So ist das, wenn Wünsche in Erfüllung gehen: Seit Menschengedenken gibt es den Traum von einer Welt ohne Zinsen – jetzt ist der Zins aus der Welt, die Folgen aber fühlen sich eher wie ein Albtraum an. Die Sparer fürchten um ihr Vermögen, und Millionen von Deutschen droht die Altersarmut, weil sich die Riesterrente nicht mehr rechnet.

In der Bundesregierung wächst deshalb die Verärgerung über den vermeintlichen Verursacher der Geldschwemme: Mario Draghi, den Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB) – ganz so, als habe der es nur darauf abgesehen, die deutschen Sparer zu enteignen, um das Geld den Südeuropäern zuzuschieben.

Wenn es nur so einfach wäre.

In Wahrheit ist auch Draghi ein Getriebener. Der Zinsschwund ist ja kein deutsches, sondern ein globales Phänomen. Noch nicht einmal in der soliden Schweiz wirft das Ersparte noch etwas ab. Das hat vor allem damit zu tun, dass sehr viel gespart und sehr wenig investiert wird. Und wie immer, wenn ein hohes Angebot auf eine niedrige Nachfrage trifft, sinkt der Preis. In diesem Fall: der des Kapitals – also der Zins.

Der Ruhestand wird, zumindest in einigen Branchen, wohl eher mit 70 Jahren beginnen

Warum das so ist, ist nicht abschließend geklärt. Womöglich hat es mit der zunehmenden Konzentration der Vermögen zu tun, mit dem stagnierenden Bevölkerungswachstum in den Industrienationen oder mit den Nachwirkungen der internationalen Finanzkrise, die einen riesigen Schuldenberg hinterlassen hat. Naiv ist jedenfalls die Vorstellung, Mario Draghi müsse nur in seinem Büro auf den richtigen Knopf drücken, und schon komme der Zins zurück.

Wenn die AfD so argumentiert, dann kann man das noch verstehen. Aber was treibt den Bundesfinanzminister um, wenn er sagt, er wolle mit Draghi ein ernstes Wort über die Geldpolitik reden – zumal dabei nicht unerwähnt bleiben dürfte, dass auch wegen Wolfgang Schäuble so viel gespart wird und nicht nur der Zins, sondern auch die Inflation niedrig ist, was unter dem Strich die Verluste etwas schmälert?

Vielleicht schmerzt einfach die Erkenntnis, einer großen Illusion erlegen zu sein. Die Rentenreform sollte ja gewissermaßen unter Zuhilfenahme der Finanzwirtschaft der Demografie ein Schnippchen schlagen: Was an staatlicher Rente fehlt, gleichen Zins und Zinseszins aus. Das war die Idee, doch nun frisst die neoliberale Revolution – da hat Horst Seehofer mit seiner Rentenkritik einmal ins Schwarze getroffen – ihre Kinder: Die Privatisierung der Altersvorsorge hat zur Entgrenzung der Finanzmärkte beigetragen, die einen Überschuss an Kapital produziert. Der kann von der realen Wirtschaft nicht mehr ohne Weiteres absorbiert werden, was die Zinserträge schmälert. Das Drehbuch zu dieser Episode der Rentengeschichte hätte Marx schreiben können. Groucho, nicht Karl.

Die Lehre daraus lautet: Der Wohlstand im Alter muss erarbeitet werden, er lässt sich nicht durch Finanzoperationen herbeizaubern – auch nicht, wenn sie im biederen Gewand eines Riestervertrags daherkommen. Das bedeutet konkret: Wenn wegen des demografischen Wandels weniger Menschen einer Arbeit nachgehen, dann müssen zum Ausgleich diejenigen mehr arbeiten, die dazu noch in der Lage sind. Sonst sinkt das Leistungsniveau.

Deshalb war die Rente mit 63 von vorgestern, und deshalb wird der Ruhestand in Zukunft wohl eher mit 70 Jahren beginnen – zumindest in den Branchen, in denen den Menschen das zugemutet werden kann. Davon gibt es glücklicherweise in einer modernen Dienstleistungsgesellschaft immer mehr.

Klar ist aber auch: Für Härtefälle muss eine auskömmliche Mindestrente her. Das Geld dafür ist da, weil das Zinstief zwei angenehme Nebenwirkungen hat. Erstens muss der Staat weniger für Zinszahlungen aufwenden, er hat damit Spielraum für neue Ausgaben. Und zweitens ist es ja nicht so, dass sich derzeit in Deutschland generell mit Geld kein Geld mehr verdienen lässt. An den Aktien- und Immobilienmärkten herrscht Goldgräberstimmung.

Das nützt jenen wenig, die sich Aktien oder Immobilien nicht leisten können, weil sie entweder nicht über die nötigen finanziellen Mittel verfügen oder weil sie die damit verbundenen Risiken scheuen. Doch bei den Besserverdienenden entstehen derzeit gewaltige Vermögen, die der Staat zur Finanzierung seiner Aufgaben heranziehen kann. Und im Interesse der Allgemeinheit auch heranziehen sollte.

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