mit allem, was Sie besitzen!" Wie ist das eigentlich mit Ihnen, Carlos? Warum so geheimnisvoll? Mussten Sie raus aus Panama? "Ach was", sagt Carlos. "Meine Exfrau hat Unterhaltsforderungen. Sie soll nicht wissen, wo ich stecke."

Seit vergangenem Montag macht Carlos sich Sorgen. "Die Panama-Papiere werden die Geschäfte auf jeden Fall erschweren", sagt er, "sicher landen wir wieder auf irgendwelchen schwarzen Listen." Tatsächlich steht Panama schon länger unter Druck, weil der Westen Anti-Offshore-Kampagnen fährt. In Panama findet man das unfair. Schließlich war das Land 1903 überhaupt erst von den USA gegründet worden, und gleich übernahmen Entsandte der Wall Street die Geschäfte am Ort. In den Siebzigern war das Land ein Paradies für Freunde erzliberaler Regelungen für Seefahrt, Handel und Finanzen.

All das nutzte auch den USA. So half Panama bei der Finanzierung von Operationen gegen linke Rebellen Lateinamerikas mit, und es bot sich als Versteck für die geraubten Besitztümer rechter Diktatoren an, die von den USA gefördert wurden. Die nützliche Partnerschaft bekam einen Knacks, als Regierungschef Manuel Noriega sich politisch mit dem großen Nachbarn anlegte – und George Bush senior 1989 Truppen schickte. Seit 2011 hat sich das Verhältnis erneut eingetrübt, weil die USA nun skeptischer auf die Geldwäsche schauen – wegen Terrorfinanzierung, Drogen und Steuerhinterziehung.

"Ich arbeite hier mit Banken, die über die vergangenen 15 Jahre quasi all ihre US-Kunden rausgeworfen haben", erzählt Carlos. Das sei aber kein Problem. "In den vergangenen Jahren gab es eine gewaltige Geldflucht aus Venezuela und Argentinien, wegen der sozialistischen Regierungen dort." Die Panama-Papiere belegen das nun.

"Und wissen Sie, was das Paradoxe ist?", fragt der Finanzberater Carlos. "Ich sehe bei vielen Kunden im Augenblick die Tendenz, dass sie ihr Geld in den USA anlegen: Nevada, Delaware und Wyoming machen uns Konkurrenz!" Er selbst rät vorsichtigen Kunden seit Wochenbeginn: Raus aus Panama. Zumindest für einige Zeit. "Singapur ist ein hervorragend verschwiegenes Finanzzentrum und auch Dubai. Und die Cayman Islands und die Bahamas, die lange im Fokus der Ermittler standen, aber inzwischen nicht mehr so sehr."

Ausruhen dürfe man sich eh nicht in diesem Geschäft. Das Geld müsse wandern – alle paar Jahre in ein anderes Versteck. Carlos, der Berater, findet das gut: "Ich habe überall meine Kontakte und kann meinen Kunden Lösungen anbieten – bei persönlichen Treffen oder über verschlüsselte Telefonleitungen. Bei mir finden Sie völlige Diskretion!"