Als sich Andrew Jackson vor bald 200 Jahren um die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten bewarb, begründete er eine besonders verlogene Publikationsform: die Kampagnenbiografie. Der in blutigen Schlachten gegen Kolonialherren und Indianerstämme erfolgreiche Offizier hatte es mit seiner persönlichen Geschichte vom "Farmer aus Tennessee" zum siebten Präsidenten Amerikas gebracht. Seitdem versuchten die biografischen Machwerke nahezu aller ihm nachfolgenden Bewerber um das mächtigste Amt der Welt, von Jacksons Marketing zu lernen und den Kandidaten als Normalo mit Potenzial zu positionieren, vorzugsweise als in einer Hütte aufgewachsenen Bauern.

Auf diese Weise lebte das Erbe Jacksons in den Wahlkampferzählungen bis in die jüngste Vergangenheit fort und ging – die Zeitschrift New Yorker hat das in einem Aufsatz vor ein paar Jahren einmal zusammengefasst – so: "Rauflustiger Einzelgänger, der Holz hackt, Erdnüsse anbaut und Elche schießt, kämpft sich mit Schneid, Klugheit, Hartnäckigkeit und Vaterlandsliebe aus der Blockhütte ins Weiße Haus." Die Kandidaten lernt man durch derlei Biografien zwar nicht wirklich kennen, die Schriften sind schließlich voll von historiografisch nicht gedecktem Unsinn. Sie erzählen aber dafür sehr viel über jene Wähler, die derlei Erzählungen überzeugen. Die New Yorker-Autorin fragte deshalb auch etwas verzweifelt: "Werden wir jemals damit aufhören, Andrew Jackson zu wählen?"

Wie es aussieht, ist es so weit.

Es sind nun die Zeiten des Donald Trump angebrochen. Viele Amerikaner wählen in den Vorwahlen zur Präsidentschaft mit ihm gerade einen Milliardär, der sein mondänes Leben in einem mit goldenen Ornamenten verzierten Wohnturm in Manhattan sogar ausstellt, statt die Blockhüttenerzählung zu pflegen, und dessen Aufstieg mit reichen Eltern begann. Vor allem wählen sie einen Mann, der niemals lang dauernde politische Prozesse zu einem Ergebnis oder gar Kriege zu einem Frieden geführt hat. Sie wählen – Mauern gegen Immigranten, Zölle gegen Chinas Wirtschaftsmacht, Folter gegen den IS – das bauchgesteuerte Angebot eines autokratischen Mittelständlers: kurzen Prozess. Am kommenden Dienstag wird er allen Umfragen zufolge seinen Vorsprung bei den Wahlen für die Nominierung der Republikaner zur Präsidentschaft weiter ausbauen.

Das hat es noch nicht gegeben. Unternehmer ohne politische Erfahrung scheitern in Demokratien meistens, wenn sie als Quereinsteiger in etablierten Parteistrukturen nach der Macht greifen. Sie haben es nicht gelernt, Mehrheiten zu organisieren. Sie können nicht damit umgehen, dass diejenigen, die sie führen wollen – anders als ihre Angestellten –, sie als Politiker berufen und entlassen. George H. W. Bush etwa brachte es als Unternehmer erst zur Präsidentschaft, nachdem er im Parlament, als Botschafter und als Vizepräsident das politische Geschäft erlernt hatte.

Donald Trump dagegen ist der erste Unternehmerquereinsteiger, der ohne politische Erfahrung in die Nähe der Präsidentschaftskandidatur einer der großen Parteien kommt. Er beendet damit nicht nur die Serie der Kampagnenbiografien nach Jackson. Er beendet auch ein anderes Erbe Jacksons. Der hatte aus Unzufriedenheit mit aristokratischen Eliten die Demokratische Partei mitbegründet. Sie war das Instrument, mit dem einfache Bürger ihre Interessen im politischen Prozess einbringen konnten. (Jackson ging es dabei um den weißen Mann, wie viele Politiker damals war er ein schlimmer Rassist.) Der Grund für den Erfolg der bizarren Gestalt Donald Trump ist nun aber, dass sie ihrer Wählerschaft ein diabolisch-demagogisches Versprechen macht: Politik als langes Verhandeln von Interessen müsst ihr mit mir nicht mehr aushalten. Ich mache kurzen Prozess, denn: Ich beherrsche die Kunst des Deals.

"Die Kunst des Deals" ist der Titel eines Buches, das Trump vor 29 Jahren veröffentlicht und zum zweitbesten Buch aller Zeiten erklärt hat. ("Nichts schlägt die Bibel. Nicht einmal The Art of the Deal. Nicht einmal annähernd.") Es handelt sich um ein Sachbuch über Verhandlungen in der Geschäftswelt, das Trump einen Journalisten hat aufschreiben lassen. Heute lässt sich das Werk aber, weil Trump es im Wahlkampf laufend bemüht, auch anders lesen: als Fortsetzung der Kampagnenbiografie. So ist die Lektüre zwar auch kein Vergnügen, aber doch erhellend, nicht nur in Bezug auf Trumps Denken und Blick auf die Welt. Sie verrät auch etwas über jene Wähler, die dem Erlösungsversprechen durch den "Deal" erliegen.

Was bedeutet es also, wenn viele Amerikaner nach fast 200 Jahren tatsächlich aufhören, einen Andrew Jackson zu wählen, und sich für einen Donald Trump entscheiden?