Es geht diesmal nur um ein ganz kleines Flüchtlingsheim, um Holzpavillons für 192 Menschen – doch schon das ist den Anwohnern in Blankenese zu viel. Als vor Kurzem am Björnsonweg Arbeiter anrückten, um vor den Bauarbeiten einige Bäume zu fällen, fanden sie die Straße blockiert vor: Kleinwagen, aber auch Limousinen mit Bootsanhänger versperrten den Weg.

Eine Straßenblockade gegen Flüchtlinge? Autonome, die sich auf den Weg in den Villenvorort machen, um die "Hamburger Schampusgesellschaft" zur Räson zu bringen? Der Konflikt in Blankenese ist die jüngste Eskalation im Streit um die Flüchtlingsunterkünfte. Was angesichts solcher Nachrichten schnell aus dem Blick gerät: Der Protest ist, jedenfalls bislang, der Protest einer Minderheit. Unter den rund 230 Heimen und Siedlungen, die Hamburg für die neuen Zuwanderer betreibt oder plant, sind mehr als 200, an denen sich offenbar kaum jemand stört.

Warum? Hier ist eine Erklärung: Protest ist eher die Ausnahme als die Regel, weil nur eine Minderheit der Bürger sich durch Flüchtlinge in der Nachbarschaft bedroht oder gestört fühlt. Für die ZEIT haben Sozialwissenschaftler des Berliner Bundesverbands für Wohnen und Stadtentwicklung untersucht, welche Bevölkerungsgruppen im Umkreis besonders heftig kritisierter Bauvorhaben leben. Das Ergebnis ist eindeutig. Nicht die Hamburger insgesamt wehren sich gegen Flüchtlingsheime in ihrer Nachbarschaft und zu allerletzt die weniger Wohlhabenden und weniger Gebildeten, die mit den Zuwanderern bald um Arbeitsplätze und Wohnraum konkurrieren werden.

Im Zentrum des Protests stehen stattdessen zwei Minderheiten: eine konservative und sehr wohlhabende Gruppe sowie ein kleiner Teil der Mittelschicht, der Vielfalt und Andersartigkeit als bedrohlich erlebt und mehr als andere den sozialen Abstieg fürchtet. Das Villenviertel Blankenese ist demnach als Schauplatz eines solchen Konflikts durchaus typisch. Wo viele Ausländer und Einwohner mit Migrationshintergrund leben, regt sich dagegen überraschend wenig Widerstand. Erst neuerdings wehren sich Betroffene dagegen, dass ausgerechnet ihre Stadtteile trotz aller Integrationsprobleme, die sie schon haben, nun am meisten Zuwanderer aufnehmen sollen.

Die sogenannten Sinus-Milieus, auf deren Analyse diese Untersuchung beruht, teilen die Bevölkerung in verschiedene Gruppen ein, je nach Lebensstil und Einstellung. Zehn Milieus gibt es in Deutschland. Sie sind seit Jahrzehnten bekannt und gründlich erforscht, zuletzt auch in ihrer Haltung zu Zuwanderung und Flüchtlingen. Für Hamburg kennen Wissenschaftler die unterschiedlichen Wohnorte der Milieus genau, sodass eine sehr kleinteilige Untersuchung möglich ist. Straße für Straße haben die Forscher Daten aus den Nachbarschaften der umstrittenen Unterkünfte ausgewertet und für die ZEIT zu einem Bild zusammengesetzt. Über einzelne Menschen sagen solche Untersuchungen nichts aus – Soziologen lesen Statistiken, keine Gedanken. Ihnen geht es um die Verhältnisse, unter denen die neue Protestbewegung gedeiht.

Ursprünglich waren es acht Bürgerinitiativen, die den Bau größerer und großer Flüchtlingsheime per Volksentscheid verhindern wollten. Vier von ihnen sind in wohlhabenden Vierteln entstanden, in denen das Milieu der sogenannten Konservativ-Etablierten den Ton angibt. In Rissen ist das so, in Poppenbüttel, Lemsahl-Mellingstedt und besonders deutlich in Klein Borstel. Auch in der Umgebung der umstrittenen Unterkunft in Blankenese sind die Konservativ-Etablierten die stärkste Bevölkerungsgruppe. Ihre Angehörigen muss man sich als wohlhabende, gebildete Bürger mit ausgeprägter "Vorliebe für das Edle, Vornehme" vorstellen, wie es in einer Sinus-Untersuchung heißt. "Distinktion, Kennerschaft und Exklusivität sind dominante Bedürfnisse." In ganz Hamburg stellen die Konservativ-Etablierten knapp zwölf Prozent der Bewohner, in den Zentren des Protests beträgt ihr Anteil stellenweise mehr als 80 Prozent.

Flüchtlinge aufzunehmen finden die meisten Angehörigen dieses Milieus richtig – allerdings sind sie es nicht gewohnt, in der eigenen Umgebung mit sozialen Problemen konfrontiert zu werden. Sie wollen "unter sich und ihresgleichen" bleiben und arbeiten "sehr zielgerichtet und mit hohem Engagement" daran, dass das so bleibt, schreiben die Sinus-Forscher. Kein anderes Milieu strebt so sehr danach, sich vom Rest der Gesellschaft abzusondern. Was im wohlhabenden Segment der Protestbewegung als Angst vor künftigen Parallelgesellschaften beschrieben wird, könnte demnach auch als Wunsch gedeutet werden, im behaglichen Entre-nous der eigenen Parallelgesellschaft nicht gestört zu werden.

Aus Sicht der Forscher zählen die Konservativ-Etablierten zu den sogenannten Leitmilieus: Wo sie leben, stellen sie oft Wortführer und prägen die Debatten. Gegenüber Zuwanderern seien sie "nicht offen feindselig", schreiben die Wissenschaftler. Aber "hinter vorgehaltener Hand" werde "nicht selten der negative Einfluss von Ausländern und Unterschicht auf das Wohnumfeld und das Miteinander beklagt".

Etwas anders denkt die sogenannte Bürgerliche Mitte. Für dieses Milieu ist die Angst vor dem sozialen Abstieg typisch, Vielfalt wird als bedrohlich erlebt. "Es gibt zu viel Zuwanderung von Menschen, die nicht zu uns passen", das finden die meisten, fast zwei Drittel wollen "die deutsche Kultur wieder stärker in den Mittelpunkt" stellen. "Sicherheit" ist für typische Angehörige der Bürgerlichen Mitte das wichtigste Kriterium bei der Wohnungssuche, weshalb viele von ihnen an den Stadtrand ziehen – ausgerechnet dorthin, wo noch am ehesten Platz für Flüchtlinge ist, wie sich jetzt zeigt. In Hummelsbüttel und Bahrenfeld haben sich in Wohngebieten mit mittlerer sozialer Lage Initiativen gegen Flüchtlingssiedlungen gebildet. An beiden Standorten ist neben den Konservativ-Etablierten auch die Bürgerliche Mitte stark vertreten.