Selbstwiederholung klingt so negativ. Man könnte es auch freundlicher formulieren und feststellen: John Irving hält seinen Themen (Ringen und anderen robusten Sportarten, Schriftstellerei und Virilität, Sex und Religion, Prostitution und Priesterschaft, Waisenkindern und Außenseitern, starken Frauen und vaterlosen Söhnen) seit vielen Jahren die Treue. Straße der Wunder ist sein vierzehnter Roman. Wer ihn aufschlägt, betritt die typische Irving-Welt. Wer ihn nach knapp 800 Seiten zuschlägt, fragt sich allerdings doch, ob literarisches Material unter einem Übermaß an Treue seitens des Autors nicht irgendwann leidet.

Auch diese Überlegung ist ein alter Hut. John Irving, der sich jüngst in Kanada niedergelassen hat und von dort ätzende Kommentare gegen Donald Trump abfeuert, kann die Kritiken, in denen ihm Wiederholungsmanie vorgehalten wurde, vermutlich kaum mehr zählen. Nun gehört der 73-Jährige zu den wenigen Literaturchampions, deren Selbstbewusstsein sich mit Selbstironie paart. Irving schafft es, einem Zeitungsreporter von seinem überwundenen Prostatakrebs so zu erzählen, dass eine flapsige Anekdote herauskommt. Hierzulande irritiert dieser lockere Zungenschlag mitunter. Die Trauerrede, die John Irving im vergangenen Mai im Lübecker Theater auf seinen Freund Günter Grass hielt, fand nicht jeder angemessen würdevoll.

Auch in Straße der Wunder erweist er sich als Selbstironiker. Die Hauptfigur des Romans heißt Juan Diego, ist 54 Jahre alt, mexikanischer Herkunft und Schriftsteller. Ein Beruf, den außer Garp in dem Welterfolg Garp und wie er die Welt sah (1978) noch ein paar andere Irvingsche Helden ausüben, die biografisch einander so auffallend ähneln wie dem Autor. Irving hat spürbar Spaß daran, diese Verwandtschaft durch eingestreute Pointen noch zu betonen. So finden sich in Juan Diegos literarischem Werk einige Titel, Zirkuskind beispielsweise, die sich auch in seinem finden. Und wenn der fiktive Promi-Schriftsteller Juan Diego am New Yorker Flughafen von zwei Damen erkannt und beflirtet wird, die sich als zitatfeste Leserinnen erweisen, dann kommentiert er die überragende Bedeutung des weiblichen Geschlechts für den Fortbestand der Literatur mit inneren Monologsätzen, die man fast wortwörtlich aus Interviews John Irvings kennt.

Warum auch nicht? Gegen ironische Selbstreferenz lässt sich grundsätzlich so wenig einwenden wie gegen den Gemütszustand der Alterslässigkeit, den der Altprofi John Irving offensichtlich erreicht hat. In der Literatur ist es mit der Lässigkeit aber so eine Sache. Sie kann im besten Fall einen untererregten Erzählton erzeugen, der im spannenden Kontrast zum aufregenden Inhalt steht. Sie kann im schlechteren Fall jene Art Nonchalance hervorbringen, die zur formalen Auflösung tendiert. Beides macht sich in Irvings neuem Werk störend bemerkbar.

Dass Romandialoge auch mal vor sich hin schlendern und, wie im richtigen Leben, an der langen Leine laufen, ist klar. Aber hier hängen sie seitenweise durch. Auf der Straße der Wunder wird geplappert, räsoniert und sentenziös schwadroniert ("Ich glaube, es gibt in jedem Leben einen Augenblick, in dem du entscheiden musst, wohin du gehörst"), was das Zeug hält. Dass sich Juan Diego auf seiner Reise – sie ist die Rahmenhandlung des Romans – von New York nach Hongkong, von da auf die philippinischen Inseln, im halluzinierenden Delirium befindet, da er sich wechselweise Betablocker und Viagra zuführt, ist verständlich. Aber als Running Gag, der verlässlich alle zehn Seiten und bei jeder Sexszene auftaucht, wirkt die Chemiemixtur auf den Leser nicht weniger ermüdend als auf den Mann selbst. Dass die zwei Leserinnen, eine distinguierte Mutter und ihre erotisch höchst undistinguierte Tochter, bei jeder Reisestation wie geheimnisvolle Schutzengel auftauchen und den Schriftsteller, mal die eine, mal die andere, nächtens im Hotelbett beglücken, das fällt in den Bereich des Fantastischen, der sich an empirischer Wahrscheinlichkeit nicht messen lassen muss. Nur verödet die Fantasie, wenn Juan Diego bei jedem zweiten Blowjob seinen Kommentar von der Unverzichtbarkeit weiblicher Leserschaft abruft.