Man ist wieder so müde, den Kopf möchte man kurz auf der Tastatur ablegen. Woher die Müdigkeit? Das Frühjahr? Die Spaziergänge am Wasser, zu denen das Wetter zwang? Oder war es Jan Böhmermanns jüngstes Video? Das, zu dem sich dann auch noch die Bundeskanzlerin geäußert hatte, das, in dem er Erdoğan in einem "sogenannten Schmähgedicht" (Steffen Seibert) absichtlich so übel beleidigt, dass das ZDF das Video löschte, was wiederum genau das war, was Böhmermann wollte, satirisch zeigen, welche Satire man nicht machen darf. Eben ein Böhmermann-Video, total kompliziert, Ablagefläche für tausend Metagedanken, die die Lider schwer machen.

An diesem Freitag bekommt der Moderator für einen anderen Beitrag dieser Bauart seinen zweiten Grimme-Preis, für Varoufake: seine gelungene Fälschung einer Fälschung, als er im vergangenen Jahr so tat, als hätte er Varoufakis’ Mittelfinger in ein Netzvideo hineinmanipuliert. Mit diesen Spielchen hat der unendlich talentierte Böhmermann sich in seiner bisherigen Karriere erfolgreich darum gedrückt, einen wirklich schönen Witz machen zu müssen – und es trotzdem zum wichtigsten deutschen Fernsehkomiker der Gegenwart geschafft, inzwischen wird er sogar schon in US-Talkshows eingeladen. Seine in sich selbst verschränkten Plots werden nicht als verkopft ignoriert, sondern gerade wegen ihrer Komplexität beachtet. Bei den Online-Nachrichtenseiten arbeiten inzwischen professionelle Böhmermann-Erklärer, die seine Videos interpretieren, kommentieren, kritisieren. (Was ja auch dieser Text hier wieder tut. Hilfe, noch ein Text über ein Böhmermann-Video! Wir können nicht mehr aufhören!) Um pro forma den Ansprüchen an eine Debatte zu genügen, werden die Exegesen mit politischen Begriffen bestückt. Es geht dann darum, ob seine Beiträge rassistisch waren, ob er ordnungswidrigerweise das liberale Weltbild des weißen Mittelschichtsmannes vertritt. Dabei ist Böhmermann reaktionär höchstens in dem Sinne, dass sein Schaffen aus Reaktionen besteht, die dauernd Reaktionen evozieren, die dann noch mehr Reaktionen erzwingen. Und die liberale Mittelschicht vertritt der "kleine dünne Mann im ZDF", wie Ronja von Rönne, eine Schwester im Ennui-Geiste, ihn in der Erdoğan-Sendung nannte, vor allem weil er so blass aussieht und müde von den Selbstbezüglichkeiten.

Wenn Böhmermanns ehemaliger Auftraggeber Harald Schmidt ein Zyniker, Pessimist und Skeptiker war, philosophisch also irgendwo zwischen Cioran, Hume und Diogenes stand, wo steht dann Böhmermann? Mit seinem Versteckspiel zwischen den Metaebenen müsste sein Hausphilosoph eher Wittgenstein sein, der uns mit seinem Bild vom Fliegenglas den Weg zu einem therapeutischen Philosophie-Verständnis gewiesen hat: Wie Fliegen sind wir, gefangen in einem Labyrinth, in das wir uns selbst begeben haben mit unserer Nachdenkerei. Jetzt müssen wir wieder herausfinden, weil Philosophie uns keine Antworten geben und nur die in die Welt gekommene Verwirrung wieder entwirren kann. So wie Komik uns keine Witze liefern kann, sondern nur Verwirrungen, aus denen wir uns dann als Lachersatz wieder herausdenken dürfen.

Böhmermanns Fliegengläser passen zu gut in eine Zeit, in der wir nach einem Terroranschlag erst einmal twittern, ob die Reaktionen, die wir zum Terroranschlag twittern, auch die richtigen Reaktionen sind. In eine Zeit, in der wir uns so schnell wie möglich um uns selbst drehen, in der vagen Hoffnung, dass wir dann irgendwann endlich abheben.

Tun wir natürlich nicht. Auch Böhmermann bringt uns wie alle Late-Night-Helden der Fernsehgeschichte nicht in die Luft, sondern in den Schlaf. Bloß ist der Schlaf nach einem seiner Videos ein anderer, er ist viel schwerer und fühlt sich an, als könne man gar nicht mehr aufwachen.