In den großen Konzertsaal mit seinen 2.100 Plätzen wurde man nicht vorgelassen, die Pressekonferenz zur Vorstellung der ersten Saison in der Elbphilharmonie fand im Parkhaus statt, Deck drei. Zur Einstimmung ein Video mit Sprayern, die im Auftrag der Stadt einen Bus und diverse Hauswände gestaltet hatten. Beethoven als Street-Art, dazu donnerte ein Hip-Hop-Beat aus den an die Decke geschraubten Boxen.

"Große Ereignisse werfen ihre Sprühdosen und Farbeimer voraus", sagte Tom Schulz, der Pressesprecher, und dann stand auch schon Olaf Scholz vor den Gästen und sprach von der "schweren Geburt" des Projekts (man erinnert sich: 241 Millionen Euro waren ursprünglich bewilligt worden, am Ende beliefen sich die Kosten auf 789 Millionen). Aber nun sei es da, das "demokratische Gebäude", mit seinem speziell norddeutschen Charme. Es passe zu den Hamburgern, weil es zwar "beeindruckend" sei, aber "nicht protzig".

Über die Stilgeste des Hauses kann man streiten, und Protz lässt sich auch mittels Eleganz herstellen, aber dass nicht nur der Hafen, "sondern die ganze Stadt zum Klingen gebracht wird" mit diesem kolossalen Konzerthaus, davon darf man ausgehen. Das Klingen soll auch ein Klingeln der Kassen sein; als Standortfaktor hat die Hamburg Touristik nun eine logofähige Kulisse, die sich besser vermarkten lässt als Astra-Knolle und Alsterschwan zusammen.

Die Elbphilharmonie, das begreift man an diesem Morgen unter Deck noch einmal, ist ein Markendach, dessen suggestive Energien auch andere Institutionen beleben. So erklärt NDR-Intendant Lutz Marmor, die Umbenennung des NDR-Sinfonieorchesters in NDR Elbphilharmonie Orchester sei "ein Bekenntnis zu einem wegweisenden Kulturprojekt". Entsprechend gedankt wurde den Ländervertretern aus Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein, die den Namenswechsel unterstützt haben. Im Sendegebiet gilt jetzt für alle: Wir sind Elbphi.

Der Fahrplan der ersten Saison ist tatsächlich fulminant, das Programmheft dick wie ein Ikea-Katalog. Vor jede Sparte kann man das Präfix Superstar setzen: Dirigenten (Daniel Barenboim, Ingo Metzmacher, Kent Nagano), Sänger (Ian Bostridge, Jonas Kaufmann), Pianisten (Lang Lang, Jan Liesicki), Jazzer (Brad Mehldau, Branford Marsalis), Experimentalkünstler (Brian Eno, John Zorn, Einstürzende Neubauten). Uraufführungen in einer Dichte, dass man meinen könnte, das Neutönen sei ähnlich unkompliziert wie der Verzehr eines Fischbrötchens; am 13. Januar 2017 geht es los mit Jörg Widmanns Oratorium für Soli, Chor und Orchester (Nagano dirigiert), es folgen das Ensemble Resonanz mit einem Werk von G. F. Haas. Usw. usw.

Elbphilharmonie-Chef Christoph Lieben-Seutter referierte atemlos ein Highlight nach dem andern, und nach knapp 20 Minuten Pressekonferenz war klar, dass hier nicht nur ein Konzerthaus, sondern das Selbstverständnis von Hamburg aufgerichtet wurde. Die Stadt soll, wenn sie sich schon nicht mit Olympia zur deutschen Sportkapitale befördern ließ, eine Musikmetropole sein.

Es könnte gelingen, auch weil man massiv gegensteuern will, was den elitären Touch der klassischen Genres angeht. Nagano-Fans und Nintendo-Kids an einem Ort? Kein Problem. "Die Elbphilharmonie ist für alle offen", sagte Scholz. "Jedes Schulkind soll Konzerte besuchen können."

Deshalb wird es für die Eröffnungskonzerte 60.000 Tickets zum Kinokartenpreis geben und in der Folge eine solche Menge an Kinder-, Schul- und Mitmach-Projekten, dass Lehrkräfte schluchzen dürften vor Dankbarkeit. Denn das geht ab 2017 eben nur in Hamburg: Klimpern und Krachmachen in einer der nobelsten Konzertkulissen der Welt.

Mehr Informationen zu Programm und Tickets: www.elbphilharmonie.de