Was für eine radikale Künstlerin, die radikalste überhaupt! Die wichtigste! Die einflussreichste! Und natürlich immer, immer innovativ. Und kühn. Und anarchistisch ebenfalls. Und, das sollte erwähnt werden, falls es da irgendwelche Missverständnisse gibt, "alles andere als oberflächlich".

Nur selten hagelt es so viele Superlative. Selten werden Künstler so inbrünstig gelobt und gepriesen wie Isa Genzken, Bildhauerin aus Bad Oldesloe, 67 Jahre alt und jetzt in Berlin groß zu sehen, größer denn je, versteht sich. Sie wird es freuen, lange hat sie für Ruhm und Ehre kämpfen müssen. Und doch kann sie einem fast schon wieder leidtun. Denn je länger man den Kuratoren, Sammlern, Galeristen zuhört, wie sie ein ums andere Mal erklären, nicht Cindy Sherman, nicht Marina Abramovic, sondern sie, Isa Genzken, sei die bedeutendste Künstlerin der Gegenwart, desto phrasenhafter klingt ihr Lob. Als müssten sie lauthals herbeibeschwören, was sonst nicht zu erkennen wäre.

Die Kunst jedenfalls will von Weltbedeutung nicht viel wissen. Genzken liebt es rüde, billig und gerupft, noch dem größten Plunder öffnet sie ihr Herz, der verbeulten Backform, dem Pferdeaufkleber, zwei ausgeweideten Sofas oder auch dem geriffelten Kreppband, mit dem Blumenhändler ihre Töpfe aufrüschen. In ihren Assemblagen muss nichts gültig sein, nichts wohlgestaltet. Und dass Restauratoren fast in Tränen ausbrechen, wenn sie die jüngeren Genzken-Werke sehen, Exzesse aus Paketband, Zeitungsbildern und Plastikfolie, unrettbar auch bei größtem Aufwand, dürfte die Künstlerin kaum rühren. Ihre Kunst gibt keinen Halt und sucht ihn nicht. Ihrem Drang zum Schöpferischen ist die Vergeblichkeit gleich mitgegeben.

Tragisch ist das nie, zynisch auch nicht. Eher sind es Gesten einer heiteren Vergeblichkeit, wenn Genzken beispielsweise ihr Gehirn in eine Vitrine legt, einen kleinen Batzen Gips, von Hand zusammengeknetet, und oben ragt ein Draht heraus, eine Antenne vielleicht, gebogen aber wie ein Kleiderbügel, weshalb man den Klumpen bei Bedarf wohl auch in den Schrank hängen könnte. Wunderbar lakonisch kann diese Künstlerin sein. Jede Heldenverehrung scheint ihr Werk abzuweisen. Und das ist den nimmermüden Genzken-Fans keineswegs entgangen.

Selten nur gelten ihre Lobgesänge einzelnen Arbeiten. Formale, gar sinnliche Qualitäten lassen sich bei dieser Art Anti-Kunst kaum ernsthaft hervorheben. Und obwohl Genzken bestimmte Sujets besonders liebt, Architektur zum Beispiel, lassen sich eigentlich nie Diskurse daran knüpfen, die über wohlfeile Bekundungen – Die monotone Moderne! Das entfremdete Subjekt! – hinausgehen würden.

Die Berliner Ausstellung hält sogar einen Katalog für entbehrlich, ganz so, als gäbe es nichts Vertiefendes zu sagen. Sie beschränkt sich auf floskelreiche Wandtexte und pfercht ansonsten viel zu viele Werke in viel zu enge Räume. Sie stellt auf ihre Weise aus, dass die Genzken-Hysterie auf ästhetische Erfahrung gut verzichten kann. Nicht die Kunst zählt, sondern die Künstlerin. Gepriesen werden Umsicht und Arbeitswut, Neuerungsdrang und Willensstärke, kurzum ihre Tugenden, ohne die all die heraufbeschworene Bedeutung in sich zusammenfiele. Damit aber kehrt ausgerechnet in der Kunstszene, die sich selbst gerne als progressiv beschreibt, ein restaurativer Personenkult zurück, von dem man doch dachte, er sei ausgestorben.

Obwohl sie so gut wie keine Interviews gibt, war Genzken diesem Kult von Beginn an nicht abgeneigt. Denn ihre Kunst dementiert zwar oft alles Kunsthafte, zugleich ist Genzken selbst darin allgegenwärtig. Sie zeigt sich auf einem Röntgenbild, in der Hand ein Glas Wein – und prompt dürfen die Kenner von Sucht und Drogen erzählen. In manchen Assemblagen sieht man sie zusammen mit Gerhard Richter, mit dem sie einige Jahre verheiratet war, und die Gemeinde weiß gleich zu berichten, dass sein berühmter RAF-Zyklus von ihr, der Künstlerin, inspiriert wurde. Sie hängt Hemden und Jacken ins Museum, die sie bemalt, beklebt und getragen hat, und sofort heißt es, ja, die Isa, war schon toll, wie sie irgendwann in die Berliner Club- und Schwulenszene eintauchte. So wimmelt ihre Kunst von anekdotischen Verweisen, selbst abstrakte Stelen tauft sie schon mal auf die Namen ihrer Freunde.

Damit aber begünstigt Genzken ein sentimentales Dispositiv, um es auf Kuratorendeutsch zu sagen. Plötzlich erscheinen nicht nur die Jacken und Hemden, sondern sämtliche Werke wie abgelegte Kleider der Künstlerin und werden nicht primär als Kunst betrachtet, sondern als Belegstücke einer Lebenshaltung. Und tatsächlich ist es vor allem diese Haltung, die nun bewundert und als ungemein bedeutsam gepriesen wird.

Bestaunt wird die Chuzpe, mit der sie aufbrach, die Männerwelt der Kunst für sich einzunehmen. Wie sie nach New York ging, sich mit Dan Graham, Lawrence Weiner und anderen großen Künstlern anfreundete. Wie sie sich von Bruce Nauman inspirieren ließ und ihre eigene, erzählerische Form von Minimalkunst entwickelte. Wie sie dann aber entschieden davon abrückte und den Brutalismus entdeckte und also nach den feinen, geschliffenen Formen ins glatte Gegenteil verfiel und schroffe, lieblos hingeknallte Betonstutzen aufs Podest hob. Wie sie überhaupt immer wieder neu ansetzte. Und damit eine der zentralen Regeln des Kunstbetriebs schlicht missachtete, nämlich die Spur zu halten und brav dem einmal gefundenen Stil zu folgen.

Die Berliner Ausstellung setzt ebendas in Szene: Sie kreuzt die frühen und die späten Werke, sie will zwischen geometrischer Strenge und trashigem Exzess nicht unterscheiden. Sie verehrt Genzken als die Meisterin der Concordia discors, dafür, dass sie die unterschiedlichsten Stile – und also Lebensideale – auf sich vereint. In ihr wird Multioptionalität, einer der liebsten Wertbegriffe der Gegenwart, zum Unterpfand eines ewig jungen, glückenden Lebens.

Doch wirkt die Unbedingtheit, mit der nun viele die Künstlerin und ihre Freiheit des steten Neuanfangs preisen, schrecklich weltvergessen. Schließlich hat sich herumgesprochen, dass Mobilität und Plurikompetenz längst zu neoliberalen Leitwerten aufgestiegen sind. Ein jeder ist heute aufgefordert, sich immerzu neu zu erfinden. Ein jeder soll sein Ich möglichst beweglich halten, um immer wieder neue Facetten daran zu entdecken. Auf andere Weise eigen und in dieser Eigenheit immer wieder anders zu sein, unverkennbar und doch unerkannt, diesem normativen Anspruch arbeitet Genzken mit ihrer Strategie des Multiplen und Vorläufigen entgegen. Und wer sie zur Leitfigur ausruft, der müsste schon sehr genau darlegen, wo eigentlich die Trennlinie zwischen den Freiheitsversprechen der Kunst und den Freisetzungen des Marktes verläuft.

Dergleichen aber ist von Kuratoren, Sammlern, Galeristen nicht zu vernehmen. Sie erschöpfen sich in Nostalgie. Sie preisen Wandlungsbereitschaft als Selbstzweck, Radikalität als nobles Ziel. Und bleiben blind für jene Gegenwart, als deren wichtigste Künstlerin sie Isa Genzken preisen.

Im Martin-Gropius-Bau Berlin, bis zum 26. Juni