Das muss ein Missverständnis sein: In Flensburg strandet man nicht. Man macht einen Halt auf dem Weg zum Strand und zum dänischen Ferienhaus. Schon die Anfahrt zur Stadt ist ein kleiner Urlaub. Wenn Sie in Hamburg in den Zug steigen, sehen Sie nach einer Stunde nur noch die flache und grüne Weite Schleswig-Holsteins. Es ist wie bei den "schönsten Bahnstrecken", die früher nachts im Fernsehen liefen und einen sanft in den Schlaf wiegten. Kurz vor der Grenze legt die Landschaft noch einmal etwas drauf.

Für eine norddeutsche Küstenstadt ist Flensburg geradezu alpin; mehrere Vororte enden auf "-berg". Das Wetter ist rau, der Himmel oft grau, in allen Schattierungen gleichzeitig. Eine feuchte Kälte krabbelt einem ins Mark. Aber das macht hier keinen bange; raus geht man trotzdem.

Zehn Minuten laufen Sie vom Bahnhof, bis Sie die warme Seite dieser Stadt spüren. Versprochen. Das liegt vorwiegend an den Dänen und am Alkohol. Aber nicht ganz so, wie Sie jetzt denken.

Gehen Sie bis zur ersten großen Kreuzung, rechts von Ihnen befindet sich das Deutsche Haus, der Hauptveranstaltungsort der Stadt. Ein hässlicher Klotz, Sie halten sich links und biegen in die Rote Straße mit ihren Fachwerkhäusern und alten Handwerkerhöfen ein. Hier, im Herzen der Altstadt, finden Sie alles, was der Flensburger zum Leben und Warmwerden braucht: Tee, Rum, Wolle – und Dänen. Das sind jene kleinen, meistens lächelnden Gruppen sehr blonder Menschen, die sich besonders an Wochenenden über die engen Bürgersteige schieben.

Die Flensburger und die Dänen, das war immer etwas Besonderes. Rund vier Jahrhunderte war die Stadt dänisch. Und sie ist es irgendwie immer noch ein wenig, die Dänen und das Dänische blieben der Stadt erhalten – als geschützte Minderheit und als geschätzte, weil reichlich shoppende Tagesgäste. Die Lage zwischen zwei Meeren, der Einfluss von zwei Staaten sorgten für einen immerwährenden Austausch mit der Welt. Flensburg ist ländlich, aber nie provinziell. Hier wird Warten auf Godot auf Plattdeutsch aufgeführt.

Dieser Austausch bewirkte auch, dass die Stadt im 18. Jahrhundert ein wichtiges Zentrum für den Rumhandel wurde. Nachmittags Rum in den Tee zu gießen wird hier bis heute nicht als Alkoholismus ausgelegt. Er sorgt ja nur dafür, dass der Tee noch heißer wird. Erst in der Kehle, dann im Bauch. Wenn Sie den Rum fachgerecht als "’n Lütten" bestellen, fällt er vielleicht größer aus. Dann noch ein Paar Wollsocken, und schon sind Sie gegen die Kälte gewappnet.

Jetzt bleiben Ihnen zwei Optionen. Entweder fühlen Sie sich durch den Lütten etwas tüdelig, dann laufen Sie quer über den Südermarkt in die Nikolaikirche. Ein wenig Andacht in diesem gotischen Bau wird Ihren Kopf wieder frei machen. Von der Trinker- und Steherszene nebenan lassen Sie sich nicht beeindrucken. Ich glaube, die ist da schon seit dem Deutsch-Dänischen Krieg.

Oder Sie gehen die Treppen des Lutherparks hoch, der zurzeit von einem entzückenden Krokusteppich bedeckt ist, und laufen an Knast und Altem Friedhof vorbei zum Museumsberg. Dort oben stehen Sie dann und haben den besten Blick über Stadt und Förde. Sie werden denken: "Mittelalter! Nee, wat scheun." Und wahrscheinlich: "Dänemark kann noch ’n beten warten."