"Biafra – Todesurteil für ein Volk", lautete im August 1968 die Titelzeile des Spiegels. Besorgt fragten Redakteure des Magazins den Universalhistoriker Arnold Toynbee: "Ist das nur eine schmerzliche Episode der Geschichte oder vielleicht das Ende des moralischen Optimismus der Nachkriegszeit, das Ende der Hoffnung, dass es nun kein Auschwitz mehr geben werde?" Toynbee zeigte sich pessimistisch: Im westafrikanischen Biafra vollziehe sich ein Völkermord.

Diese Deutung war damals verbreitet; heute wird sie stark in Zweifel gezogen. Fest steht: Der nigerianische Bürgerkrieg um die Abspaltung Biafras, der vor 50 Jahren begann, versetzte den Hoffnungen auf eine friedliche Entwicklung im nachkolonialen Afrika einen kräftigen Dämpfer. Seit 1960 hatten die meisten Kolonien auf dem Kontinent die Unabhängigkeit erlangt. Gerade Nigeria schien mit seinen kurz zuvor entdeckten Ölvorkommen auf dem Weg in eine prosperierende Zukunft zu sein. Mit dem Biafra-Krieg kehrte die Gewalt zurück. Er war einer der ersten schweren bewaffneten Konflikte in Afrika nach dem Ende des Kolonialismus. Mehrere Hunderttausend Menschen, einige Quellen sprechen von mehr als einer Million, kamen ums Leben. Eine schwere Hungerkatastrophe im Kriegsgebiet forderte noch einmal geschätzte drei Millionen Opfer.

Die Ursachen des Krieges reichen zurück bis in die Kolonialzeit. 1862 hatten die Briten Lagos und die Umgebung der Stadt zum Protektorat erklärt und in den folgenden Jahren das Gebiet des heutigen Nigeria unterworfen. Wie viele andere Kolonialgebilde umfasste es zahlreiche Sprach- und Volksgruppen. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung, vornehmlich Hausa und Fulani, lebte im muslimischen Norden. Der Rest teilte sich zwischen den Regionen des kleineren, wirtschaftlich jedoch weitaus potenteren christlichen Südens auf – der mehrheitlich von Yoruba bewohnten Westregion und dem von Igbo dominierten Osten.

Als sich nach 1945 – gestärkt durch die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs – eine Unabhängigkeitsbewegung in der Kolonie formierte, erkannten die Briten, dass sie das Land modernisieren mussten. Allerdings kamen die dazu aufgelegten Entwicklungs- und Bildungsprogramme vor allem dem christlichen Teil des Landes zugute.

Als Nigeria schließlich 1960 unabhängig wurde, unterschätzten fast alle Beteiligten die Explosivkraft der durch die britische Politik vertieften ethnisch-regionalen Konflikte. Mithilfe einer parlamentarischen Demokratie und eines föderativen Systems – das Land wurde in drei Bundesstaaten aufgeteilt – glaubte man sie bändigen zu können.

Doch diese Hoffnung erwies sich als trügerisch. Die ethnischen Gruppen, die es in den einzelnen Bundesstaaten an die Macht geschafft hatten, verteidigten ihre Position bald mit allen Mitteln. Auf nationaler Ebene entstand dadurch eine gefährliche Konkurrenzsituation entlang ethnischer Linien.

Schon bald brach das politische Gleichgewicht zusammen: Am 15. Januar 1966 putschten sich Offiziere der nigerianischen Armee, überwiegend Igbo, an die Macht. Sie verstanden sich als Sozialreformer und wollten die in ihren Augen korrupte Politikerkaste ablösen. Im muslimischen Norden des Landes jedoch wurde die Aktion als Versuch der Igbo gedeutet, ihre Macht auszudehnen.

Nach einem Gegenputsch im Juli 1966 übernahmen Militärs aus dem Norden unter der Führung von Yakubu Gowon die Bundesregierung. Zur gleichen Zeit begannen in der Nordregion Pogrome gegen die dort lebenden Igbo. Rund 30.000 wurden ermordet, in einer Massenflucht strömten schätzungsweise eine Million Igbo in ihr ursprüngliches Heimatgebiet im erdölreichen Südosten des Landes.