Noch wissen wir nicht viel über die vielen Menschen, die in der letzten Zeit zu uns geflohen sind: Wollen sie bleiben, oder warten sie darauf, in ihre Heimat zurückzukehren? Lassen sie sich in den Arbeitsmarkt integrieren? Welche Qualifikationen haben sie? Eines aber ist gewiss: Die Menschen, die zu uns kommen, sind jung. Sie sind in einem Alter, in dem ihre Ausbildung noch nicht abgeschlossen ist. Die Frage muss also eher die sein: Wie lassen die jungen Einwanderer sich in unser Bildungssystem integrieren?

Zunächst steht fest, dass wir Verstärkung von außen brauchen – durch mehr Lehrer, Berufsschullehrer und Hochschuldozenten. Doch auch im Inneren müssen wir alle Kräfte mobilisieren. Und das heißt: Wir brauchen jetzt die Hilfe der deutschen Schüler, Auszubildenden und Studierenden. Vielerorts entstehen hierzu bereits spontane Initiativen. Dieses großartige Engagement sollte systematisch gefördert und ausgebaut werden. Als Vorbild hierfür könnte ein Programm dienen, das vor zehn Jahren gegründet wurde und inzwischen an über tausend Schulen in Deutschland umgesetzt wird: das Buddy-System. Buddy ist das englische Wort für Kumpel und basiert auf der Erkenntnis, dass Schüler ab einem gewissen Alter die meiste Zeit mit Gleichaltrigen verbringen und von ihnen stärker beeinflusst werden als von ihren Eltern oder Lehrern. In den Buddy-Schulen werden die Schüler zu gemeinsamen Projekten angeregt, durch die sie lernen, besser aufeinander zu achten und füreinander da zu sein. Sie engagieren sich beispielsweise als Streitschlichter, organisieren einen friedlichen Ablauf auf dem Pausenhof und in der Mensa, sie zeigen den jüngeren Schülern den verantwortungsvollen Umgang mit sozialen Medien wie WhatsApp, sie führen neue Schüler und Eltern am Tag der offenen Tür durch die Schule, sie helfen Lernschwächeren bei den Hausaufgaben und vieles mehr. All das muss zwar von der Schule angestoßen und betreut werden, aber dieser Aufwand ist verhältnismäßig gering – gemessen an seinem großen Nutzen.

Die Buddy-Projekte nützen nicht nur den Mentees, sondern auch den Mentoren. Sie entwickeln soziale Kompetenzen und erfahren, dass sie mit ihrem Engagement etwas verändern können. Und auf unsichtbare Weise verbessert sich dadurch das Zusammengehörigkeitsgefühl und das gesamte Klima an der Schule. All dies brauchen wir jetzt noch dringender.

Alle Schulen, Berufs- und Hochschulen sollten einen solchen Ansatz aufgreifen. Viele von ihnen sind ja schon sehr engagiert, und es wäre sicher falsch, von oben ein einheitliches Verfahren zu verordnen. Aber richtig fantastisch wäre es, wenn sichergestellt wäre, dass jeder Flüchtling, der durch die Tür des deutschen Bildungssystems kommt, dort von einem gleichaltrigen Deutschen in Empfang genommen wird, der ihn freundlich begrüßt, ihm alles zeigt und besonders in der ersten Zeit zur Seite steht – beim Deutschlernen, beim Finden von Freunden und im manchmal etwas unübersichtlich wirkenden Bildungssystem. Die Bildungseinrichtungen müssten "lediglich" die Vermittlung vornehmen, was sie jedoch gleich mit erledigen können, wenn sie mit dem jeweiligen Flüchtling ohnehin die Anmeldeformalitäten abwickeln. Sicher brauchten gerade die jüngeren deutschen Schüler bei diesem Engagement noch eine gewisse Betreuung durch die Lehrer, die sich dadurch jedoch langfristig entlasten können. Denn die Erfahrung des Buddy-Programms zeigt, wenn die Schüler sich gegenseitig unterstützen und in der Klasse ein gutes Miteinander entsteht, läuft auch der Unterricht deutlich besser. Dies wiederum nützt allen Schülern.

Aber werden sich überhaupt genügend junge Freiwillige hierfür melden? Man könnte ihnen eine Belohnung anbieten, indem man ihnen Leistungspunkte gibt, wie es in ähnlicher Form immer mehr Schulen und Hochschulen seit einigen Jahren ohnehin tun. Allerdings muss das jeweilige Engagement-Projekt dabei eng mit einem Unterrichtsfach oder Seminar verknüpft sein. Dennoch braucht es einen kleinen Anstoß, und zwar von höchster Stelle. Jeder Schuldirektor, Berufsschulleiter und Hochschulpräsident sollte seine Schützlinge persönlich zu diesem Engagement ermuntern und ihnen hierfür am Ende des Jahres bei einer eigenen Veranstaltung ein Zertifikat überreichen – aber nicht lieblos, sondern am besten in einem feierlichen Rahmen. Es muss einfach als große Auszeichnung gelten, sich an einem solchen Programm zu beteiligen. Zum Start könnten deshalb alle jungen Freiwilligen zum Beispiel ein bundesweit einheitliches T-Shirt erhalten, Bundeskanzlerin Merkel könnte ihnen ein paar Worte mit auf den Weg geben – sozusagen als Nationalmannschaft der Integrationshelfer. Doch sind diese Anreize wahrscheinlich gar nicht nötig. Die Hilfsbereitschaft ist gerade bei den jungen Leuten enorm und die Schwelle für ein Buddy-Engagement eher niedrig: Es geht ja vor allem um ein wenig Rückendeckung im Bildungsalltag, den sie ohnehin zusammen verbringen.

Natürlich gibt es noch viel mehr zu tun, damit sich die vielen jungen Neuankömmlinge über eine gute Ausbildung in Deutschland integrieren können. Solche Eins-zu-eins-Partnerschaften im Bildungssystem sind ein zusätzliches Mittel – einfach, aber sehr wirksam. Sie sollten jetzt flächendeckend organisiert werden, denn sie erfüllen nebenbei noch ein weiteres Ziel: Jeder Schüler, Auszubildende und Student, der sich daran beteiligt, setzt ein deutliches Zeichen der Weltoffenheit. Zusammen sind sie die Abwehrkräfte unserer Gesellschaft, damit Fremdenfeindlichkeit erst gar keine Chance bekommt.