DIE ZEIT: Orbán, Erdoğan, Putin, sie alle haben die Freiheit der Medien in ihren Ländern stark eingeschränkt, und auch Trump hat schon öffentlich darüber nachgedacht. Können Sie sich das in Amerika vorstellen?

Bill Keller: Ich will das nicht völlig ausschließen. Ein Präsident Trump hätte sicherlich sehr viel weniger Geduld mit Kritikern als bisherige Präsidenten. Der Unterschied zwischen der Türkei oder Russland und Amerika ist jedoch, dass Putin oder Erdoğan Mittel angewendet haben, die Trump nicht zur Verfügung stehen. Sie haben das Fernsehen verstaatlicht, sie nutzen ein sehr schwaches Rechtssystem, um ihren Willen durchzusetzen, und ihre Kritiker sterben regelmäßig unter mysteriösen Umständen. Dass ein Präsident Trump Journalisten ermorden lässt, ist doch eher undenkbar. Was mich jedoch sehr beunruhigt, ist, dass Trump den Mob erfolgreich gegen Journalisten aufheizt. Wenn ein Journalist eine kritische Frage auf einer seiner Veranstaltungen stellt oder ein Demonstrant ein Plakat hochhält, dann stachelt er seine Fans regelrecht an, sie zu verprügeln. Dieses aggressive Vorgehen gegen andere Meinungen ist ein Verhalten, das man schon lange online beobachten kann. Das ist alles ziemlich alarmierend.

ZEIT: Aber auch Obama war nicht gerade ein Freund der Presse. Von Journalisten wurde immer wieder beklagt, dass Obama mit seinem harten Vorgehen gegen Whistleblower und Informanten die investigative Recherche vor allem im Bereich der Geheimdienste sehr erschwert hat. Das ist mit den massiven Behinderungen, denen Journalisten in Russland oder der Türkei jeden Tag ausgesetzt sind, nicht zu vergleichen, aber es lässt dennoch die Frage aufkommen, ob die zunehmenden Konflikte in der Welt, die zunehmende Ungleichheit und der Krieg gegen den Terror, die Freiheit der Medien im Westen einschränkt.

Keller: Obama und seine Regierung sind keine großen Freunde der Pressefreiheit gewesen, das stimmt. Vor allem in den ersten vier Jahren hat die Obama-Regierung immer wieder versucht, Journalisten gerichtlich dazu zu zwingen, ihre Quellen offenzulegen. Er hat eine Atmosphäre der Angst unter Informanten erzeugt, um sie von der Zusammenarbeit mit Journalisten abzuhalten. Das ist in den letzten Jahren etwas besser geworden. Trump dagegen schürt die Angst in der Bevölkerung. Und wenn die Öffentlichkeit von Angst regiert wird, dann hat es die Pressefreiheit immer schwer.

ZEIT: Donald Trump gewinnt im Kampf um die Kandidatur gerade einen Bundesstaat nach dem nächsten. Welche Rolle haben die Medien bei seinem Aufstieg gespielt?

Keller: Die Medien sind nicht schuld an Donald Trump. Man kann uns Medienleuten rückblickend aber vorwerfen, dass wir zu lange gebraucht haben, ihn ernst zu nehmen. Wir waren alle so an Trump als Comicfigur gewöhnt, dass wir nicht gemerkt haben, wie ernst ihn viele Amerikaner nehmen.

ZEIT: Trump hat kostenlose Medienberichterstattung im Wert von zwei Milliarden Dollar bekommen. Fast dreimal so viel wie Hillary Clinton, fünfmal so viel wie Bernie Sanders. Über seine republikanischen Mitbewerber wurde noch weniger berichtet. Ist das nicht ein Problem?

Keller: Die Frage ist nicht, ob man über ihn berichtet, sondern wie. Trump ist der Kandidat der Republikaner, und er war von Anfang an der Spitzenreiter. Ihn zu ignorieren ist keine Option. Wir dürfen ihm allerdings nicht einfach nur einen Lautsprecher geben, wir müssen ihn journalistisch herausfordern.

ZEIT: Ich kann mich an Artikel und Beiträge erinnern, die ihn früh kritisiert haben. Dass die Modemarke, der Trump seinen Namen leiht, in Billiglohnländern gefertigt wird, dass er die Angaben über seinen Reichtum aufbläht oder dass er wegen eines Erbstreits die Familienkrankenversicherung seines schwer kranken Neffen kündigte. Ist das Problem nicht vielmehr, dass seine Fans das alles absolut nicht interessiert? Egal, wie viele gut recherchierte Enthüllungsgeschichten über ihn geschrieben werden, sie stehen zu ihm.

Keller: Trump hat es geschafft, jede veritable Kritik an ihm als einen Angriff des Establishments auf einen Dissidenten zu verkaufen, das ist wahr.