Großvaters Leben hat auf fünf Seiten Platz. Er schrieb es selbst nieder, mit Bleistift auf kariertem Papier. "Mein Lebenslauf", titelte er und unterstrich mit einem Lineal. Daneben schrieb er seinen Namen: Hans Schenk. Es folgt eine Liste seiner Familienmitglieder, zuerst der Name des Vaters und der Mutter, geboren 1891 und 1893. Und dann seine Geschwister, geboren zwischen 1913 und 1930: Alfred, Bertha, Ernst, Emil, Hans, Erika, Dora, Karl, Anton. Außer bei Anton und bei sich notiert er auch deren Todestag und darunter: "Alle sind zu früh gestorben." Das war Ende der 1980er Jahre, kurz bevor er pensioniert wurde. Und, vielleicht, noch bevor ich 1988 zur Welt kam.

Wenn ich an Großvater denke, sehe ich einen Mann vor mir mit aufrechtem Gang. Er hatte die Körperhaltung eines stolzen Jodlers: die Hände in den Hosentaschen, die Brust nach vorne gestreckt. Seine Ohrläppchen waren dick, seine Stimme tief und laut. Er liebte das Singen. Er lernte die Texte der Lieder leicht auswendig. Eines seiner liebsten war Dr Schacher Seppli . Manchmal spielte er auf seinem Schweizerörgeli. Großvater mochte Schwingfeste. Einmal erzählte mir Mutter, er gehe an das Eidgenössische. Ich konnte mir nichts darunter vorstellen.

Er hatte ein Haus und lange Jahre einen Schrebergarten, in dem er Gemüse anpflanzte. Ein Boot, mit dem er auf die Aare fuhr, um zu fischen. Kaninchen, die er am Sonntag als Braten servierte.

Die Besuche bei ihm und bei Großmutter in Brügg im Berner Seeland waren für mich Ausflüge in eine andere, vergangene Welt. Ein Zaun umrahmte ihren Garten, auf den Fenstersimsen streckten sich Geranien der Sonne entgegen. Im Sommer kühlte mich das Wasser in einem Zuber im Garten, im Winter wärmte mich der Ofen in der Stube. Großelternglück.

Ich kann mich nicht erinnern, ob ich mich als Kind je gefragt habe, wie die Kindheit meines Großvaters war. Ob auch sein Großvater ihn freudig in die Arme nahm, wenn er kam? Als ich größer wurde, erfuhr ich von Mutter, er stamme aus einer armen Familie. Deshalb habe er bei fremden Bauern arbeiten müssen. Das sei eine schwierige Zeit gewesen.

Mir kam das nicht besonders ungewöhnlich vor. Auf jeden Fall nicht ungewöhnlicher als Jodler-Chöre, Schwingfeste und ein Zuber hinter dem Haus.

Ich habe nicht einmal erahnt, wie wenig Großvaters Kindheit mit meiner gemeinsam hatte. Bis zu einem kalten Novembertag im Jahr 2011. Im Verdingbub leuchtete mir Großvaters vergangene Welt von der Kinoleinwand entgegen. Unwiderruflich brannten sich die Bilder in mein Gedächtnis: wie Max, der Protagonist des Films, vom Pfarrer zu den fremden Bauern gebracht wurde. Wie die Mutter um ihn weinte. Mit wie viel Härte ihn die Bauersfamilie behandelte. Wie er sich mit dem Schweizerörgeli den Schmerz von der Seele spielte. Und wie grausam es war, als sie es ihm einfach verbrannten.

Der Verdingbub ist ein eindrücklicher Film. Er lässt keine Flucht zu, kein Verdrängen. Er zeigt die Gewalt, den sexuellen Missbrauch, die Schutzlosigkeit, denen Verdingkinder ausgeliefert waren.

Zusammen mit einer Freundin, deren Großvater seine Kindheit ebenfalls in den Dienst eines Bauern stellen musste, saß ich in dem kleinen Kinosaal und sah die Geschichte von Max – "basierend auf 100.000 wahren Geschichten".