Eine wunderliche Vokabel gedeiht im Wortschatz unseres entfremdeten Lebens, es ist das Adjektiv "wertig". Es kommt ohne die vordem üblichen Präfixe "hoch-" oder "minder-" aus und verkündet zunächst scheinbar vorurteilsfrei, dass ein Wert vorliegt. Als neutrales Wort kommt es aus dem Bereich der Naturwissenschaft, hat aber in der Sprache des Warenverkehrs eine Eigenlogik entwickelt.

Die gleicht der eines Wurstverkäufers. Er sagt: "Ich mach dir da ma extra scharf bei." Der Kunde denkt: Wie reizend, wie vorzüglich! Aber die Wurst bleibt die gleiche. Der Werbesprech vom "wertigen" Produkt bewirkt etwas Ähnliches, er sagt: "Ich mach dir da ma extra Wert bei deim Konsum."

Selbst im Buchladen, seien wir ehrlich, fühlt es sich schöner an, wenn wir, statt einen schmierigen Schmöker zu shoppen, einen "wertigen Band" erwerben. Selbst wenn dieselbe Geschichte darin steht, verströmt Letzterer gleich den exquisiten Duft nach Leinenumschlag und Bibliophilie.

Gar nicht gut für die extra Portion Wert eines Buches ist es aber, wenn wegen der Buchpreisbindung Zahlen darauf gedruckt stehen, die nach Schnäppchenmentalität müffeln: 9,99 Euro das Taschenbuch oder 19,95 Euro für ein Hardcover. Die Zahlen werfen die Frage auf: Wo sind wir denn hier? Bei Billigheimers oder unter Geistesmenschen?

Die Umfrage einer Branchenzeitschrift unter Buchhändlern hat deshalb deren dringende Forderung ergeben, die Preise erstens sowieso anzuheben und zweitens zu glatten Beträgen zu runden. Und das gewiss nicht nur, weil es mühsam ist, fitzelige Kupfermünzen als Wechselgeld vorrätig zu halten. Lächerlich finden die Befragten laut Buchreport Preise, die den Käufern durch eine krumme Zahl hinter dem Komma einen niedrigeren Betrag vor dem Komma vortäuschen. "Der Kunde ist nicht dumm", schimpfen die Buchhändler, "damit begeben wir uns auf Aldi-Niveau", und "Wir handeln mit Kulturgut und nicht mit Gemüse!!!"

Der Tatsache unbenommen, dass auch über die Wertigkeit von Gemüse noch nicht alles gesagt ist, haben die Verlage, denen die Entscheidung über den Buchpreis obliegt, jetzt reagiert. Immer mehr stellen auf glatte Preise um. Mit dem Herbstprogramm werden sowohl Dumont als auch S. Fischer und Bastei Lübbe es dem Diogenes Verlag gleichtun, der schon seit Langem runde Summen auf seine Bücher schreibt.

Da tut sich doch was in der Wertschöpfungskette der Literatur! Offenbar wollen wir sie nicht mehr wegverbrauchen, wie ein halbes Pfund gemischtes Hack oder einen Liter stilles Wasser, Waren, bei denen wir uns gern in der Illusion wiegen, dass sie uns billig kommen. Vielmehr beten wir, seit es die Grundversorgung an Lektüre im Internet scheinbar umsonst gibt, kopfloser denn je das reine Werthafte des gedruckten Buches an. Und das muss was kosten. Denn wer ließe sich schon auf den Genuss eines niveauvollen Fetischs einen popeligen Cent herausgeben?