Es ist nur ein einziges Datenleck. Nur eine einzelne Kanzlei, Mossack Fonseca. Nur ein Land, das jetzt in den Fokus geraten ist durch die Panama Papers – und schon zeigt sich ein weltumspannendes Schattenreich aus Verschlagenheit, Zynismus und Gier. Die Enthüllungen der Süddeutschen Zeitung zusammen mit einem internationalen Medienkonsortium offenbaren einen Abgrund: 11,5 Millionen Dokumente über Briefkastenfirmen, Steueroasen, Geldwäsche und Korruption.

Aber es gibt viele solche Kanzleien. Viele Staaten mit Gesetzen, die nur der Förderung mieser Geschäfte dienen. Was wäre, wenn es überall Datenlecks gäbe? Wenn alles ans Licht käme?

Tag für Tag, zwei Wochen lang werden wir jetzt mit Enthüllungen aus den Panama Papers konfrontiert werden. Es gibt Sondersendungen, Talkshows, selbst das Buch zum Scoop ist schon erschienen. Noch ist es zu früh, den ganzen journalistischen Ertrag dieses Unterfangens abzuschätzen. Dafür liegen zu viele Informationen vor, 2,6 Terabyte geheime Dokumente, die ein Jahr lang ausgewertet wurden, unter teils hohem Risiko für die beteiligten Journalisten. Das kann kein Blogger am Küchentisch, kein Autorenkollektiv mit Crowdsourcing. Nur professionell arbeitende Qualitätsmedien haben die Ressourcen, um ein solches Projekt zu stemmen. Hier zeigen sie einmal, wofür sie vor allem da sind: die Wahrheit ans Licht zu bringen. Und es ist schon jetzt mehr als genug Wahrheit, um sie all jenen, die von "Lügenpresse" reden, um die Ohren zu hauen.

Sicher, nicht jede Briefkastenfirma ist illegal, nicht in jeder steckt Schwarzgeld. Aber jeder Steuerbetrüger, jeder Schwarzgeldwäscher liebt Briefkastenfirmen. Und die Kanzlei Mossack Fonseca hat offenbar mit fast allen großen deutschen und internationalen Banken zusammengearbeitet, um ihren Klienten dabei zu helfen, Geld in Offshore-Oasen zu verstecken: chinesischen Parteiführern, westlichen Wirtschaftsbossen, Drogenbaronen, Putin-Vertrauten. Es ist eine Internationale der Illoyalität, die ihre Solidarität mit den restlichen 99 Prozent der Menschheit aufgekündigt hat.

Fassungslos fragt man sich: Warum braucht ein saudischer Prinz eine Steueroase, wo er doch einen ganzen Wüstenstaat besitzt? Wieso muss ein Fußballstar wie Messi sein Geld verstecken?

Noch ist nicht abzusehen, welche politischen und gesellschaftlichen Konsequenzen die Panama Papers haben werden. Manche rechnen bereits mit einem Ende des globalisierten Turbokapitalismus. Andere hoffen – nun endlich – auf ein Durchgreifen der Staaten. Nicht auszuschließen ist freilich auch, dass das System am Ende so unberührt bleibt wie die NSA von den Snowden-Enthüllungen: viel Empörung, große Reformversprechen, null Resultate. Aber bei der NSA gab es, bei aller Übertreibung, noch einen echten politischen Zielkonflikt zwischen Freiheit und Sicherheit. Hier gibt es lediglich Gier ohne Grenzen.

Sicher ist nur eines: Im Westen werden die Panama Papers wie ein Brandbeschleuniger wirken in der massiven Vertrauenskrise, die sich gegen weite Teile der Eliten richtet. Politiker, Unternehmer, Banker, Journalisten stehen in Misskredit wie noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg – in Europa wie in den USA. Das Anti-Elitäre ist die Stimmung der Stunde.

Die Menschen spüren, und sei es instinktiv, dass etwas grundsätzlich schiefläuft. Dass vom globalisierten Kapitalismus nur sehr wenige (Individuen und Großkonzerne) unfasslich stark profitieren. Dass die Politik eher die Banken raushaut, als sie wirksam zu regulieren. Dass für die Reichen offenbar doch andere Regeln gelten als für alle anderen. Dieses Wissen erzeugt Wut, und von dieser Wut profitieren linke und rechte Populisten, die AfD in Deutschland, der Front National in Frankreich, Donald Trump und Bernie Sanders im US-Vorwahlkampf. "Die da oben" sind weltweit in Verschiss – und die Panama Papers liefern 11,5 Millionen zusätzliche Erklärungen, warum das so ist.

Was wir nun brauchen, sind bessere internationale Regeln. Und einen Kulturwandel der Eliten. In Island hat er schon begonnen. Dort trat der Ministerpräsident aufgrund der Enthüllungen am Dienstag zurück. So schnell war Journalismus noch selten wirkmächtig.

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