DIE ZEIT: Herr Denkena, nur drei von zehn mittelständischen Unternehmen sind bisher stark digitalisiert – sie haben also Abläufe in der Fertigung automatisiert oder Aufgaben, die früher Menschen erledigt haben, an Roboter delegiert. Warum sind es nur so wenige?

Berend Denkena: Es ist nicht so, dass die Unternehmer nicht darüber nachdenken, wie sie ihre Arbeitsschritte digitalisieren können. Aber vielen fehlt die Zeit, sich damit wirklich auseinanderzusetzen. Sie sind meistens nicht nur Geschäftsführer, sondern auch Chefplaner und Chefkonstrukteure, schreiben teilweise nachts noch die Rechnungen und Angebote. Außerdem fehlt ihnen Wissen im IT-Bereich. Das Angebot an Technologien ist groß, und es kommen immer neue hinzu. Die richtige Wahl zu treffen, mit welcher Software man arbeiten will, ist nicht einfach, vor allem, wenn die Erfahrung fehlt.

ZEIT: Klingt so, als wären die Mittelständler weit weg von der Industrie 4.0.

Denkena: Mit Industrie 4.0 verbinden viele die futuristische Vision, ein Bauteil solle seinen Weg durch die Fertigung selbstständig steuern und den Maschinen sagen, was es werden will. Alles digital und vollautomatisch. Für kleine und mittlere Unternehmen macht es jedoch keinen Sinn, sofort an Vollautomatisierung zu denken.

ZEIT: Warum denn nicht?

Denkena: Ein Beispiel aus unserem Umfeld: Ein Unternehmer hat sehr viel Geld investiert, seine komplette Fertigung zu automatisieren und die Teileinrichtungen zu vernetzen. Am Ende funktionierte das aber nicht richtig. Die Aufträge wurden nicht fertig, die Firma ging insolvent.

ZEIT: Was hat nicht funktioniert?

Denkena: Es ist sehr herausfordernd, die Produktion von Einzelteilen oder Kleinserien, wie sie bei Mittelständlern üblich ist, in Programmiersprache zu übersetzen. Der Mensch ist flexibel, er kann seine Handgriffe umstellen. Aber ganz ohne Kompromisse kann diese Übersetzung des intuitiven menschlichen Handelns nicht gehen. Bevor darüber nachgedacht werden kann, müssen zuallererst die Daten sauber erfasst werden.

ZEIT: Von welchen Daten sprechen Sie?

Denkena: Manchmal fängt es schon damit an, die Auftragskalkulation eben nicht mehr auf Papier und handgeschriebenen Listen, sondern am Computer zu erstellen. Nach unseren Erfahrungen liegen viele Daten in den Unternehmen schon digital vor, zum Beispiel in den benutzten Maschinen oder in der Konstruktion der Firma. Aber aus den Daten wird nicht alles herausgeholt, sie werden nicht verknüpft. Es gibt keinen Datenfluss, sodass dieselben Daten an verschiedenen Stellen der Produktion wieder neu eingegeben werden müssen.

ZEIT: Wären wir eine Firma, die Schrauben herstellt und die digitalen Möglichkeiten nutzen will – was würden Sie uns als erste Anschaffung raten?

Denkena: Ein einfaches Datenerfassungssystem, zum Beispiel durch einen Barcode oder mit der Funktechnologie RFID. So wie in der Diebstahlsicherung im Klamottenladen. RFID kann dafür genutzt werden, um zu sehen, wo ein Auftrag gerade ist. Dann kann ich Zusammenhänge erkennen: Wie lange lag der Auftrag an welcher Maschine, wo entsteht Stau in meiner Fertigung? Damit lässt sich genau sagen, wie viel das einzelne Teil tatsächlich gekostet hat. Und es lässt sich recht einfach ermitteln, an welchen Stellen die Fertigung verbessert werden sollte. Ein solches Datenerfassungssystem ist nicht teuer, es geht im vierstelligen Bereich los.

ZEIT: Was halten die Firmen davon, die Daten aus ihren Geschäftsprozessen digital zu erfassen?

Denkena: Bei den Mitarbeitern kommt das nicht nur gut an. An meinem Institut, dem Institut für Fertigungstechnik der Universität Hannover, haben wir vor Kurzem einen Datenlogger für ein Unternehmen entwickelt, der auf allen Maschinen installiert werden konnte. Der Unternehmer kann nun jederzeit sehen, ob seine Maschinen produzieren, welches Bauteil gerade an der Reihe ist und wo Lieferprobleme entstehen könnten. Die Mitarbeiter hatten Vorbehalte gegen diese Transparenz. Sie hatten Sorge, dass eine längere Pause, zum Beispiel eine ausgedehnte Raucherpause, dem Chef auffallen könnte. Wenn ein Auftrag auf seinem Weg durch die Fertigung jederzeit verfolgt werden kann, sieht man natürlich auch, wo die Arbeit länger dauert als geplant.

ZEIT: Wie lange wird es dauern, bis Mittelständler mit autonomen Systemen arbeiten?

Denkena: Wir sind noch zehn bis zwanzig Jahre von der vollautomatischen oder sogar autonomen Fertigung in mittelständischen Unternehmen entfernt. Oft stellen sie verschiedene Produkte in kleiner Stückzahl her, das macht die Automatisierung anspruchsvoll. Die Kosten sind außerdem noch sehr hoch. Die Systeme müssen eingerichtet und gewartet werden, dafür braucht es Mitarbeiter, die das auch können.

Industrie 4.0 ist Thema der Hannover Messe Ende April, zu der auch Barack Obama kommt