Wir stehen im Flur, und du zeigst mir deine neuen Schuhe, schwarze Bikerstiefel mit goldenen Ketten dran. Es sieht aus, als hätte ein bekiffter Jean Paul Gaultier für die Hells Angels eine Kollektion entworfen, aber ich sage nichts. Ich versuche ja noch, mit deiner Hose klarzukommen. Eine Jogginghose aus Lederimitat. Ich begreife das Design erst nach mehrmaligem Anfassen, was du mir mit einer Mischung aus Stolz und Argwohn gestattest. Viermal musstest du sie waschen, weil sonst färbt sie ab, und da frage ich mich, woher du eigentlich die Kraft nimmst für so einen Aufwand. Du hast doch einen Fulltime-Job, eine Mindestens-40-StundenWoche und am Wochenende die Anträge für deine neuen Patienten.

Aber auch jetzt sage ich nichts, denn du hast dir eine Kette umgelegt, lang, fast bis zum Bauchnabel, die rotgoldenen Glieder schimmern über der Camouflage deiner Bluse: Kobaltblau und Lindgrün. Du weißt, dass das paradox ist, möchte ich anmerken, eine Tarnung, die auffällt. Aber dann kommt der Anhänger, und obwohl du mich am Telefon darauf vorbereitet hast, bleibt mir die Spucke weg. Ein Flamingo aus Strass in der Größe einer Untertasse. "Toll, oder?", sagst du, und ich denke, irgendwann werde ich mich für dich prügeln müssen, weil dich irgendein Typ zu lange und zu gierig anstarrt.

Du bist eben eine wandelnde Herausforderung, eine Provokation. Man kann dich nicht übersehen, weder Frauen noch Männer kommen an dir vorbei, wie man so schön sagt, obwohl du ausnehmend dünn bist. Ich warte eigentlich nur auf den Tag, an dem du dir dein Wohnzimmer mit einem Crosstrainer verschandelst.

Das ist auch so ein Thema, deine Einrichtung, Tigerfellkissen und ein Pouf aus irgendeinem Angorazeug. Ich kämpfe seit Monaten gegen diese Kissen, bei denen ich immer befürchte, einen Stromschlag zu kriegen, denn sie sind ja nicht aus Fell, sondern quasi aus Plastik. Dabei gäbe es herrliche Fellkissen, überhaupt Fell, Kuh oder Zebra, todschick auf abgezogenen Holzdielen, aber du hast einen Flokati, um den ich immer herumlaufen muss, damit er nicht schmutzig wird. Ich bewege mich durch dein Wohnzimmer wie ein Breakdancer nach einem Schlaganfall.

An all das denke ich, während ich deine DVDs und CDs anschaue. Sogenannte Lounge-Musik, die klanggewordene Quersumme aus Valium, Joghurt und einem viel zu langen Urlaub auf Teneriffa. Und Blockbuster. Blockbuster sind dein Ding. Ich habe mit dir Filme gesehen, über die ich früher noch nicht mal Witze gemacht hätte, weil sie ihre eigene Parodie in Szene setzen. Wir haben Fifty Shades of Grey angeschaut; dir hat die Ausstattung gefallen, das Filmset bestand größtenteils aus einem Boudoir mit roten Ledermöbeln, und ich bin froh, dass du deine neue Couch gekauft hast, bevor das Werk ins Kino kam.

Noch schlimmer war Kein Ort ohne Dich mit Scott Eastwood, dem Sohn von Clint Eastwood. Spaltkinn, stahlblaue Augen, in der Rolle des Rodeoreiters und Bezwingers von Stieren und Wildpferden. Mit Hannibal Lecter konnte ich mich mehr identifizieren als mit diesem Mann, außerdem habe ich eine Allergie gegen Pferdehaare.

Und während ich so nachdenke über Geschmacksfragen und darüber, welchen Stellenwert sie im Leben eines Menschen einnehmen sollten, fällt mir ein Freund ein. Wir waren auf seinem Geburtstag, auch Kollegen von mir waren da, Leute von früher, aus dem Studium. Und dazwischen du, ich erinnere mich vor allem an deine Turnschuhe, sie waren mit Glitzersteinchen besetzt, was mir ein bisschen peinlich war, und natürlich war mir auch dieses Gefühl von Peinlichkeit peinlich, und ich habe – dafür schäme ich mich am meisten – hinterher fast ängstlich gefragt: "Und, wie findest du sie?" Da hat der Freund die Luft eingezogen zwischen den Zähnen, so wie man das macht, wenn man etwas sehr Scharfes gegessen hat, und gesagt: "Toll, eine richtige Tussi!"

Eigentlich hätte ich da sagen müssen: "Was, du nennst meine Partnerin eine Tussi? Schau dir doch mal deine Frau an, mit ihren Zwanziger-Jahre-Fummeln, als sei die Weimarer Republik nie zu Ende gegangen! Wo kriegt sie diese Garderobe überhaupt her? Aus dem Theaterfundus?"

Aber dann dachte ich: Vielleicht ist es ja ein Kompliment. Vielleicht ist die Tussi gar nicht die unterbelichtete, krass überschminkte Vertreterin der kulturfernen Milieus, sondern ein sehr zeitgemäßer Typus von Weiblichkeit.

Tussi leitet sich ab von Thusnelda, der Frau des Germanenfürsten Arminius. Kleist gibt ihr in der Hermannsschlacht eine tragende Rolle, da ist sie eine rachsüchtige Aristokratin mit einem ausgeprägten Interesse für Haarmode. Das passt, weil deine Haare sind ein Riesenthema. Du trägst sie ellbogenlang und offen, und ich versuche immer mal wieder, dich zu überreden, dass du sie zum Dutt hochbindest, weil ich ein Faible habe für diesen Gouvernanten-Look. Aber du sagst: "Geht nicht, meine Haare sind zu schwer. Ich kriege Kopfschmerzen davon, wenn ich die hochstecke. Und wenn du so ein Hipster-Girl willst, dann bist du bei mir an der falschen Adresse."

Natürlich will ich kein Hipster-Girl, auch wenn mir ihr Look habituell näher ist. Hipster-Girls sehen immer ein bisschen aus wie Effi Briest, die sich bei einem New Yorker Secondhandladen eingekleidet hat. Das erinnert mich an meine Mutter (abzüglich der Ironie), was ich dir aber nie sagen würde, es wäre meine Bankrotterklärung als Mann. Nein, dieser uneigentliche, nervös mit den Geschlechterrollen zwinkernde Look – Sackparka, Monsterkastenbrille, Schlabbershirt – ist mit dir nicht zu haben, so wie du den aus Achtsamkeitsseminaren, Yoga-Retreats und veganer Cuisine gemischten Lifestyle nicht nachvollziehen kannst. Ich glaube, das ist dir alles zu passiv-aggressiv, eine Haltung, die dir generell fremd ist, weil du manchmal passiv bist und immer mal wieder aggressiv, aber nie beides zugleich.

Das hat mich gleich an dir begeistert, deine Ehrlichkeit und Direktheit, die man leicht mit einem Mangel an Raffinesse verwechseln kann. Du bist eben nicht kapriziös, was übrigens übersetzt ziegenhaft heißt. Ganz heikles Terrain, schon klar: zu sagen, eine Frau sei keine Zicke, sie zicke nicht rum. Sehr inkorrekt. Aber man kann das auch so übersetzen: Dieser Mensch will dich nicht manipulieren oder quälen aus narzisstischer Eitelkeit.

Dein Narzissmus hingegen ist rein äußerlich, und darin liegt eine große Integrität. Du verwendest viel Zeit auf Kosmetik, Design und Mode, aber du würdest daraus nie eine Ideologie, eine kulturelle Position ableiten, wie das der Geschmacksbürger macht und wie auch ich das lange gemacht habe. Ich habe mir die Mid-Century-Modern-Stühle ja nicht in die Wohnung gestellt, weil sie so bequem wären, sondern weil sie ein Statement darstellen und mein Profil als Kulturmensch stärken sollen. Du wusstest nicht, wer Eames war und warum ein summer sale von Vitra für manche Leute ein Grund ist, feuchte Augen zu kriegen. Das hat mich erst mal wahnsinnig genervt, dann habe ich begriffen, dass das einfach keine Währung für dich ist, die sogenannte Distinktion. Dass du shoppst, aber daraus keine Utopie machst, keine Lebensform, keine Doktrin.

Eigentlich wird durch dich der Kapitalismus wieder erträglich: Du weißt, dass Waren Fetische darstellen, aber allenfalls zur Beschwörung des Zeitgeists taugen, nicht zur tief greifenden Verzauberung der Welt. Sie liefern ein kleines, momentanes Glück, sind jedoch kein Ersatz fürs große Ganze. Ich weiß noch nicht mal, ob du eine Meinung zum großen Ganzen hast. Wenn ja, hast du sie mir nicht aufs Auge gedrückt. Das ist auch eine deiner Qualitäten, diese Diskretion. Du bist in deiner – ich sage das Wort jetzt mit Anlauf –, in deiner Tussihaftigkeit und hochgetunten, an allen Reglern der Beauty-Industrie hantierenden Schönheit sehr zurückhaltend. Aus deinem Look lässt sich keine höhere Idee ableiten. Du willst gesehen werden, mit Anerkennung, vielleicht ein bisschen Neid. Alles andere kommt später oder auch nicht. Es wäre toll, wenn du dir diese Freiheit erhalten könntest. Dafür würde ich mich sogar prügeln. Vorzugsweise mit dir an meiner Seite. Ich bin super im Anfeuern.

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