Wer sich bei Volkswagen bewirbt, muss viel mitbringen. Aktuell sucht VW neue Mitarbeiter in der Beschaffung. Bewerber sollen studiert haben, verhandlungssicher Englisch sprechen und umfangreiche Erfahrungen in der Projektleitung haben. Der Konzern verspricht dafür: "Zwei Buchstaben. Tausend neue Möglichkeiten. Eine große Zukunft."

Das Wichtigste aber verschweigt das Karriereportal von VW. Ohne eine Mitgliedschaft in der IG Metall wird es sehr schwer. Volkswagens Unternehmenskultur ist eine IG-Metall-Kultur: hierarchisch, von Befehl und Gehorsam geprägt, kaum Widerspruch gegenüber der Gewerkschaft duldend. Das System hat sich über Jahrzehnte etabliert. Lange hat es dem Konzern gute Dienste geleistet und dabei geholfen, Europas größtes Industrieunternehmen zu werden.

All das geschah jedoch zu einem hohen Preis. Wer sich dieser Kultur verweigert, wird schnell zum Außenseiter. Schlimmer noch: Wer sich außerhalb der IG-Metall entwickeln will, muss um seine Karriere fürchten. "Ohne IG-Metall-Mitgliedschaft steigen Sie bei VW kaum auf", sagt Volker Rieble, Professor für Arbeitsrecht in München. Er schreibt gerade ein Buch über die Bezahlung von Betriebsräten, recherchiert auch bei VW und kritisiert: "Das ist ein krass rechtswidriges Verhalten."

Der Betriebsrat widerspricht dem Forscher: "Gespräche über eine Mitgliedschaft in der IG Metall werden im Werk Wolfsburg frühestens vier Wochen nach Beginn der Ausbildung geführt."

Auch der Konzern teilt mit: "Entscheidende Kriterien für eine Einstellung bei Volkswagen sind Kompetenz und Leistungsbereitschaft des Bewerbers." So sei das auch in der weiteren beruflichen Entwicklung, denn: "Gewerkschaftsmitgliedschaft ist kein Kriterium."

Die Frage ist, ob das wirklich stimmt im täglichen Betrieb. In einem Unternehmen, in dem neue Mitarbeiter per Unterschrift der "Betriebskassierung" zustimmen sollen: Ein Prozent des Bruttoeinkommens wird dann als Gewerkschaftsbeitrag vom Lohn abgezogen. Wie die Kirchensteuer.

Die ZEIT hat mit mehr als 20 Angestellten, Arbeitern und früheren Auszubildenden gesprochen. Fast ausnahmslos unterschrieben sie die IG-Metall-Mitgliedschaft, ehe sie das erste Mal einen Schraubenzieher oder Kugelschreiber im Werk anfassten. Spätestens aber in der Probezeit. Vielleicht erklärt das, warum in Wolfsburg 95 Prozent der Beschäftigten in der IG Metall sind und am Standort in Hannover-Stöcken sogar 98 Prozent.Auf dieser Grundlage hat sich eine Kultur etabliert, die Vielfalt erstickt. Was im Alltag für Einzelne ärgerlich und frustrierend ist, wird in der aktuellen Krise zur Gefahr: Wie kann sich ein Unternehmen zum Besseren wandeln, wenn Mitarbeiter nicht einfach die betriebswirtschaftlich beste Lösung suchen, sondern immer mitdenken müssen, was wohl Betriebsrat und IG Metall dazu sagen werden?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 16 vom 7.4.2016.

Um dieses Umfeld zu erleben, muss man nah ran an die Fabriken, rein in das Wolfsburger VW-Werk. Und je weiter man kommt, desto mehr Menschen begegnen einem, die von einer Allianz aus Betriebsrat und Gewerkschaft daran gehindert werden, sich zu entfalten und einfach ihre Arbeit zu tun.

Aus der Rohfertigung dröhnen die mächtigen Transportketten und Roboter bis vor die Bürotüren. Wenn seine Tür auf ist, hört Antonino Potalivo den Lärm an seinem Schreibtisch. Er wurde von Betriebsräten und der IG Metall gegängelt, obwohl er eigentlich ein idealtypischer VW-Werker ist und loyaler nicht sein könnte. Als der heute 51-jährige Potalivo in die Schule kam, bauten seine Eltern bei VW in Wolfsburg den Käfer. Als er mit der Schule fertig war, bauten sie den Golf. Der Vater Vincenzo, ein Gastarbeiter aus Italien, war in den sechziger Jahren erst Maurer in Wolfsburg, bevor er zu VW kam, wo die Mutter Ingrid schon arbeitete. Über Antoninos Zukunft musste gar nicht gesprochen werden. Er sollte "ins Werk". Potalivo wurde Kunststoffschlosser. Im September 1983 unterschrieb er seinen Arbeitsvertrag bei VW – und noch am selben Tag die Eintrittserklärung der IG Metall. "Das nimmt man hier mit der Muttermilch auf, das wird einfach gemacht", sagt er.

Potalivo engagierte sich in der Gewerkschaft, er trug alles mit, bis ein Sohn des Werksleiters sein Azubi wurde und stolz erzählte, dass er Freikarten für Spiele des VfL Wolfsburg habe. "Das fand ich eine Riesensauerei, denn die Leute am Band müssen für die Tickets teuer bezahlen." Potalivo stellte den Azubi zur Rede. Der aber habe nur gelacht und gesagt: "Wenn ich da sitze, sitzt links der Betriebsratschef Klaus Volkert, und rechts sitzen seine Stellvertreter." Als Potalivo in einem offenen Brief einen Verzicht auf Freikarten für Funktionäre, Betriebsräte und Vorstände forderte, wurde er ins Büro des damaligen Betriebsratschefs Klaus Volkert einbestellt und zurechtgewiesen.