Kürzlich hat Angela Merkel, die mächtigste Frau der Welt, etwas Unerhörtes getan: Sie hat einen Mann gerügt, der auf einem wesentlich tieferen Autoritätsniveau spielt, den TV-Komiker Jan Böhmermann. Der hatte in seiner Sendung den türkischen Präsidenten Erdoğan beleidigt. Wieso kommentiert Merkel, die Königin, den Böhmermann, einen Hofnarren?

Die Kanzlerin hielt schon vor zehn Jahren, am 8. September 2006, eine Rede, in der sie warnend "die völlig neuen Möglichkeiten der Kommunikationstechnologien" erwähnte und auf ihre vorsichtige Weise "die Medien" ermahnte. Beim M 100 Sanssouci Colloquium in Potsdam sagte sie damals: "Das heißt, das was bei uns geschrieben wird, ist auch in einem völlig anderen kulturellen Raum sofort verfügbar und erfährt dort eine völlig neue Rezeption."

Angela Merkel erörterte dann die Frage, ob es stets genüge, sich auf sein lokales Publikum und die deutsche Pressefreiheit zu berufen, oder ob nicht vielmehr "diese Globalisierung der Information auch eine Reflexion in der Art und Weise unseres Ausdrucks" nach sich ziehen müsse. Und sie folgerte: "Ich vermute, dass wir hier vor einem Lernprozess stehen."

Wir hatten damals den starken Eindruck, in Merkels Sätzen sei ein Appell zur Vorsicht verborgen. Die Globalisierung tut uns vieles an, unter anderem dies: dass ein kleiner Text, Sketch, islamkritischer Cartoon, also eigentlich der Flügelschlag eines Kolibris, einen Orkan am anderen Weltende (beziehungsweise im Nahen und Mittleren Osten) auslösen kann. Der Lernprozess, den die Kanzlerin voraussagte, hatte beklemmende Seiten. Er suggerierte eine Zurückhaltung gegenüber anderen Instanzen, eine Schonung, die je nach Standpunkt pädagogisch (die anderen sind wie Kinder, sie stecken noch im Mittelalter), diplomatisch (man soll es sich nie mit seinem Öllieferanten verderben) oder mutlos (wegen ein paar satanischer Verse will ich hier keinen Ärger) zu nennen ist.

Wäre es nicht besser, so hörten wir aus Merkels Einlassungen heraus, das Wichtigste im Zweifelsfall zwischen den Zeilen zu verstecken? Wir haben als Volk mit dieser Technik Erfahrung. Erinnert sei an den Kabarettisten Werner Finck. Seine Kunst war im "Dritten Reich" auf ihrem Höhepunkt. Das Entscheidende ließ Finck immer offen – seine Sätze blieben unvollendet – die Luft summte vom Ungesagten, welches das Publikum im Geist ergänzte. Stotternd, sich absichtsvoll verhaspelnd, so sprach Finck. Was er meinte, sagte er nicht; was er sagte, war anders gemeint. Später, in Friedenszeiten, fiel der große Spötter unter die Kleinkünstler. Witz war nicht mehr riskant. Finck starb 1978. Er konnte nicht ahnen, welch große Zukunft seine Kunst einmal haben würde. Als jetzt, nach Merkels Tadel, die türkische Regierung den Medienclown Böhmermann ins Visier nahm und von der deutschen Regierung dessen strafrechtliche Verfolgung forderte, dachte man sich: Einem Finck wäre das nie passiert.

Zurück zu Angela Merkel. Im Jahr 2010 äußerte sie sich in Potsdam erneut zur Pressefreiheit. Der wegen seiner islamkritischen Zeichnungen mit dem Tode bedrohte Karikaturist Kurt Westergaard erhielt den Medienpreis des M 100 Sanssouci Colloquium, und die Kanzlerin hielt die Laudatio. Es war eine pflichtbewusste Verteidigung der Pressefreiheit, die erkennen ließ, dass es jenseits des freien Worts etwas gibt, was der Rednerin noch wichtiger ist: "Ja, geben wir den Menschen eine Stimme – in politischen Parteien genauso wie in den Medien. Aber überzeugen wir sie gleichzeitig, dass es in unserem Land am wenigsten darum geht, was gesagt werden darf. Richtige Entscheidungen, Taten statt Worte – das hingegen führt zum Kern dessen, was notwendig ist ..."

Man hat richtig gelesen: Es gehe, sagt die Kanzlerin, in unserem Land am wenigsten darum, was gesagt werden darf. Eine Wendung, mit der sie vermutlich ausdrücken will: Viel wichtiger ist, dass wir mutig umsetzen, was wir aussprechen, dass wir kein ohnmächtiger Debattierclub sind. Dennoch unterstreicht die seltsame Formulierung den Eindruck, den man von Merkel gewonnen hat: den Eindruck nämlich, dass es besser ist, nicht genau zu sagen, ja nicht einmal genau sagen zu können, was man politisch vorhat; dass man eher opportunistisch-situativ als programmatisch regieren muss, wenn man seine "Werte und Interessen" durchsetzen will.

Diese pragmatische Diplomatie führt etwa dazu, dass man den Autokraten und Kriegsherrn Erdoğan als Verbündeten und politischen Freund bei Laune halten muss, um den Satz "Wir schaffen das" irgendwie zu beglaubigen: Erdoğan nimmt dem deutschen Staat ja nun die Arbeit der Selektion, Abweisung, Rückführung von Flüchtlingen ab.