Am Abend betritt der Multimillionär Wilfried Horst seinen neuen Supermarkt wie ein Zirkusdirektor die Manege. Das zu weite Sakko hängt ihm von den Schultern, aber solche Dinge bedeuten ihm nichts. Er dreht sich um. In der Linken hält er ein Sektglas, mit der Rechten deutet er in den Raum: auf die sorgfältig sortierten Regale, den gewienerten PVC-Boden, die surrenden Kühltruhen. "Schauen Sie!", ruft Herr Horst, und alle schauen. Die Gemeinderäte, der Mann von der Feuerwehr, die Frau von der Ostsee-Zeitung, der Vorsitzende des Bauausschusses, 40 Gäste insgesamt, die wichtigsten Menschen des Ortes.

Sie sind gekommen, um den Supermarkt einzuweihen, 6,5 Millionen Euro teuer, 930 Quadratmeter groß, unten eine Tiefgarage, oben acht Mietwohnungen. Vor allem aber sind sie gekommen, weil Herr Horst sie eingeladen hat. Der Mann, der Göhren, dieses kleine Ostseebad auf Rügen, sein Lebenswerk nennt.

Der Investor Wilfried Horst ist ein üppiger Mann. 67 Jahre alt, Glatze, wachsame Augen. Monatelang hat er auf diesen Tag hingearbeitet: Morgens war er der Erste, der die Baustelle betrat, abends war er der Letzte, der sie verließ.

Während Herr Horst mit einem der Gemeinderäte anstößt, lehnt Wolfgang Pester etwas abseits an einem Bistrotisch. Pester ist der Bürgermeister von Göhren. Auch er hat Herrn Horst seine Aufwartung gemacht. Er hat zur Eröffnung ein Blumengesteck mit Orchideen mitgebracht, darin eine Grußkarte, in der er viel Erfolg und "volle Kassen" wünscht. Er hat Herrn Horst die Hand geschüttelt und gelächelt, weil Göhren zu klein ist, um den Anstand zu vergessen. "Das mit dem Supermarkt hat er gut gemacht, das muss man ihm lassen", sagt Pester an seinem Bistrotisch. Es klingt ein bisschen gequält.

Pester, der Mann, der eigentlich das Sagen im Ort haben müsste, hat es sich zur Aufgabe gemacht, sein Dorf gegen den Investor Horst zu verteidigen. Heute hat er verloren, wieder einmal.

Göhren liegt auf einer schmalen Landzunge am östlichen Ende von Rügen, Deutschlands größter Insel. Ein kleiner Ort, 1300 Einwohner, auf einer Anhöhe, im Norden und Süden von Strand gerahmt, Endstation des "Rasenden Rolands", der Rügener Kleinbahn.

Es ist eine Welt wie aus einem Reiseprospekt, mit Seebrücke, Strandkörben und Postkartenständern im Supermarkt. Es ist Horsts Welt, er hat sie erschaffen. Die Einwohner von Göhren haben deshalb einen zweiten Namen für ihr Dorf: Sie nennen es Horsthausen.

In Göhren gibt es nur zwei Jahreszeiten: Hauptsaison und Nebensaison. Während der Hauptsaison schwillt der Ort auf knapp 10.000 Menschen an, 130.000 Feriengäste kamen im vergangenen Jahr, es gab mehr als 800.000 Übernachtungen. Während der Nebensaison schrumpft Göhren wie ein Plastik-Wasserball, aus dem die Luft gelassen wird.

Die Göhrener verdienen in der Hauptsaison so viel, dass es für das ganze Jahr reicht. Sie vermieten Wohnungen, sie betreiben Restaurants, verkaufen Bernsteinschmuck und Heilkreide. Die Touristen ernähren die Göhrener. Herrn Horst aber haben die Touristen reich gemacht.

Seit er kurz nach der Wende aus dem nordrhein-westfälischen Bad Oeynhausen nach Göhren kam, hat Horst nach eigener Aussage 120 Millionen Euro eingenommen. Er kaufte Häuser und verkaufte sie wieder, er restaurierte Hotels und baute Ferienwohnungen, er hat Restaurants und vermietet Parkplätze, er hat 150 Arbeitsstellen geschaffen. Ein großer Teil der Immobilien im Ort sind durch Horsts Hände gegangen.

Die Geschichte von Herrn Horst, sie handelt von der Lust am Geldverdienen. Von einem Mann, der sich ein Dorf gekauft hat. Und davon, was passiert, wenn die Demokratie an ihre Grenzen gelangt und private Interessen wichtiger werden als das Gemeinwohl.

Der große Konflikt "Privat gegen Staat", man kennt ihn aus der weltumspannenden Politik. Apple spart Geld, indem es seine europäischen Gewinne in Irland versteuert. Amazon verbuchte seine in Deutschland erzielten Gewinne lange in Luxemburg. Die Europäische Union streitet seit Jahren mit Facebook und Google über die Frage: Wem gehört das Internet? Solche Konflikte werden immer dann ausgetragen, wenn ein Unternehmen besonders mächtig wird, viele sagen: zu mächtig. In Göhren ist es genauso, nur im kleineren Maßstab – dafür vielleicht mit größerer Wirkung für den einzelnen Bürger. In Göhren wird über die Frage gestritten: Wem gehört der Ort?

An einem Nachmittag im Spätsommer, sechs Monate vor der Eröffnung des neuen Supermarkts, sitzt der Bürgermeister Wolfgang Pester in einem kargen Raum der Göhrener Kurverwaltung hinter seinem Schreibtisch, an der Wand ein Regal voller Aktenordner. Pester, 61 Jahre alt, ein Mann mit einem gut gebräunten Gesicht und einem etwas zu blauen Brillengestell, ist seit zwei Jahren im Amt. Ehrenamtlich.

Von seinem Büro aus kann er das Hämmern der Arbeiter auf Horsts Baustelle hören. Noch gibt es nur einen Supermarkt in Göhren, einen Edeka. Horsts neuer Supermarkt soll direkt auf der anderen Straßenseite eröffnen. Der Edeka gehört Wolfgang Pester.

Pester zog mit 18 aus Leipzig nach Göhren, er machte eine Lehre als Baufacharbeiter, lernte seine Frau kennen, heiratete und blieb. Gemeinsam mit seiner Frau eröffnete er einen Konsum-Markt im Ort, nach der Wende führten sie ihn als Edeka-Supermarkt weiter. 2010 gingen sie in Vorruhestand und verpachteten den Laden.

Pester und Horst, die zwei mutmaßlich erfolgreichsten Unternehmer im Ort, kannten sich, und sie schätzten sich. Viel miteinander zu tun hatten sie nicht. Für Herrn Horst, sagt Pester, habe er sich damals nicht wirklich interessiert: "Ich habe Butter und Zucker und Mehl verkauft und er eben Häuser und Grundstücke."

Dann, im Vorruhestand, kam Pester auf die Idee, als Bürgermeister zu kandidieren.

Als Pester an einem Junisonntag 2014 gewählt wurde, schien das Wilfried Horst ein guter Tag zu sein. Wie jeden Sonntag saß er mit Freunden beim Essen im Waldhotel. Das Hotel, einst von Horst modernisiert, gehört seinem Sohn. Als Pester zufällig mit seiner Frau vorbeispazierte, lud Horst die beiden ein. "Wir dachten, das wäre der richtige Mann, der hätte kaufmännisch was drauf", sagt Horst. Pesters Sieg war auch sein Sieg, dachte er.

Pester ist parteilos. Er war ohne Unterstützer in den Wahlkampf gegangen. Horst aber hatte für Pester geworben – ohne dass der davon wusste. Er hatte Passanten auf der Straße angesprochen und ihnen geraten, für Pester zu stimmen. Er hatte auch seinen Angestellten empfohlen, Pester zu wählen.

Heute, im Nachhinein, ärgert sich Pester über die ungefragte Unterstützung, weil es so aussah, als habe er Herrn Horst darum gebeten.

Horst wiederum würde jetzt, knapp zwei Jahre nach der Wahl, wohl niemandem mehr empfehlen, für Wolfgang Pester zu stimmen. "Er hat sich ein bisschen doll gedreht", sagt Horst über Pester.

Horst glaubt, dass Pester sich wegen des Supermarkts gegen ihn gewendet hat. Sein neuer Markt ist dreimal so groß wie der alte von Pester. "Das geht zulasten des Umsatzes", sagt Horst, "das ist die Marktwirtschaft."

Offenbar kann Horst sich nicht vorstellen, dass man gegen etwas kämpft, ohne einen persönlichen Vorteil daraus ziehen zu wollen. Aber Pester sagt, es gehe ihm nicht um seinen Edeka, sondern um Göhren.

Nach seiner Vereidigung arbeitete Pester sich ein. Aus dem Archiv ließ er sich die Pacht- und Kaufverträge der Stadt aus den letzten Jahren kommen. Er las und las und begann sich zu wundern. Es habe Nächte gegeben, sagt er, in denen er nicht schlafen konnte. "Ich habe einfach nicht verstanden, wie man solche Verträge machen kann."

Viele der Verträge hatte die Gemeinde mit Firmen geschlossen, die Herrn Horsts Familie gehören. Eigentlich, sagt Pester, sollte von diesen Vereinbarungen immer auch die Gemeinde profitieren. Aber in diesen Papieren, so schien es, gewann immer nur Horst. Vor allem ein Vertrag sorgte dafür, dass Pester zu zweifeln begann, es ging darin um die Parkplätze am Nordhang.

Der Ortskern von Göhren liegt auf einem Hügel. Von dort aus gibt es zwei Wege, die zum Nordstrand führen, dem Strand, an dem die meisten Touristen baden: Der eine Weg verläuft durch den Ortskern, es ist die Hauptstraße mit den Geschäften und Restaurants und Eisläden. Der andere, kürzere Weg windet sich in unregelmäßigen Kurven den Nordhang hinunter.

Der Nordhang ist ein 38 Meter hoher Hügel, kurz gemähter grüner Rasen, Büsche und Bänke. An der oberen Kante des Hangs thront das Waldhotel. Am unteren Ende liegen zwei Parkplätze, im Sommer staubig und vollgestellt mit Autos und Reisebussen, im Winter leer, dazwischen zieht sich die Trasse eines Schrägaufzugs den Hang hinauf.

Hier am Nordhang bekommt man einen Eindruck von Horsts Gerissenheit; hier kann man sehen, was passiert, wenn eine Gemeinde Verträge eingeht, die ihren eigenen Interessen zuwiderlaufen. Hier ist die Beziehung zwischen Wilfried Horst und Wolfgang Pester gekippt, nachdem Pester den Vertrag zu den beiden Parkplätzen entdeckt hatte.

Bis Ende Oktober 2013 hatte die Gemeinde Göhren die Parkplätze mit einer Stellfläche für etwa 100 Autos selbst betrieben: Sie hatte zwei Parkscheinautomaten aufgestellt, die Autos standen im Staub, die Gäste zahlten, die Gemeinde kassierte. Rund 80.000 Euro im Jahr. Es war leicht verdientes Geld.

Doch dann entschied sich die Gemeinde, die beiden Parkplätze der PG Parkhaus Göhren GmbH zu überlassen. Für bis zu 80 Jahre und gut 20.000 Euro Erbpacht im Jahr.

Im Gegenzug sollte die PG Parkhaus Göhren GmbH ein Parkhaus auf dem Gelände errichten. Das war die Abmachung. Die Gemeinde verzichtete dafür auf die Einnahmen aus den Parkplätzen. Sie würde rund 60.000 Euro weniger im Jahr verdienen, dafür hätte Göhren den Touristen künftig mehr zu bieten, 255 Stellplätze statt 100, die Leute würden nicht mehr so lange nach einem Parkplatz suchen müssen. Von einem anderen Investor, der das Parkhaus zuvor bauen wollte, hatte die Gemeinde allerdings mehr als das Dreifache verlangt, er war daraufhin abgesprungen.

Die PG Parkhaus Göhren GmbH gehört Herrn Horsts Sohn, der in Bad Oeynhausen lebt, und seiner Tochter. Auch die Waldhotel Göhren GmbH läuft auf seinen Sohn, und die Wellnessbad-Kurmittelhaus GmbH gehört zum Waldhotel. Wilfried Horst aber fungiert in jeder dieser Firmen als Generalbevollmächtigter. Er ist es, der die Entscheidungen trifft. Auch im Gespräch mit der ZEIT lässt Horst daran nie einen Zweifel. Er führt seine Familie und seine Geschäfte wie ein Patriarch.

Am Nordhang ist heute nichts von einem Parkhaus zu sehen. Auf den Flächen parken weiter Autos, auch die Automaten stehen noch. Das Einzige, was sich geändert hat, ist der Betreiber. Statt der Gemeinde verdient an den Parkplätzen nun die Familie Horst.

Im Vertrag steht, dass die PG Parkhaus Göhren GmbH die Erbpacht erst dann an die Gemeinde überweisen muss, wenn die Fläche im Grundbuch eingetragen ist. Zuständig für die Eintragung ist der Pächter, die PG Parkhaus Göhren GmbH. Bis heute allerdings gibt es keinen Eintrag im Grundbuch. Bis heute hat die Gemeinde keinen einzigen Euro erhalten, nur Herr Horst kassiert.

Horst sagt gegenüber der ZEIT, der Eintrag im Grundbuch sei "leider noch nicht erfolgt", da die Bearbeitung beim Katasteramt erfahrungsgemäß mehrere Monate dauere. Der Vertragsabschluss mit der Gemeinde liegt allerdings nicht mehrere Monate zurück, sondern zweieinhalb Jahre. Im Übrigen, so Horst, sei der Vertrag gemeinsam mit der Gemeinde Göhren erarbeitet worden.

Als Wolfgang Pester den Vertrag las, erschrak er. "Die Art, wie mit dieser Fläche umgegangen wurde, ist absurd", sagt er. Wie das passieren konnte, wisse er nicht. "Herr Horst lacht sich ein Loch in den Bauch, wie doof wir sind."

Pester überlegte, den Vertrag vor Gericht anzufechten. Dafür hätte er die Zustimmung des Gemeinderats gebraucht. Doch der Gemeinderat war es, der die Verträge überhaupt erst genehmigt hatte. Die Schriftstücke mögen der Gemeinde Göhren schaden, aber sie wurden demokratisch beschlossen, im Namen der Bürger.

Wie konnte das passieren?

Wilfried Horsts Büro gleich gegenüber dem Waldhotel ist schlicht eingerichtet: ein großer ovaler Konferenztisch, ein geschwungener Schreibtisch aus hellem Holz. Herr Horst lässt sich auf seinen Ledersessel sacken und redet von den Göhrenern.

Es herrschten hier viel Neid und Missgunst, nuschelt er, die Göhrener seien sehr eigen, sehr bedacht und sehr sparsam. Bevor die mal eine Entscheidung träfen, sei schon wieder Sommer, deswegen kämen die nicht weit. Aber die Leute hier, die könnten nicht anders. Das liege in deren Natur.

Er redet von den Göhrenern, als wären sie Eingeborene. Weltfremde Insulaner, deren Horizont nicht weiter reicht als bis zum Festland. Er redet von ihrer Kurzsichtigkeit, von der DDR, von Fünfjahresplänen und der Unfähigkeit zur Marktwirtschaft. Wenn man Herrn Horst zuhört, klingt es, als habe es die Wiedervereinigung nie gegeben.

Hinterm Schreibtisch in Horsts Büro hängen gerahmte Fotos, einige schon etwas angegilbt. Es sind Fotos von ihm und Horst Köhler, der mal im Waldhotel Urlaub gemacht hat, von ihm und Franz Beckenbauer, von ihm und seinem Freund Rolf Töpperwien. Ein Ex-Bundespräsident, ein Ex-Fußballweltmeister und ein Ex-Fußballkommentator.

Es ist eine Galerie der alten Bundesrepublik. Männer, aufgewachsen im Deutschland der fünfziger Jahre, Aufsteiger wie er. Es ist die Welt, die Horst verließ, als er nach Göhren aufbrach. Er, der Sohn eines Bergarbeiters und einer Zigarrenmacherin aus Bad Oeynhausen.

Als sein Vater starb, war Wilfried Horst elf Jahre alt; die Mutter war allein mit vier Söhnen, er war der jüngste. Horst lernte Tischler. Als er 18 war, schenkte seine Mutter ihm ein Grundstück, 400 Quadratmeter Ackerland, und Horst baute sein erstes Haus. Damit fing es an.

Er verkaufte Möbel in Bielefeld und vergab Kleinkredite. Er wickelte Hypotheken ab und eröffnete eine Repräsentanz der Bayerischen Handelsbank in Hannover. Mit Mitte 30 modernisierte er einen Gewerbepark in Bad Oeynhausen und verdiente seine ersten Millionen.

Es ist bei einem unserer ersten Besuche in Göhren, als Herr Horst uns, den Reportern der ZEIT, seinen Ort zeigen will. Horst fährt nicht selbst, er hat seinen Freund Klaus gebeten, das zu übernehmen. Klaus fährt mit einem BMW vor. Er ist einer von drei Göhrenern, die Herr Horst duzt. Die anderen beiden gehören zu Klaus’ Familie.

Herr Horst sagt, sie seien befreundet, er und der Klaus. Sie laden sich gegenseitig zu Geburtstagen ein, Herr Horst hat den Klaus auch einmal nach München mitgenommen, auf das Oktoberfest und in die Allianz Arena.

Klaus sagt, er wisse nicht, warum der Wilfried ihm das Du angeboten habe, aber er habe es gern angenommen. "Das hat nichts damit zu tun, dass ich im Gemeinderat sitze", sagt er. "Der Wilfried und ich sind Freunde."

Der Klaus heißt eigentlich Klaus Möller, er ist aufgewachsen in Göhren, ist 55 Jahre alt, aber er sieht jünger aus, sehr frischer Teint, sehr kurz geschnittenes Haar. Möller ist mal zur See gefahren, nach der Wende schlug er sich im Tourismus durch, er kellnerte, er jobbte hier und da, dann entschloss er sich, eine Diskothek aufzumachen: "Zum Lotsen", die einzige Disco Göhrens. Während der Hauptsaison steht er immer noch jeden Abend hinterm Tresen.

Als der BMW vorfährt, öffnet Horst die Tür hinter der Fahrertür und lässt sich ächzend auf das Leder der Rückbank fallen. Im Radio läuft Ostseewelle, die Hits der Achtziger und Neunziger und das Beste von heute. Horst sagt: "Klaus, mach doch mal das Radio leiser." Und Klaus dreht das Radio leiser und fährt los, während Herr Horst in dem BMW sitzt wie ein Fahrgast in einem Taxi. Als wäre Klaus Möller sein Chauffeur.

Wilfried Horst und Klaus Möller kennen sich seit Jahren. Herrn Horst gehörte früher das Haus, in dessen Keller Möller seine Disco betrieb. Irgendwann wollte Horst verkaufen, mehrere Ferienwohnungen und den Keller. Er verkaufte Möller den Keller für 450.000 Mark. Bis heute zahlt Möller den Kredit ab.

Während Möller den BMW durch Göhren steuert, deutet Horst aus dem Fenster. Es geht vorbei an der Schule, die Horsts Enkel besucht, vorbei am Haus von Horsts Tochter. Später zeigt er den Nordhang und einen Gehweg, den er für rund 150.000 Euro bauen ließ. Die Fahrt ist eine Tour de Horst.

Wie so häufig trägt Horst eine schwarze Regenjacke, ein Werbegeschenk von Rostocker Pils, und ausgetretene Lederslipper. Um sein Handgelenk hat er eine Uhr mit schlichtem Ziffernblatt und ledernem Armband gebunden, er habe sie für 25,80 Euro bei Kaufhof gekauft, erzählt er später. Herr Horst protzt nicht. Der einzige Luxus, den er sich zugesteht, ist seine Mercedes S-Klasse. Und selbst die zeigt er nicht her, er lässt sich ja im BMW herumfahren. Horsts Statussymbol ist Göhren.

Im Gemeinderat von Göhren sitzen acht Männer, vier von ihnen sind bei der CDU, zwei bei der SPD, zwei sind Einzelbewerber. Die einzige Frau im Gemeinderat vertritt die Wählergruppe "Gemeinsam für Göhren". Wobei die Parteizugehörigkeit bei Entscheidungen im kleinen Göhren kaum eine Rolle spielt.

Fast immer, wenn die Gemeinde in der laufenden Wahlperiode über Geschäfte mit der Familie Horst entschied, beschafften ihr, beschafften Herrn Horst dieselben fünf Gemeindevertreter eine Mehrheit.

Der erste, er ist von der CDU, betreibt die Buden an der Strandpromenade, bei Konzerten und Partys verkauft er Bier und Wurst. Die Lizenz dafür wird regelmäßig ausgeschrieben, der Höchstbietende erhält den Zuschlag. Früher war es Horst gewesen, der die Buden betrieb, inzwischen jedoch hält er sich aus dem Bieterverfahren heraus. Der zweite der fünf Gemeindevertreter, SPD, ist der Cousin des ersten. Der dritte, CDU, ist Gruppenführer bei der Freiwilligen Feuerwehr. Das Waldhotel spendete der Feuerwehr erst im vergangenen Jahr 25.000 Euro für einen neuen Transportwagen. Beim vierten Abgeordneten, SPD, weiß man nicht genau, warum er für Horst stimmt. Der fünfte ist Klaus Möller, er ist bei der CDU. Er vertraut Horst, schließlich sind sie Freunde. Möller sagt: "Die Verträge lese ich mir durch, aber dieses Juristendeutsch versteht ja keine Sau."

Horst erzählt, dass er einmal einige Gemeindevertreter nach Dortmund zu einem Spiel der Borussia eingeladen habe.

Manche im Dorf nennen die Gemeinderäte, die fast immer auf Horsts Seite stehen, "die fünf von der Stange". Die fünf bestätigen, dass sie sich, über die Parteigrenzen hinweg, regelmäßig treffen und beraten. Sie würden jedoch nicht aus Gefälligkeit für Herrn Horst stimmen, das sei "Schwachsinn", sagt einer von ihnen, sondern weil Horst im Ort jede Menge bewege.

Wilfried Horst ist es gelungen, in Göhren ein feines Netz zu spinnen, aus Vorteilen, Abhängigkeit und Druck. Rechtlich könnte man ihn dafür niemals belangen. Jeder in Göhren weiß, dass es dieses Netz gibt. Doch kaum jemand möchte damit öffentlich in Verbindung gebracht werden. Zu groß ist wohl die Angst, es sich mit Herrn Horst zu verscherzen. Zu hoch die Wahrscheinlichkeit, aufzufliegen. Für Außenstehende bleibt das Netz unsichtbar.

Es war im Sommer 1990, Herr Horst war Anfang 40, als er zum ersten Mal nach Göhren kam. Gemeinsam mit seiner Frau hatte er sich in seinen Mercedes gesetzt und war von seinem Ferienhaus in der Lübecker Bucht nach Rügen gefahren. Sie waren vorher noch nie im Osten gewesen.

Durch das Fenster des Mercedes, so erzählt Wilfried Horst es, sah er Menschen, die gebückt auf Feldern standen und Kartoffeln sammelten. Das Bild gefiel ihm, es erinnerte ihn an seine Kindheit. Dann entdeckte er zufällig dieses ehemalige Heim des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes.

Es stand auf einem Hügel in Göhren, das damals noch ein verschlafenes Dorf war, über dem ein Schleier DDR-Grau lag. Herr Horst mochte die leise Brandung, die salzige Luft, die Eschen, die an der Steilküste standen. Er weiß nicht mehr, was genau es war, aber irgendetwas sah er in diesem verfallenen Heim. Eine Möglichkeit, Geld zu verdienen?

Er kaufte es für 750.000 Mark und riss es ab. Er baute Ferienwohnungen, obwohl er vorher nie etwas mit Ferienwohnungen zu tun gehabt hatte. Er inserierte die Wohnungen in einer Sonntagszeitung, und am Montag hatte er in drei Stunden zwölf Wohnungen verkauft. Er dachte: "Mensch, da haste in ein Nest gefasst, da kannste was machen."

Der Goldrausch spülte zu dieser Zeit viele Hasardeure und Glücksritter in den Osten, sie träumten vom Geschäft ihres Lebens. Den Göhrenern fehlten die finanziellen Mittel, um selbst zu investieren. Sie verkauften ihr Land. Auch an Horst, der sich Parzelle für Parzelle den Ort eroberte. Für seine Geschäfte in Göhren arbeitete Horst mit einem ehemaligen Offizier der Nationalen Volksarmee zusammen, einem Mann mit den richtigen Kontakten. Viele der Glücksritter scheiterten und schlichen wieder zurück in den Westen, Herr Horst blieb.

Er baute Ferienwohnungen und ein Kurhaus, erzählt er, er eröffnete das Waldhotel und die Ostseeresidenz, er investierte Millionen, zuletzt verkaufte er das Hotel Berliner Bär. Er kaufte das Haus neben dem Waldhotel, die Villa Hanni, ließ es renovieren, gliederte es an das Hotel an und bezog mit seiner Frau das schönste Zimmer. Heute leben die beiden hier die meiste Zeit des Jahres. Wenn sie aus dem Fenster schauen, können sie die Ostsee sehen.

Wilfried Horst brachte den Kapitalismus nach Göhren, die Marktwirtschaft. Er verdiente in kurzer Zeit so viel Geld, er wurde schnell so mächtig, dass es für die Göhrener, als sie den Kapitalismus verstanden hatten, schon zu spät war.

Für jemanden, der nach Göhren kommt, ist es schwer, den Geschäften der Familie Horst auszuweichen. Wenn man essen geht, kann es sein, dass man an Horst zahlt. Auch wenn man im Ort übernachtet, wenn man Brötchen holt, selbst wenn man Klopapier kauft, kann es gut sein, dass man an Horst zahlt.

Auch Wolfgang Pester sollte Teil seines Netzes werden. Vor der Wahl passte Herr Horst ihn ab, wenn Pester morgens mit seiner Frau beim Nordic Walking den Nordhang hinaufspazierte. Nach der Wahl lud er Pester in sein Büro.

Erst nach und nach habe er gemerkt, dass Horst versucht habe, ihn auszunutzen, sagt Pester. Als er die Verträge gelesen hatte, begriff er endgültig. Wenn Horst jetzt bei Pester anruft, lädt der Bürgermeister den Investor zu sich ins Büro ein oder schlägt ein Treffen auf neutralem Boden vor. In Horsts Büro geht er nicht mehr.

Schon gar nicht seit der Sache mit dem Schrägaufzug.

In Horsts Waldhotel wohnen viele ältere Gäste und Rehasportgruppen, die sich am Strand erholen wollen. Viele von ihnen sind nicht gut zu Fuß. Herr Horst kam deshalb auf die Idee, einen Schrägaufzug zu bauen, der quer über das Hotelgrundstück am Nordhang nach unten führt.

Keines der Unternehmen der Familie Horst hätte für den Fahrstuhl eine Förderung in dieser Höhe vom Land erhalten. Alleine bezahlen aber wollte Herr Horst ihn nicht. Also überzeugte er die Gemeinde von seiner Idee. Im Januar 2014 entschied der Gemeinderat: Horst bekommt den Schrägaufzug, und die Gemeinde soll ihn bezahlen, obwohl sie selbst mit zwei Millionen Euro verschuldet ist und ihren Haushalt sanieren muss. Heute sagt Herr Horst: "Der Aufzug ist eines der Dinge, auf die ich in Göhren am stolzesten bin." Und man weiß nicht, ob er wirklich den Aufzug meint. Oder ob es ihm darum geht, ihn umsonst bekommen zu haben.

Um den Lift zu bauen, kaufte die Gemeinde dem Waldhotel einen schmalen Streifen Land ab, 569 Quadratmeter für je einen Euro. Sie investierte 1,5 Millionen Euro in den Aufzug, wieder ein sehr vorteilhafter Vertrag für Herrn Horst, doch damit war die Sache noch nicht zu Ende. Die Baufirma setzte einen Stützpfeiler auf das angrenzende, weiterhin Horsts Unternehmen gehörende Grundstück, für den sie keine Genehmigung hatte. Als die Gemeinde die Stütze nachträglich beim Bauamt genehmigen lassen wollte, legte Horsts Anwalt Widerspruch ein. Der Fahrstuhl durfte nicht in Betrieb gehen. Und solange der Fahrstuhl nicht fuhr, bekam die Gemeinde kein Fördergeld vom Land. Horsts Anwalt schrieb an Pester, der inzwischen ins Amt gewählt worden war. Dem Bürgermeister wurde klar: Horst hatte ihn in der Hand. Schlimmstenfalls würde er die Gemeinde zwingen, den ganzen Aufzug wieder abreißen zu lassen. Es schien so, als reiche es ihm nicht, dass er den Aufzug kostenlos bekam. Er forderte weitere Zugeständnisse.

Horst verlangte unter anderem, dass die Gemeinde die Baugenehmigung für eine geplante Wohnanlage erteilt, auf die er seit mehr als einem Jahr wartete. Diese Forderung hatte nichts mit dem Schrägaufzug zu tun. Herr Horst erpresste die Gemeinde.

Doch es gab etwas, womit Herr Horst nicht gerechnet hatte. Es gab jemanden, der sich wehrte. Wolfgang Pester gehorchte nicht.

Wolfgang Pester ist kein besonders guter Redner. Wenn er aufgeregt ist, verliert er manchmal den Faden. Deswegen hatte der Bürgermeister sich Wort für Wort seiner Rede aufgeschrieben, als er zu Beginn der Gemeinderatssitzung im Mai 2015 aufstand und sich an die Zuschauer in der überfüllten Schulaula wandte.

Das Verhalten von Herrn Horst, sagte er, sei erniedrigend, arrogant und zeige wenig Achtung vor der Gemeinschaft. Die Erpressungsversuche müssten aufhören. Man müsse sich fragen, ob der Umgang mit Herrn Horst bisher der richtige gewesen sei.

Wer dachte, Herr Horst habe in Göhren nur Claqueure, der wunderte sich nun. Viele der Zuschauer applaudierten Pester. Noch nie hatte sich ein Bürgermeister so offen gegen den Investor gestellt.

In Pesters Rede ging es auch um die Steuerzahlungen des Waldhotels. Horst reagierte auf seine Art: Das Waldhotel verklagte den Bürgermeister. Die Behauptung, das Waldhotel zahle keine Gewerbesteuern in Göhren, wurde Pester gerichtlich untersagt.

Es ist ein ungleiches Duell. In Göhren trifft ein schwacher Staat auf eine aggressive Firmengruppe, die bei jeder Gelegenheit ihren Anwalt einschaltet. Der ehrenamtliche Bürgermeister steht einem professionellen Investor gegenüber, der nicht einmal in Göhren gemeldet ist. Wilfried Horst profitiert vom Strand, von der Landschaft, von den Straßen, der Müllabfuhr. Aber Steuern zahlt der Privatmann Horst nach eigener Auskunft nicht in Göhren, sondern in Bad Oeynhausen, dort, wo seine Meldeadresse ist. Dennoch nimmt der Investor Einfluss auf politische Entscheidungen in der Gemeinde Göhren. Und Wolfgang Pester kann Wilfried Horst dabei meist nur so machtlos zusehen wie die Bundesregierung den Finanzströmen internationaler Hedgefonds. In Göhren läuft im Kleinen schief, was auch im Großen nicht funktioniert.

Horst gewann vor Gericht, aber in Göhren war die Lage nach Pesters Rede nicht mehr dieselbe. Horst hatte Druck gemacht, doch Pester war nicht eingeknickt. Schließlich lenkte Horst ein.

Das Waldhotel hatte als einziges Unternehmen im Ort bereits mit dem Aufzug geworben, doch der lief noch immer nicht. Die Gäste beschwerten sich. Lokalzeitungen und die Super Illu berichteten, das Fernsehen kam, der NDR und RTL, selbst Mario Barth machte sich über die Göhrener und ihren Fahrstuhl lustig, der seit einem Jahr fertig war und trotzdem nicht fuhr. Freunde riefen Horst an und fragten, was da los sei. Zum ersten Mal musste er sich rechtfertigen. Er zog die meisten seiner Forderungen zurück. Im Oktober ging der Schrägaufzug endlich in Betrieb.

Göhren im Dezember. Rund 20 Zuschauer sind zur letzten Gemeinderatssitzung des Jahres in die Aula gekommen. Über ihren Köpfen Industrieleuchten, vor ihnen türkisfarben laminierte Schultische, an denen acht Gemeinderatsvertreter sitzen, einer ist krank, Klaus Möller und Wolfgang Pester sind da. Sie stimmen ab über das nächste große Projekt von Herrn Horst.

Seine neueste Idee ist es, am Südstrand eine Klinik für essgestörte Kinder zu bauen. Es wäre ein gutes Geschäft. Die Eltern der Kinder und ihre Großeltern und Freunde würden auch in der Nebensaison kommen. Es gäbe dann nur noch eine Jahreszeit in Göhren. Herr Horst könnte das ganze Jahr über Geld verdienen.

Den Gemeindevertretern gefallen Horsts Pläne, sie stimmen mit 8 : 0 dafür, auch Pester.

Im Anschluss eröffnet Pester die Bürgerfragestunde. Im Zuschauerraum erhebt sich ein kleiner Mann mit grauem Vollbart und kurzem strohigem Haar. Er trägt ein helles Jeanshemd, das er unterm Bauchnabel in seine Jeanshose gesteckt hat. Göhren habe schon oft genug erlebt, dass Zusagen nicht eingehalten wurden, sagt er. "Wie können wir sicher sein, dass das wirklich eine Klinik wird?"

Am nächsten Tag steht Bernd Elgeti, 62 Jahre alt, auf dem Kirchberg am Ortsrand von Göhren. Er engagiert sich in einer Göhrener Bürgerinitiative mit rund 70 Mitgliedern, früher leitete er eine Baufirma im Ort, heute betreibt er gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin eine Pension. Er ist ein konservativer Mann. Wenn es nach ihm geht, soll Göhren so bleiben, wie es ist.

Vor ihm erstreckt sich eine unwirkliche Landschaft, wie aus einem Aquarell geschnitten, grüne Wiesen, am Horizont Wald, dann der Südstrand, das glitzernde Meer. Mitten in diesem Aquarell wird in ein paar Jahren Horsts Klinik stehen.

Es gibt am Südstrand bereits eine Rehaklinik; eine Augenklinik und eine Fabrik für Implantate sind geplant. Horsts Klinik aber soll das größte Gebäude werden, höher als die Bäume. "Warum muss eine Klinik so hoch sein?", schimpft Elgeti. "24 Meter hoch, das sind sechs Geschosse." Er befürchtet, dass Herr Horst keine Klinik bauen will, sondern ein Hotel.

"Ich könnte meinen Kopf drauf verwetten", sagt Elgeti, "dass diese Gemeindevertretung, noch bevor in drei Jahren neu gewählt wird, für die Klinik eine Nutzungsänderung in ein Hotel beschließt." Es wäre das erste Hotel in Göhren am bisher unerschlossenen Südstrand. Horst sagt dazu gegenüber der ZEIT, es sei gar nicht möglich, aus der Klinik ein Hotel zu machen, dies widerspreche dem Bebauungsplan. Bernd Elgeti aber fürchtet, der Gemeinderat könne mit den Stimmen der "fünf von der Stange" eine Nutzungsänderung beschließen.

Elgeti sitzt jetzt auf einer Sofagarnitur aus hellem Holz und roten Polstern in einer der Ferienwohnungen seiner Pension. Neben ihm liegen vier dicke Leitz-Ordner, darin sammelt Elgeti Zeitungsartikel und Gemeinderatsbeschlüsse, E-Mails und Fotos, es ist seine persönliche Chronik von Göhren. Elgeti hat alles archiviert. Fast immer geht es darin um Herrn Horst.

Was ihn am meisten empört, ist die Sache mit dem Stabenweg, der unterhalb des Kirchbergs verläuft.

Das Waldhotel kaufte dort 2010 ein Ackergrundstück. Das Grundstück ist zwei Hektar groß – was Horst damit will, bleibt unklar. Jetzt soll aus dem Acker Bauland werden und dort eine Wohnsiedlung mit 33 Ein- und Zweifamilienhäusern entstehen. Der Wert des Grundstücks würde schlagartig auf mehrere Millionen Euro steigen. Es fehlt nur noch die Baugenehmigung – die Horst trotz seines Erpressungsversuchs nicht bekam. Wenn Horst Erfolg hat, wird aus Ackerland Betongold.

Bernd Elgeti sagt, Herr Horst beherrsche die Gemeinde wie bei einem Schachspiel, er habe seine Bauern, seine Läufer, seine Springer. "Herr Horst beherrscht jeden, der in diesem Spiel mitspielt." Und Horst selbst – ist der König.

Sogar Horsts Gegner können sich einer gewissen Faszination für seine Gewieftheit nicht entziehen. Wenn man den Göhrenern zuhört, wie sie über Horst sprechen, könnte man denken, der Großinvestor Warren Buffett persönlich habe sich den Ort gekauft. Es wirkt auch wie eine Entschuldigung – einem so unglaublich starken Gegner muss man ja unterliegen.

Wolfgang Pester dachte, im neuen Jahr würde es ruhiger werden. Die Klinik war beschlossen, der Fahrstuhl lief. Doch das neue Jahr brachte neue Pläne. Herr Horst versuchte wieder, die Baugenehmigung für die Wohnsiedlung am Stabenweg zu bekommen. Im Ort erzählen sie, er wolle auch weitere Grundstücke am Südstrand kaufen, von einer Klinik für traumatisierte Soldaten ist die Rede und von einem Parkplatz. Horst bestreitet das.

Pester sagt, er wisse nicht, was Horsts Ziel sei. "Aber anscheinend muss er bauen. Ohne Steine, ohne Kalk, ohne Mörtel kann er nicht, das ist sein Leben."

Wilfried Horst könnte sich längst zur Ruhe setzen. Er braucht nicht mehr zu arbeiten, er hat genug Geld für sich und seine Kinder und deren Kinder. Er könnte mit seinen drei Enkeln, vier, fünf und sieben Jahre alt, spielen, könnte sich an den Strand setzen, seine Füße ins klare Ostseewasser halten und Muscheln zählen. An guten Tagen, wenn die Sonne scheint, der Wind sanft weht und die Möwen kreischen, fühlt sich Göhren an wie das Paradies.

Doch wenn man im Paradies lebt, sagt Herr Horst, vergisst man irgendwann, wie schön das Paradies eigentlich ist. Herr Horst sieht den Sandstrand nicht mehr, nicht die Eschen an der Steilküste, hört nicht mehr die leise Brandung.

Im Waldhotel haben sie ein Wasserbecken, das aussieht wie eine riesige Auster. Dort liegt man im warmen Wasser, 28 Prozent Salzanteil, 45 Minuten in der Auster sollen so erholsam sein wie fünf Stunden Schlaf. "Hin und wieder lege ich mich dort hinein, um auszuruhen", sagt Wilfried Horst. Aber in der Ostsee war er noch nie.

Update: Der Text wurde gegenüber der Printfassung aktualisiert. Die Redaktion.