Dass Thomas von Steinaecker tiefen Zweifel hegt an der Wirkmacht von Rationalität, hat er bereits in seinem 2012 erschienenen Roman Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen eindrucksvoll ins Bild gesetzt. Ausgerechnet eine Versicherungsangestellte, die sich qua Profession der Kalkulierbarkeit der Wirklichkeit verschrieben hat, verfängt sich in irrationalen Angstschleifen. Ihre Rettung: der Ausstieg aus den sozialen Zusammenhängen, die selbst gewählte Verbannung in ein vormodernes Nirgendwo und damit einhergehend: der Beginn des Schreibens, dem als einzig noch möglicher Form der Selbstversicherung ein utopisches Potenzial zuerkannt wird.

Thomas von Steinaeckers jüngster Roman Die Verteidigung des Paradieses liest sich wie eine radikale Fortschreibung dieses Unbehagens an der instrumentellen Vernunft. Der GAU muss in diesem Roman nicht mehr beschworen werden, er liegt in der Vergangenheit. Damit stellt sich Thomas von Steinaecker nicht nur in eine Reihe mit neueren postapokalyptischen Romanen. Mehr noch spielt er mit einem an hollywoodschen Katastrophenfilmen geschulten Motiv- und Bildreservoir.

Das Setting mutet zunächst mehr nach Aussteiger-Idylle denn nach Weltuntergang an. Ein Ensemble von sechs ungleichen Figuren lebt in einer nicht allzu fernen Zukunft als Selbstversorger auf einer Alm bei Berchtesgaden. Oder genauer: dort, wo Berchtesgaden einmal war, bevor Gegend und Bewohner von einer Klimakatastrophe heimgesucht wurden. Wie weit die Verwüstung reicht, darüber kann nur spekuliert werden. Der 15-jährige Heinz jedenfalls, der jüngste der Almbewohner, hat seit dem Untergang vor elf Jahren keine anderen Menschen zu Gesicht bekommen.

Heinz ist es auch, der zum Erzähler des Romans wird, als ihm zum Geburtstag ein leeres Buch geschenkt und ihm die Rolle des Chronisten angetragen wird. Diese poetologische Ausgangslage hat einige Tradition, von Steinaecker befördert durch ihre Wahl Die Verteidigung des Paradieses nun allerdings auf einen beachtlichen Höhenkamm. Der Roman entwirft eine vom Technizistischen übers Futuristische bis ins Fantastische ausgreifende Welt, die der unsrigen fremd ist, aber ihr dennoch ähnelt. Auf dieser Höhe balanciert das Werk, nicht ohne angesichts des hohen Anspruches immer wieder bedenklich zu schwanken.

Vorangestellt sind Heinz’ Aufzeichnungen, die ersten Sätze des Johannes-Evangeliums ("Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott ..."). Kaum weniger als eine negative Schöpfungsgeschichte also soll der Junge erzählen, mehr noch: schöpfen. Zudem lässt ihn von Steinaecker, indem er ihn die dem Vergessenen anheimgefallenen "foxy Altwörter" sammeln lässt, zum Bewahrer einer Sprache und damit Literatur werden, die beinahe schon ebenso unwiderruflich untergegangen ist wie die Welt selbst.

Dass der indes in vermeintlichem Jugendslang verfasste und, als die Gruppe die Alm verlassen muss, sich bald zum düsteren Roadmovie wandelnde Bericht an diesem Anspruch nur scheitern kann, wird auch von Steinaecker nicht entgangen sein. Wohl deshalb lässt er seinen Erzähler sich bewusst immer wieder in Tautologien verheddern. Die mitunter ins Groteske umschlagende Grausamkeit einer Welt, der der Schutzschild der Zivilisation weggebrochen ist und durch die sich die Gruppe auf ihrer entbehrungsreichen Suche nach einem verschonten Gebiet hindurchschlagen muss, wird von Heinz vergleichsweise gelassen hingenommen – im Gegensatz zu den Eindrücken der eigenen sexuellen Initiation. Unheimlich schließlich, mit welcher Wucht Figuren und Leser plötzlich, obgleich sie sich durch die Zukunft bewegen, in einer finsteren Gegenwart aufschlagen. Denn sie müssen erkennen: Sie sind nur Teil eines Flüchtlingsstroms, der vom zerstörten Deutschland aus ins vermeintlich unversehrte Frankreich drängt.

Als Thomas von Steinaecker seinen Roman schrieb, mag er das Ausmaß und Leid der aktuellen Flüchtlingskrise allenfalls erahnt haben. Das beunruhigende Beben, das seinem Roman innewohnt, gewinnt durch diesen Umstand nur noch einmal mehr an Vehemenz. Ausgerechnet das noch auf der Alm geborene Baby schafft den Schritt in ein neues, gleichsam erlöstes Dasein. Ein sentimentales Schlupfloch mithin hat der Autor uns gelassen.

Thomas von Steinaecker: Die Verteidigung des Paradieses. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2016; 416 S., 24,99 €, als E-Book 22,99 €