Am Abend betritt der Multimillionär Wilfried Horst seinen neuen Supermarkt wie ein Zirkusdirektor die Manege. Das zu weite Sakko hängt ihm von den Schultern, aber solche Dinge bedeuten ihm nichts. Er dreht sich um. In der Linken hält er ein Sektglas, mit der Rechten deutet er in den Raum: auf die sorgfältig sortierten Regale, den gewienerten PVC-Boden, die surrenden Kühltruhen. "Schauen Sie!", ruft Herr Horst, und alle schauen. Die Gemeinderäte, der Mann von der Feuerwehr, die Frau von der Ostsee-Zeitung, der Vorsitzende des Bauausschusses, 40 Gäste insgesamt, die wichtigsten Menschen des Ortes.

Sie sind gekommen, um den Supermarkt einzuweihen, 6,5 Millionen Euro teuer, 930 Quadratmeter groß, unten eine Tiefgarage, oben acht Mietwohnungen. Vor allem aber sind sie gekommen, weil Herr Horst sie eingeladen hat. Der Mann, der Göhren, dieses kleine Ostseebad auf Rügen, sein Lebenswerk nennt.

Der Investor Wilfried Horst ist ein üppiger Mann. 67 Jahre alt, Glatze, wachsame Augen. Monatelang hat er auf diesen Tag hingearbeitet: Morgens war er der Erste, der die Baustelle betrat, abends war er der Letzte, der sie verließ.

Während Herr Horst mit einem der Gemeinderäte anstößt, lehnt Wolfgang Pester etwas abseits an einem Bistrotisch. Pester ist der Bürgermeister von Göhren. Auch er hat Herrn Horst seine Aufwartung gemacht. Er hat zur Eröffnung ein Blumengesteck mit Orchideen mitgebracht, darin eine Grußkarte, in der er viel Erfolg und "volle Kassen" wünscht. Er hat Herrn Horst die Hand geschüttelt und gelächelt, weil Göhren zu klein ist, um den Anstand zu vergessen. "Das mit dem Supermarkt hat er gut gemacht, das muss man ihm lassen", sagt Pester an seinem Bistrotisch. Es klingt ein bisschen gequält.

Pester, der Mann, der eigentlich das Sagen im Ort haben müsste, hat es sich zur Aufgabe gemacht, sein Dorf gegen den Investor Horst zu verteidigen. Heute hat er verloren, wieder einmal.

Göhren liegt auf einer schmalen Landzunge am östlichen Ende von Rügen, Deutschlands größter Insel. Ein kleiner Ort, 1300 Einwohner, auf einer Anhöhe, im Norden und Süden von Strand gerahmt, Endstation des "Rasenden Rolands", der Rügener Kleinbahn.

Es ist eine Welt wie aus einem Reiseprospekt, mit Seebrücke, Strandkörben und Postkartenständern im Supermarkt. Es ist Horsts Welt, er hat sie erschaffen. Die Einwohner von Göhren haben deshalb einen zweiten Namen für ihr Dorf: Sie nennen es Horsthausen.

In Göhren gibt es nur zwei Jahreszeiten: Hauptsaison und Nebensaison. Während der Hauptsaison schwillt der Ort auf knapp 10.000 Menschen an, 130.000 Feriengäste kamen im vergangenen Jahr, es gab mehr als 800.000 Übernachtungen. Während der Nebensaison schrumpft Göhren wie ein Plastik-Wasserball, aus dem die Luft gelassen wird.

Die Göhrener verdienen in der Hauptsaison so viel, dass es für das ganze Jahr reicht. Sie vermieten Wohnungen, sie betreiben Restaurants, verkaufen Bernsteinschmuck und Heilkreide. Die Touristen ernähren die Göhrener. Herrn Horst aber haben die Touristen reich gemacht.

Seit er kurz nach der Wende aus dem nordrhein-westfälischen Bad Oeynhausen nach Göhren kam, hat Horst nach eigener Aussage 120 Millionen Euro eingenommen. Er kaufte Häuser und verkaufte sie wieder, er restaurierte Hotels und baute Ferienwohnungen, er hat Restaurants und vermietet Parkplätze, er hat 150 Arbeitsstellen geschaffen. Ein großer Teil der Immobilien im Ort sind durch Horsts Hände gegangen.

Die Geschichte von Herrn Horst, sie handelt von der Lust am Geldverdienen. Von einem Mann, der sich ein Dorf gekauft hat. Und davon, was passiert, wenn die Demokratie an ihre Grenzen gelangt und private Interessen wichtiger werden als das Gemeinwohl.

Der große Konflikt "Privat gegen Staat", man kennt ihn aus der weltumspannenden Politik. Apple spart Geld, indem es seine europäischen Gewinne in Irland versteuert. Amazon verbuchte seine in Deutschland erzielten Gewinne lange in Luxemburg. Die Europäische Union streitet seit Jahren mit Facebook und Google über die Frage: Wem gehört das Internet? Solche Konflikte werden immer dann ausgetragen, wenn ein Unternehmen besonders mächtig wird, viele sagen: zu mächtig. In Göhren ist es genauso, nur im kleineren Maßstab – dafür vielleicht mit größerer Wirkung für den einzelnen Bürger. In Göhren wird über die Frage gestritten: Wem gehört der Ort?

An einem Nachmittag im Spätsommer, sechs Monate vor der Eröffnung des neuen Supermarkts, sitzt der Bürgermeister Wolfgang Pester in einem kargen Raum der Göhrener Kurverwaltung hinter seinem Schreibtisch, an der Wand ein Regal voller Aktenordner. Pester, 61 Jahre alt, ein Mann mit einem gut gebräunten Gesicht und einem etwas zu blauen Brillengestell, ist seit zwei Jahren im Amt. Ehrenamtlich.

Von seinem Büro aus kann er das Hämmern der Arbeiter auf Horsts Baustelle hören. Noch gibt es nur einen Supermarkt in Göhren, einen Edeka. Horsts neuer Supermarkt soll direkt auf der anderen Straßenseite eröffnen. Der Edeka gehört Wolfgang Pester.

Pester zog mit 18 aus Leipzig nach Göhren, er machte eine Lehre als Baufacharbeiter, lernte seine Frau kennen, heiratete und blieb. Gemeinsam mit seiner Frau eröffnete er einen Konsum-Markt im Ort, nach der Wende führten sie ihn als Edeka-Supermarkt weiter. 2010 gingen sie in Vorruhestand und verpachteten den Laden.

Pester und Horst, die zwei mutmaßlich erfolgreichsten Unternehmer im Ort, kannten sich, und sie schätzten sich. Viel miteinander zu tun hatten sie nicht. Für Herrn Horst, sagt Pester, habe er sich damals nicht wirklich interessiert: "Ich habe Butter und Zucker und Mehl verkauft und er eben Häuser und Grundstücke."

Dann, im Vorruhestand, kam Pester auf die Idee, als Bürgermeister zu kandidieren.

Als Pester an einem Junisonntag 2014 gewählt wurde, schien das Wilfried Horst ein guter Tag zu sein. Wie jeden Sonntag saß er mit Freunden beim Essen im Waldhotel. Das Hotel, einst von Horst modernisiert, gehört seinem Sohn. Als Pester zufällig mit seiner Frau vorbeispazierte, lud Horst die beiden ein. "Wir dachten, das wäre der richtige Mann, der hätte kaufmännisch was drauf", sagt Horst. Pesters Sieg war auch sein Sieg, dachte er.

Pester ist parteilos. Er war ohne Unterstützer in den Wahlkampf gegangen. Horst aber hatte für Pester geworben – ohne dass der davon wusste. Er hatte Passanten auf der Straße angesprochen und ihnen geraten, für Pester zu stimmen. Er hatte auch seinen Angestellten empfohlen, Pester zu wählen.

Heute, im Nachhinein, ärgert sich Pester über die ungefragte Unterstützung, weil es so aussah, als habe er Herrn Horst darum gebeten.

Horst wiederum würde jetzt, knapp zwei Jahre nach der Wahl, wohl niemandem mehr empfehlen, für Wolfgang Pester zu stimmen. "Er hat sich ein bisschen doll gedreht", sagt Horst über Pester.

Horst glaubt, dass Pester sich wegen des Supermarkts gegen ihn gewendet hat. Sein neuer Markt ist dreimal so groß wie der alte von Pester. "Das geht zulasten des Umsatzes", sagt Horst, "das ist die Marktwirtschaft."

Offenbar kann Horst sich nicht vorstellen, dass man gegen etwas kämpft, ohne einen persönlichen Vorteil daraus ziehen zu wollen. Aber Pester sagt, es gehe ihm nicht um seinen Edeka, sondern um Göhren.

Nach seiner Vereidigung arbeitete Pester sich ein. Aus dem Archiv ließ er sich die Pacht- und Kaufverträge der Stadt aus den letzten Jahren kommen. Er las und las und begann sich zu wundern. Es habe Nächte gegeben, sagt er, in denen er nicht schlafen konnte. "Ich habe einfach nicht verstanden, wie man solche Verträge machen kann."

Viele der Verträge hatte die Gemeinde mit Firmen geschlossen, die Herrn Horsts Familie gehören. Eigentlich, sagt Pester, sollte von diesen Vereinbarungen immer auch die Gemeinde profitieren. Aber in diesen Papieren, so schien es, gewann immer nur Horst. Vor allem ein Vertrag sorgte dafür, dass Pester zu zweifeln begann, es ging darin um die Parkplätze am Nordhang.