Es ist eine Wiederentdeckung zur rechten Zeit: Erich Grisar, Arbeiterschriftsteller und -fotograf der Weimarer Republik – einen wie ihn brauchte es heute, wo die Arbeit wie nie zuvor das Leben durchdringt, Literatur und Kunst sich aber schwertun, sie in den Blick zu bekommen; lieber verbeißt man sich in Identitätsfragen.

Grisar ist ein Kind des Ruhrpotts, 1898 in Dortmund geboren, 1955 dort gestorben, danach vergessen. Erst eine systematische Sichtung des Nachlasses hat jetzt sein Werk überschaubar gemacht. 1931 schrieb er den Roman Ruhrstadt, ein Porträt Dortmunds zur Zeit der Weltwirtschaftskrise. Ein Verleger fand sich dafür nach 1933 nicht. Nun hat es der Aisthesis Verlag herausgebracht. Und das Essener Ruhr Museum stellt in der Zeche Zollverein eine Auswahl der 4.000 Bilder aus, die als Negative im Nachlass lagerten.

Altpapiersammler, Straßenbauarbeiter, Kriegsversehrte, ein zusammengebrochener Gaul: Grisar blickt mit der hoffnungsvollen Schonungslosigkeit des Sozialisten auf die Arbeiter, ihre Alltagsmühen, ihre Spiele, ihren Kampf. Er schaut dorthin, wo andere lieber wegsehen. Er geht an Orte, um die andere einen Bogen machen. In die Fabriken, in den Schlachthof. Von den Schlachtresten zeigt er auch die unschönsten: Auf blutigen Kacheln liegt der Fötus eines Kalbs; an einem Haken baumeln Tierblasen wie Luftballons.

Viele der zwischen 1928 und 1933 entstandenen Fotos dienten Grisar zur Bebilderung seiner journalistischen Arbeiten. Anschaulich sind allein die Titel: Die Proletarier unter den Tieren, Stadtmusikanten, Von dem Zauber des Wochenmarktes. Anschaulichkeit ist auch ein Merkmal des Romans Ruhrstadt. Man erfährt, wie ein Schichtwechsel in der Fabrik aussah, auch dass die Ladenbesitzer ringsum sich in der Früh nicht kämmten, weil sie kurz darauf wieder ins Bett stiegen. Charakterentwicklung und Plot kommen etwas kurz, der dokumentarische Wert überragt den literarischen.

Das ist in seinem neu aufgelegten Reise-Fotobuch Mit Kamera und Schreibmaschine durch Europa von 1932 anders. In Alkmaar besucht Grisar den Käsemarkt, knipst Bilder, wie die kanonenkugelgleichen Laiber gestapelt werden, und schreibt: "So schön auch die Bauten einer Stadt sind, sie lassen den Fremden kalt, während Menschen, die vor seinen Augen sich warm arbeiten, auch ihn warm werden lassen." Hier blitzt eine Lust am Spiel mit Sprache auf, die ihn in der Nachkriegszeit mit seiner Anekdotensammlung Der lachende Reinoldus zum Humoristen werden lässt.

Auch die vielen Aufnahmen spielender Kinder verraten diese Neigung. Grisar zeigt, wie sie auf Brachen Löcher buddeln, eine alte Milchkanne zur Feuertonne umfunktionieren oder in Seifenkisten durch die Straße gondeln. Man schaut lächelnd darauf. Nicht weil die Bilder das Elend des Alltags vergessen machen, sondern weil ihm hier sogar die Schwächsten selbstbewusst und spielerisch trotzen. Ob solche Bilder heute wohl noch möglich wären?

Bis 28. 8., Ruhr Museum, Gelsenkirchener Str. 181, Essen