Die Bewohner der kleinen Insel Tahiti im Südpazifik nehmen sich besonders häufig das Leben. Der amerikanische Anthropologe Robert Levy hat nach einer Erklärung dafür gesucht – und eine überraschende Antwort gefunden: In der Sprache der Tahitianer gibt es keine Wörter für Trauer und Kummer. Wann immer sie mit negativen und schmerzvollen Erlebnissen konfrontiert sind, befällt sie ein diffuses und fremdes Gefühl, für das ihnen die Sprache fehlt. Diese Ausdruckslosigkeit, so vermutet Levy, trieb viele Tahitianer in den Selbstmord. Sie fanden keinen anderen Weg, um der inneren Spannung zu entfliehen.

Das Phänomen, das Robert Levy in Tahiti beobachtet hat, findet sich in vergleichbarer Weise auch in Europa. Auf einer nicht weniger idyllischen und reichen Insel: in der Schweiz. Uns mangelt es aber nicht an einem Trauer-Vokabular, sondern an einem überzeugenden Konzept, ja einer verständlichen Erzählung dafür, was es bedeutet, ein Migrationsland zu sein. Denn ein solches ist die Schweiz seit Jahrhunderten: Bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts sind mehr Menschen aus der Schweiz ausgewandert als eingewandert. Erst mit dem beginnenden Wirtschaftswachstum wurden wir zum beliebten Einwanderungsland, wie wir es heute kennen.

Unser Alltag ist schon lange transnational und multikulturell durchdrungen – und trotzdem bleiben bei vielen Menschen diffuse Gefühle des Unbehagens, der Entfremdung und Bedrohung. Auf den gefühlten Verlust der Heimat reagieren insbesondere rechtspopulistische Politiker, indem sie die Realität verdrängen und von einer homogenen Schweiz träumen, die es so nie gab.

Es braucht darum einen radikal neuen Blick auf die Schweiz. Einen Blick auf das, was unser Land längst ist: eine moderne Gesellschaft, in der es selbstverständlich ist, Grenzen zu überschreiten. Fast die Hälfte der Ehen werden heute binational geschlossen. Unsere Arbeitskollegen kommen aus Deutschland, Spanien, Indien, und mehr als 50 Prozent der Doktoranden an den Schweizer Universitäten stammt aus dem Ausland. Für all diese Menschen ist Migration eine Investition in ihre Zukunft.

Wie also müsste eine Migrationspolitik aussehen, die dieser Prämisse folgt? Eine Politik, die davon ausgeht, dass Migration eine Investition ist? Welche Anreize müsste man setzen, damit die Investoren, aber auch die Gesellschaft eines Tages von einem "Return on Investment" profitieren können?

Nehmen wir die Flüchtlinge, aber auch viele Arbeitsmigranten: Sie verlassen ihre Heimat, weil sie nach einem Leben in Würde und Sicherheit streben, nach Perspektive und einem menschenwürdigen Dasein. Sie wollen ihr Leben aus eigener Kraft verbessern und dem Schicksal der Geburt entrinnen. Der Entscheid, der von langer Hand geplant, vielleicht aber auch überstürzt gefällt wurde, birgt viele Unsicherheiten und Ängste. Finde ich Arbeit? Eine Wohnung? Freunde? Darf meine Familie nachkommen? Gelingt es mir, die neue Sprache zu lernen?

Viele, die kommen, wissen, dass ihr Wunsch nach einem besseren Leben mit anfänglichem Aufwand und auch mit Kosten verbunden ist. Sie investieren Zeit, Arbeit, Energie, Geld, Aufmerksamkeit, ja, ihr ganzes Leben in ihre neue Heimat. Sie bemühen sich, um eine bessere Zukunft und zählen darauf, dass sich ihre Investitionen eines Tages auszahlen werden.

Sicherheit ist nicht nur für Unternehmen, sondern auch für Menschen wichtig, um die eigene Zukunft zu planen. Eine effektive Migrationspolitik schafft deshalb Anreize, damit Einwanderer die notwendigen Investitionen tätigen: eine Landessprache lernen, ein berufliches Netzwerk aufbauen, sich weiterbilden, Freundschaften schließen, dem Turnverein beitreten. Nur wer eine langfristige Aufenthaltsperspektive hat, gründet eine Familie, geht ein unternehmerisches Risiko ein oder büffelt bereits in der Asylunterkunft oder nach Feierabend zu Hause die Eigenheiten der deutschen Grammatik.