Das Semester beginnt – wieder müssen sich Studenten durch verschwurbelte Texte quälen. Professoren sollten endlich lernen, sich klar auszudrücken! Ein Appell

Ich war ein fauler Schüler. Im Gymnasium entwickelte ich eine einfache Strategie, um trotzdem gute Noten zu kriegen. Wenn ich meine Hausaufgaben und Klassenarbeiten so hochtrabend formulierte, dass meine Lehrer sie nicht so recht verstanden, gaben sie mir brav eine Eins.

Erst als ich nach dem Abitur zum Studium nach Cambridge ging, trieb mir ein besonders geduldiger Professor meinen Hang zum Schwadronieren aus. "Du scheinst ja hell im Kopf zu sein", schrieb Richard Serjeantson unter meinen Aufsatz. "Aber von dem, was Du da schreibst, verstehe ich kein Wort." Im nächsten Aufsatz, so trug er mir auf, sollte ich mich gefälligst so unverblümt wie möglich ausdrücken: kurze Sätze, einfache Worte, klare Zusammenhänge.

Das kann ja nicht so schwer sein, dachte ich mir. Und erlebte die schwierigsten Monate meines Studiums. Denn als ich versuchte, all die tiefen Gedanken, die ich jahrelang in umständlichem Akademikerstil aufs Papier gebracht hatte, klar auszudrücken, stellte ich fest, dass meine Gedanken überhaupt nicht tief gewesen waren. Deprimiert musste ich mir eingestehen, dass meine Ideen entweder trivial waren – oder einfach nur konfus.

Ich hatte Glück. Mein so unnötig umständlicher Schreibstil wurde mir auf sanfte Weise ausgetrieben, als ich noch jung genug war, um mich dauerhaft zu läutern. Mittlerweile habe ich eine feste Überzeugung: Wenn ich einen Gedanken nicht auf einfache Weise ausdrücken kann, ist dieser nicht besonders tiefgründig oder originell. Im Gegenteil, ich habe ihn dann noch nicht gut genug verstanden. Statt meine Verwirrung hinter Fachsimpelei zu verstecken, muss ich härter nachdenken.

Diese Einsicht kam nicht zufällig. Vielmehr hat es das angelsächsische Bildungssystem darauf abgesehen. In England bestehen die meisten Lehrer und Dozenten auf einem einfachen Schreibstil. In den USA bieten die meisten Universitäten einen Pflichtkurs, der den Studenten klares Schreiben einbläuen soll. In Deutschland dagegen tut das Bildungssystem kaum etwas dafür, die Tugenden des klaren Schreibens zu vermitteln. In Schule und Uni herrscht sogar die Grundannahme, ein komplizierter Satz sei wahrscheinlich auch ein kluger Satz. Systematisch unterrichtet wird klares Schreiben fast nirgends. Ja für manchen Professor gilt ein Text, der einfach zu verstehen ist, gar als Beweis für Unwissen, intellektuelle Minderbemitteltheit oder gar für den anrüchigen Drang, für ein breites Publikum zu schreiben.

Wie groß dieses Problem auch weiterhin ist, wurde mir klar, als ich mich in den letzten Monaten intensiv mit einer Auswahl an Texten auseinandersetzte, die Studenten in ganz Deutschland gerade auf ihrem Schreibtisch liegen haben. Ich habe philosophische Traktate und Einführungen in das Wirtschaftsrecht durchkämmt, mich durch Geschichten der deutschen Literatur und Handbücher zur Policy-Analyse gequält.

Bei meiner Recherche habe ich Grund zur Hoffnung entdeckt. Manche Bücher sind ehrlich bemüht, Wissen auf möglichst zugängliche Weise zu vermitteln. In einigen Fächern gibt es ausgezeichnete Einführungswerke, die selbst noch so komplizierte Themen in einfacher Sprache kommunizieren und mit treffenden Metaphern veranschaulichen. Einige Professoren, die den Mut zur Einfachheit besitzen, gibt es also auch in Deutschland.

Vieles, was ich las, erinnerte mich aber an die einfallsreichen Folterinstrumente, die man heute noch in mittelalterlichen Burgen bewundern kann. Studenten müssen sich durch Bücher quälen, deren Autoren es augenscheinlich wichtiger war, ihre Intelligenz unter Beweis zu stellen, als den Leser zu bereichern. Bücher, bei denen ich trotz meines Grund-, Haupt- und Doktorstudiums nur Bahnhof verstand. Bücher, über die nur jemand, der sich dank seiner vielen Jahre an der Uni seiner selbst sicher ist, urteilen wird: "There is no there there." Auf gut Bayerisch: "Do is’ nix."

Das ist eine Schande, weil diesen Professoren doch eigentlich daran gelegen sein müsste, ihr Wissen an den Mann zu bringen. Es ist eine Schande, weil lernbegierige junge Menschen sich schnell von einem akademischen System abwenden, von dem sie sich verarscht fühlen. Und es ist eine Schande, weil Fachsimpelei immer auch als soziale Auslese fungiert. Wenn Inhalte leicht verständlich sind, hat jeder intelligente Student eine Chance. Wenn sie sich dagegen hinter unnötigem und oft unerklärtem Fachvokabular verstecken, haben Studenten aus bildungsfernen Schichten einen riesigen Nachteil. Auch ein Grund, warum die Quote an Studienabbrechern hierzulande so groß ist.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 17 vom 14.4.2016.

Professoren müssen also endlich Mut zur Klarheit zeigen. Unklarheit müssen sie endlich als intellektuelle Schwäche werten. Wirklich verändern werden sie sich nämlich erst, wenn es ihnen peinlich ist, sich unklar auszudrücken – so wie es ihnen jetzt schon peinlich ist, ein Datum zu verdrehen, eine Formel zu vergurken oder ihren Studenten im Sexshop über den Weg zu laufen.

Gute Absichten sind aber nicht genug. Denn der Mangel an Klarheit liegt auch an einem Mangel an Übung. Solange der akademische Betrieb klares Schreiben aber weder lehrt noch belohnt, wird sich wenig ändern. Schreiben muss deshalb, wie an internationalen Elite-Unis auch, zur akademischen Kernkompetenz erhoben werden. In den letzten Jahren haben viele deutsche Universitäten Schreibwerkstätten gegründet, in denen Studenten, die mit ihren Hausarbeiten Schwierigkeiten haben, Hilfe suchen können. Solche Angebote sind wichtig, richten sich meist aber als eine Art Nachhilfe an schwächere Studenten. In Harvard oder Princeton dagegen muss jeder Student einen solchen Kurs absolvieren. Denn diese Universitäten verstehen, dass nicht nur schwächere Studenten an ihrem Handwerk arbeiten müssen – sondern auch zukünftige Professoren.

Irgendwann investieren wir vielleicht in die Kurse und die Einstellungen, die unsere Schreibkultur nachhaltig verbessern können. Bis dahin bleibt Studenten und Professoren, die für hochtrabende Sprachblasen keine Geduld mehr haben, nur eine Form des zivilen Ungehorsams übrig. Das Grundvertrauen, dass ein unverständlicher Text irgendwie tiefsinnig sein muss, sollten wir uns so schnell wie möglich abgewöhnen. Stattdessen schlage ich drei Faustregeln vor: Faustregeln, mit deren Hilfe wir die Werke anderer beurteilen können – und vor allem Faustregeln, an die wir selber uns beim Schreiben halten wollen:

Erstens: Wer ein fundiertes Argument verständlich ausdrückt, ist tiefsinnig. Zweitens: Wer ein einfaches Argument verständlich ausdrückt, ist zumindest ehrlich. Drittens: Wer aber ein einfaches, konfuses oder ungenügend durchdachtes Argument hinter unnötig komplizierten Formulierungen versteckt, ist nichts weniger als ein pseudointellektueller Scharlatan.

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