Das autobiografische Versteckspiel in Romanen ist keineswegs eine spezielle ästhetische Vorliebe unserer Tage – auch wenn das manchmal so scheint. Autofiktionales Erzählen vom eigenen Leben trieb Schriftsteller aller Epochen um. Vor hundert Jahren explodierte so ein Stoff in Berlin, im Schmelztiegel des Kaiserreichs. Im Café des Westens, Kurfürstendamm, Ecke Joachimsthaler Straße, verkehrte um 1910 die Boheme, frisch dem Expressionismus verfallen. Mittendrin thronte die 1869 geborene, ihr Alter versiert verschleiernde Else Lasker-Schüler. Sie gab mit ihrem neun Jahre jüngeren Mann Herwarth Walden ein extravagantes Szenepaar ab. Sie, die Dichterin, rätselhaft, magisch, exotisch, er, der Impresario der jungen Avantgarde, Galerist, Verleger und Herausgeber seiner legendären Zeitschrift Der Sturm, in dem die expressionistische Idee nachzulesen war: "Wir wollen die Bürger nicht unterhalten. Wir wollen ihnen ihr bequemes, ernsterhabenes Weltbild tückisch demolieren."

Else Lasker-Schüler demolierte 1911 los, allerdings so unterhaltsam, dass die Szene atemlos jede Wendung verfolgte – und zwar lesend. Denn die Dichterin hatte ihrem Mann, der mit seinem Rechtsanwalt eine Urlaubsreise nach Norwegen angetreten hatte, Briefe hinterhergeschickt, Liebesbriefe – die allerdings nicht unbedingt von ihrer Liebe zu ihm handelten. Und sie machte sie öffentlich, ab dem 2. September 1911: Im Sturm konnte jeder nachlesen, wen die Dichterin gerade geküsst hatte und was sonst gerade so los war im Café des Westens. Sie liebte das Spiel mit Identitäten, ob als "Tino von Bagdad" oder "Prinz von Theben", sie taufte ja nicht nur ihren Mann, sondern viele andere Männer, auch ihren späteren Geliebten Gottfried Benn, "Giselher, der Barbar".

1911 hatte Karl Kraus sie gerade als "stärkste und unwegsamste lyrische Erscheinung des modernen Deutschland" ausgerufen. Nun veröffentlichte sie also "private" Briefe, was sie auch fortsetzte, als Herwarth in Norwegen seine nachmalige zweite Frau kennenlernte. Ein Jahr später, da war das einstige Traumpaar bereits getrennt, machte sie daraus ein Buch: Mein Herz. Jetzt kann man diesen "Liebesroman mit wirklich lebenden Menschen", so der Untertitel, als kleines Hörspiel erleben: ein ironisches Schlüsselwerk über jenes Künstlermilieu, mit Klarnamen oder getarnt, vor allem aber ein poetischer Versuch über die diversen "Jahreszeiten des Herzens". Else Lasker-Schüler erweist sich dabei in Geist und Form als wahrhaft freie Frau: "Und die Liebe, Herwarth, Du weißt doch, was ich von der Liebe halte, wäre sie eine Fahne, ich würde sie erobern oder für sie fallen."

Else Lasker-Schüler: Mein Herz. Hörspiel; Buchfunk, Leipzig 2016; 1 CD, 61 Minuten, 14,99 €