Anders als die meisten Menschen liebe ich es zu putzen. Ich setze die gesamte Wohnung unter Seifenlauge. Ich schrubbe Kacheln und Fliesen, bis sie kurz vor ihrer Ausbleichung stehen, und ich gebe mich erst zufrieden, wenn Gardinenstangen von oben und Stuhlbeine von unten staub- und fettfrei sind.

Mein Mann und meine beiden Kinder bleiben nach jeder dieser Putzattacken fassungslos zurück. Jetzt überlegen sie, mir eine Verhaltenstherapie zu spendieren.

Ich halte das für absurd. Verhaltenstherapie in meinem Alter – was soll das denn? Das ist etwas für Depressive oder fragile Generation-Y-Kids. Eine Frau jenseits der 60 braucht keine Therapie mehr. Sie will eben putzen. Von meiner Leidenschaft und blanken Kacheln wird meine Familie nun allerdings nicht mehr profitieren. Ich habe ein neues Betätigungsfeld gefunden. Ich gehe auf die Straße und putze Stolpersteine.

Stolpersteine, das sind jene Messingwürfel auf Bürgersteigen, die Namen von jüdischen Deutschen tragen, die an dieser Adresse gelebt haben und Opfer des Holocaust geworden sind. Das Projekt hat der Kölner Künstler Gunter Demnig ins Leben gerufen. Auf den Würfeln stehen Angaben wie "Hier wohnte Selma Galewski (geborene Hirschfeld) *1880 / Johnsallee 29 /, 1942 Theresienstadt / 1944 Auschwitz". In Hamburg liegen besonders viele Stolpersteine, allein 1023 in dem Viertel Rotherbaum, wo ich wohne. Demnigs Idee überzeugt die meisten Menschen sofort: Aus dem abstrakten Geschehen des Holocaust Namen und Menschen herauszulösen und an einem konkreten Ort wieder individuell erkennbar zu machen.

Anfangs leuchten diese Steine aus dem Grau des Bürgersteigs hervor. Mit der Zeit aber, durch Wind, Wetter und den Schmutz der Straße, werden sie dunkel, beinahe schwarz. Viele Stolpersteine sind dann nicht mehr zu entziffern, das fiel mir auf. So fing es an.

Ich putze jetzt also deutsche Geschichte, es fühlt sich sehr gut an. Für meine Aktionen brauche ich Watte, Messingputzmittel und weiche Tücher. Vor allem aber ist Muskelkraft nötig, um die oxidierte Schmutzschicht zu beseitigen. Es sind innige Momente, die ich kniend bei den Menschen verbringe, an die da erinnert wird – Momente, in denen ich nicht gestört werden möchte. Fragen wie "Was machen Sie da?" weiche ich aus. Ich will mich nicht rechtfertigen, und auf lobende Kommentare von Passanten lege ich erst recht keinen Wert.

Daher habe ich mir angewöhnt, abends loszuziehen, wenn es dunkel ist. Am besten, wenn große Fußballspiele laufen und die Straßen wie ausgestorben daliegen. Dann kann ich mich mit den Namen unterhalten. Ich frage sie dann: In welchem Stock lag Ihre Wohnung? Wo gingen Sie denn zur Schule? Nachdem ich sieben, acht Stolpersteine wieder zum Glänzen gebracht habe, wird mein Arm lahm, und die Knie schmerzen.

Dann gehe ich zufrieden nach Hause. Für die Nachbarschaft bin ich die komische Alte, die nachts herumläuft und den Bürgersteig poliert. Völlig okay für mich.

Kommen Sie mir jetzt nicht mit Freud. "Schuldkomplex" oder so etwas womöglich. Mein Zwang gehört mir. Ich bin Deutsche, ein Kind der Nachkriegszeit. Kennen Sie Andorra, das Theaterstück von Max Frisch? Es geht darin um Antisemitismus, und es geht um Erkenntnis und Einsicht. Eine Frau mit Namen Barblin spielt darin mit, die monoton vor sich hin murmelt: "Ich weißele, ich weißele."

Ich wienere. Ich wienere. Gut möglich, dass ich niemals fertig werde mit dem Polieren der Steine. Aber dafür spare ich den Therapeuten.

Anna von Münchhausen mag auch Pokern (klar, um Geld) und alles, was Christoph Niemann zeichnet und illustriert