Hier kommt Jan Böhmermann ins Spiel. Kürzlich hat er in seiner ZDF-Sendung Neo Magazin Royale das Publikum scheinheilig davor gewarnt, Erdoğan zu beleidigen – um dann die schlimmsten Beleidigungen gegen Erdoğan in Versform zu sprechen. So brachte er die sogenannten diplomatischen Drähte zum Glühen. Man erkannte allerdings schnell, dass diese Drähte eigentlich die Nerven von recht wenigen Personen sind. Der Umstand, dass ein Satiriker aus der Harald-Schmidt-Werkstatt es schafft, die deutsche Flüchtlingspolitik zu gefährden, zeigt, wie brüchig diese diplomatische Brücke ist und auf wie viel Autokraten-Stolz, Eitelkeit, Willkür und (auf deutscher Seite) Willfährigkeit sie gebaut ist.

Sein Schmähgedicht ist voller islamfeindlicher, rassistischer Stereotype, mit denen er den türkischen Präsidenten verschwenderisch behängt. Es ist rhetorischer Sondermüll und wird auch so transportiert. Böhmermann unterbricht den Vortrag immer wieder, um seine Zuhörer zu ermahnen, dass man so ein Gedicht keinesfalls öffentlich vortragen dürfe. Ein Akt des "uneigentlichen Sprechens": einerseits Aggression, andererseits samtige Besonnenheit. Böhmermann war sich wohl sicher, dass sein Publikum ihm für diese performative Zwiespältigkeit Beifall zollen würde. Die Aktion hatte, so darf man unterstellen, weniger die Absicht, einen Menschen zu beleidigen, als vielmehr jene, die Belastbarkeit einer diplomatisch-ökonomischen Konstruktion zu testen. Den Aspekt der persönlichen Beleidigung allerdings nahm Böhmermann freudig in Kauf.

Und was soll man sagen: Das Gedicht hat seinen Hauptzweck voll erreicht (und den Nebenzweck erst recht). Allerdings wurde Böhmermann in seiner Hoffnung enttäuscht, der Hauptzweck würde den Nebenzweck gleichsam auslöschen. Denn es kam so: Erdoğan hat Strafantrag gegen Böhmermann gestellt, und die Bundesregierung muss entscheiden, wie sie darauf reagiert. Es ist, aufgrund des Paragrafen 103 und 104 a des deutschen Strafgesetzbuches, im Falle der Beleidigung eines ausländischen Staatsoberhauptes Sache der Regierung, "die Ermächtigung" zur Strafverfolgung zu erteilen oder nicht. Vertreter von Kanzleramt, Auswärtigem Amt und Justizministerium erörtern in diesen Tagen die Lage, die Kanzlerin wird am Ende entscheiden. Wie sie entscheiden wird, war bei Redaktionsschluss nicht abzusehen.

Wie reagiert Böhmermann? Er erlebt den ersten "Ernstfall" seines Satirikerlebens. Er sei, so war zu hören, komplett "abgetaucht" – ein furchtsamer Hofnarr, der nicht vom Hof, an dem er arbeitet, gejagt werden will? Dann meldete seine Produktionsfirma, die nächste Folge des Neo Magazin Royale sei abgesagt worden. Und schließlich sagte ein Kölner Polizeisprecher, Böhmermann stehe unter Polizeischutz.

Interessanter als das berühmte Schmähgedicht selbst ist übrigens ein kleiner Dialog, der kurz vor dessen Rezitation zwischen Böhmermann und seinem Kompagnon Ralf Kabelka in der fraglichen Sendung stattfand. Schmähungen, persönliche Beleidigungen seien in Deutschland nicht erlaubt, sagte da Böhmermann. Dann, als spräche er zum türkischen Präsidenten persönlich:

Böhmermann: Haben Sie das verstanden, Herr Erdoğan? Also, äh, vielleicht müssen wir ...

Kabelka: Das kann bestraft werden.

Böhmermann: Das kann bestraft werden. Und dann können auch Sachen gelöscht werden. Aber erst hinterher. Nicht vorher. Das muss man ...

Kabelka: Ja, äh, erst hinterher.

Böhmermann und Kabelka erhellen hier einen Unterschied ums Ganze: In einem Land, in dem Pressefreiheit und Kunstfreiheit herrschen, wird ein vergifteter Witz, ein subversiver Gedanke eventuell hinterher, nach Ausstrahlung gelöscht (so hat es das ZDF mit Böhmermanns Erdoğan-Gedicht gemacht). In einer Autokratie bleibt der unflätige Witz ungesagt. Er wird schon vorher, im Kopf des Witzemachers gelöscht.

Die Kanzlerin hat, wir zeigten es, schon vor zehn Jahren dazu angeregt, einen in anderen Weltregionen möglicherweise anstößigen Gedanken im Zweifelsfall lieber schon vorher, im eigenen Hirn zu löschen. Sie selbst hätte dem Impuls nicht nachgeben sollen, Böhmermann öffentlich zu tadeln. Das war ihr erster Fehler. Die Strafverfolgung gegen den Satiriker zuzulassen wäre der zweite, schwerere.

Es wäre eine Ermutigung für alle Autokratien, nun die deutschen Medien-Archive gründlich zu durchforsten, die schon gemachten Witze zu sichten und die bevorstehenden, noch gar nicht gemachten, kritisch zu erwarten. Denn das ist ja das Wesen des Autokraten: Die Wahrung des "Gesichts" wird zu einem wesentlichen Teil seines Lebenswerkes. Ist er erst einmal in vollem Selbstgenuss beleidigt, wird sein Hunger nach Genugtuung nie mehr zu stillen sein. Insofern ist Merkels öffentliche Maßregelung des mitunter grandiosen, mitunter wirkungsbesoffenen Medienclowns Böhmermann töricht, denn sie öffnet die Tür für Schlimmeres. Und die Kanzlerin offenbart, dass der Flüchtlingsdeal mit der Türkei sie nicht nur einige Milliarden Euro kosten wird, sondern möglicherweise auch: ihr eigenes Gesicht. Diesen Zusammenhang hat Böhmermann, nach eigenen Worten der ideale Unterhalter für Verlierer, nun, vielleicht ohne es zu wollen, kenntlich gemacht.

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