Toni Polster grübelt, ein seltener Anblick. Er sitzt in der Kantine seines Vereins, des SC Wiener Viktoria, und fragt sich, ob er mit seinen 52 Jahren noch eine steile Trainerkarriere hinlegen wird. "Warum nicht", grinst er schließlich schelmisch, "ich bin ja noch jung." Was nach Galgenhumor klingt, hat Polster berühmt gemacht. Er ist der Kicker mit Schmäh, der es vom Fußballplatz auf die Showbühne geschafft hat. Ein bisschen Spaß musste immer sein.

Polsters Image ist Segen und Fluch zugleich. Es war stets Goldesel und Marketinginstrument, es bescherte lukrative Werbeverträge. Gleichzeitig versperrt ihm das Bild des Schmähbruders aber den Weg zum ernst genommenen Trainer. Während viele seiner einstigen Kollegen im Profifußball weiterwerken, trainiert Toni Polster – der Superstar seiner Generation – in der Wiener Fußballprovinz einen Viertligisten.

Vor einem Jahr fasste ein Fernsehauftritt das ganze Dilemma in wenige Minuten bewegter Bilder zusammen. Im deutschen Privat-TV sollte Polster in seiner Paraderolle als Schmähbruder mit Pointen-Garantie auftreten. Nur: Er machte nicht mit. Gerade als er den nachdenklichen Trainer geben wollte, spielte die Regie Kalauer aus seiner Vergangenheit ein. Toni singt Toni, lass es polstern . Toni verarscht einen deutschen Reporter. Toni treibt mit zwei Bällen in der Hand Schabernack. Im Studio lächelte er gequält und sagte: "Im Fokus meines Denkens steht der Trainerberuf", während der Moderator enttäuscht dreinblickte.

Polster möchte ins seriöse Fach wechseln – vom Klassenclown zum Musterschüler. Er möchte als Fußballlehrer ernst genommen werden. Ein schwerer Weg. Er tanzte als Dancing Star, trällerte im Musikantenstadl, kochte beim Promi-Dinner – und sorgt in Talkshows für Blödeleien. Polster lädt man nicht zur trockenen Taktikanalyse ein, sondern zum Sprücheklopfen.

Sein Arbeitsplatz liegt in Wien-Meidling, zwischen Bahngeleisen und Betonblöcken. Jogginghosenträger und Hundebesitzer mit tiefen Lebensfurchen im Gesicht dominieren das Straßenbild. Polster fährt mit seinem Mazda von seinem Einfamilienhaus in Hietzing bis zum Sportplatz. Spielfeld, Kabine, Kantine – mehr gibt es hier nicht. Der Trainer begrüßt die paar Zuschauer, die zum Testspiel gegen den Wiener Sportklub gekommen sind, persönlich. "Servas, mei scheena Bua", wirft er den Männern zu. "Na is des a Scheenheitswettbewerb heite?", neckt er eine Damenrunde. In der Kantine schallt ein mit Technobeats untermalter Schlager aus den Boxen, es gibt Schnitzelsemmeln, Chips und weiße Spritzer.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 16 vom 7.4.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Polster, Arbeiterkind, in Favoriten aufgewachsen, aus den Tiefen des Wiener Kicks emporgekommen, fühlt sich wohl hier. Dass er in der Fußballprovinz Meidling hängen bleibt, hätte er sich zu Beginn seiner Trainerkarriere aber nicht vorstellen können. "Ich hätte schon geglaubt, dass ich schneller in die Bundesliga komme", sagt er und macht ein trauriges Gesicht. Polster hat keine Scheu zu jammern, manchmal kann er darin richtig aufgehen. Dann sagt er Sätze wie: "Ich werde als Trainer in Österreich nicht richtig ernst genommen." Oder: "Uns österreichischen Trainern hilft ja niemand."

Dabei lässt die heimische Fußballszene ihre Helden von einst nicht verhungern. Noch immer werden viele Bundesligavereine von Dorfkaisern regiert, denen ein bekanntes Gesicht auf der Bank lieber ist als ein blasser Spieldaten-Nerd. Viele Ex-Kicker teilen sich den Markt. Beinahe das gesamte Wunderteam aus Polsters Spielerzeiten durfte bereits ran. Die Vereine holten den verbissenen Didi Kühbauer, den nachdenklichen Peter Stöger, den ernsten Peter Schöttel. Nur der lustige Toni Polster bleibt im Regal liegen.