Am Sonntagabend bricht das bunte Leben in den sonst von Paragrafen und Steuerabkommen geprägten Arbeitsalltag des Achim Pross herein. Er rast gerade im Eurostar mit 300 Stundenkilometern unter dem Ärmelkanal hindurch, von London nach Paris in weniger als zweieinhalb Stunden. Schon unzählige Male ist er die Strecke gefahren, diesmal jedoch poppen auf seinem Telefon immer neue Nachrichten über immer neue Prominente auf: über Islands Premier Sigmundur Gunnlaugsson, über den ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko, den argentinisch-spanischen Fußballstar Lionel Messi, verbunden mit einem Strom von Meldungen über Briefkastenfirmen, der kein Ende zu nehmen scheint.

Pross begreift schnell, dass dies sein Glückstag ist. Die berühmten Namen werden alles verändern, sein Moment ist gekommen. "Eigentlich darf ich nachts gar nicht mehr schlafen", sagt er am Montagabend, nur ein paar Stunden nach Erscheinen der Zeitungen, in einem kleinen Pariser Bistro. Pross ist noch etwas aufgedreht, was nachvollziehbar ist, denn die Meldungen dieses Tages setzen einen großen Gegner des Juristen unter Druck.

Pross führt bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) den weltweiten Kampf gegen Steueroasen an, er hatte in den vergangenen Jahren Erfolge gegen Liechtenstein, Luxemburg und die Schweiz errungen, die sich in seinen Verhandlungen zu internationaler Kooperation verpflichtet haben. Nur ein Land weigerte sich, etwas zu ändern: Panama. Die Meldungen vom Montag, als die Süddeutsche Zeitung mit anderen Medien aus der ganzen Welt über Tausende Briefkastenfirmen in Panama berichtete, könnten das ändern. Nach diesem Tag mit der großen politischen Aufmerksamkeit weiß Pross: "Das eröffnet uns auch neue Spielräume."

Tatsächlich wollen die mächtigen Regierungen der Welt Panama auf einmal nicht mehr in Ruhe lassen. Der französische Präsident François Hollande forderte unmittelbar nach Bekanntwerden der Recherchen "juristische Konsequenzen", amerikanische Behörden durchforsten nun die Informationen aus den Zeitungen nach Korruptionsfällen, Beamte im deutschen Bundesfinanzministerium arbeiten an einem Register für Briefkastenfirmen, das festhalten soll, wer hinter ihnen steckt. Der zuständige Minister Wolfgang Schäuble plant, die Vorschläge seiner Leute schon während der Frühjahrstagung des Internationalen Währungsfonds in Washington in zwei Wochen zu diskutieren.

Die Briefkastenfirma als Geschäftsmodell gerät damit weiter in die Defensive. Auf internationalen Druck hin hat es diese bei Steuerhinterziehern und Kleptokraten beliebte Einrichtung ohnehin schon schwer. Panama galt als eine der wenigen Bastionen mit Zukunft, in die sich der juristische Sitz eines Unternehmens verlegen ließ, um dort hinter einer Postadresse Gesellschafterverträge oder Besitzverhältnisse zu verschleiern. Der Druck auf das mittelamerikanische Land dürfte nun zunehmen. Schließlich stecken eher selten ehrenhafte Motive hinter den Konstruktionen, wie etwa die Tatsache, dass manche Menschen ihres Geldes in der eigenen Heimat nicht sicher sein können. Da kann die im Panama-Fall berühmt gewordene Kanzlei Mossack Fonseca noch so sehr ihre Unschuld beteuern. Man sei nicht daran beteiligt, "ungesetzliche Handlungen wie Steuerhinterziehung zu verbergen". OECD-Mann Pross sagt dazu: "Das halte ich bei 200.000 gegründeten Briefkastenfirmen doch für sehr unwahrscheinlich."

Eines ist klar: Oftmals sind keine lauteren Absichten mit den Scheinfirmen verknüpft. Das hat andere Staaten nicht immer gestört. So legten im Jahr 1981 amerikanische Steuerfahnder zwar einen Bericht zum Thema vor. Der damalige Präsident Ronald Reagan hatte aber andere Prioritäten: Steuerflucht galt in seiner Ideologie der großen Deregulierung als Ausdruck gesunden Wettbewerbs der Staaten um mobiles Kapital – und nicht wie heute als Angriff auf das Gemeinwesen.

Das mobile Kapital, so ging die Erzählung, schafft Wohlstand. Sie änderte sich erst, als Banken im Zuge der Finanzkrise ins Zwielicht gerieten, weil die Steuerzahler sie mit Milliardensummen vor dem Zusammenbruch bewahren mussten. Aus der Geschichte vom Wohlstand durch mobiles Kapital wurde die Geschichte von geretteten Banken, die dem Staat mobiles Kapital vermögender Kunden durch Briefkastenfirmen vorenthalten. Dazu kam, dass mehrfach interne Datensätze aus Banken an die Öffentlichkeit gerieten. In Deutschland verkaufte zum Beispiel der Liechtensteiner Heinrich Klieber im Jahr 2008 Kundendaten mutmaßlicher Steuerhinterzieher für 4,6 Millionen Euro an den Bundesnachrichtendienst. Und in den USA lieferte der Bankmanager Bradley Birkenfeld Beweise dafür, dass die Schweizer Bank UBS Amerikanern bei der Hinterziehung von Steuern geholfen hat. 2009 zahlte das Institut 780 Millionen Dollar Strafe und gab die Namen von 4.500 mutmaßlichen Steuerhinterziehern heraus.