Joop gibt es jetzt bei Aldi. Das klingt so, als ob man sagen würde: Kent Nagano sitzt in der Jury von DSDS. Oder Heinz Strunk schreibt für Bastei Lübbe. Ein Tiefpunkt der deutschen Modehistorie im Allgemeinen und ein Bankrott für Hamburg als Designstadt im Besonderen. Joop, Sander, Lagerfeld. War das nicht der Dreiklang des guten, in Norddeutschland hergestellten Geschmacks? Und jetzt ist daraus ein Vuvuzela-Tröten geworden: Jooop!

Die Unternehmerin, die dafür gesorgt hat, dass man demnächst die Handtasche, in der man das Katzenfutter verstaut, gleich neben dem Katzenfutter kaufen kann, sitzt bei Aldi Süd im Heizungsraum (Aldi Nord ist abstinent, was Joop-Design angeht). Düsseldorf, Filiale Königstraße, draußen lauer Nieselregen und genervte Kunden, die ihr Leergut nicht loswerden ("Was, heute schon zu?"). Drinnen Vorbereitung für die Modenschau. Zweihundert geladene Gäste werden erleben, wie Frauen mit dem Body-Mass-Index einer Giacometti-Figur zwischen Schokoriegel-Kartons und Müsli-Eimern umherstöckeln.

Es könnte als Satire durchgehen, aber Jette Joop meint es ernst mit der Idee, dass eine Bluse marketingtechnisch keinen Schaden nimmt, wenn sie neben Chipstüten platziert wird und nicht mehr kostet als ein Sechserpack Bier. Sie nennt das "Demokratisierung des Stils".

"Das hier ist kein regulärer Mode-Ansatz", sagt sie und schaut einen sehr eindringlich an, als wollte sie sichergehen, dass man das Folgende auch wirklich kapiert. "Ich bastle nicht irgendwas, das High Image ist. Und ob es gekauft wird, ist mir dann egal, weil ich mich selbst verwirklichen will? Das ist nicht mein Interesse."

High Image. Sie spricht es aus wie ein Schimpfwort. High Image steht für die alte Welt des Designs mit ihrem Eifer, originell und besonders zu erscheinen. Eine Welt, die zwar noch existiert in den Ateliers der Haute Couture und weiter oben auf der Kö, in den Auslagen von Prada und Chanel, mit Blusen ab 900 und Röcken ab 1.600 Euro. Aber diese Welt ist ökonomisch instabil. Sie lässt sich nicht auf ein Fließband packen und im großen Stil vermarkten. Joop und Aldi hingegen, das heißt seit April: Mode in 1.860 Niederlassungen. Jede Filiale eine Boutique.

Angst, ihre Marke zu ramponieren, hat Joop keine. Sie kennt das ja schon: auf der einen Seite den Nobelschnickschnack für die Premiumkundschaft, Schmuckkollektionen ab 2.000 Euro aufwärts, die bei Christ am Neuen Wall in den Auslagen glitzern. Auf der anderen Seite das Geschäft mit der Serie: Wandfarbe, Kinderwagen, Küchenzeilen. All das hat sie schon gestaltet. Zuletzt hat sie das Outfit der Telekom-Mitarbeiter umgekrempelt, die tragen jetzt keine magenta-grellen Shirts mehr, sondern grau. "Vor allem die Männer waren richtig erleichtert", sagt Joop und klingt dabei ähnlich stolz wie Coco Chanel, als sie das Korsett für Frauen abschaffte.

Die Models in der Discounter-Filiale sind weniger begeistert. "Jette Joop ist okay, klar", sagt eines der "Girls" (Fachjargon). "Nur dass man bei Aldi gelaufen ist, das muss man ja nicht erwähnen." Auch die Lizenzpartner sind in Sorge. "Es könnte zu Irritationen beim Endverbraucher bezüglich der Marke Jette kommen", erklärt Daniel Terberger, der Chef der Katag AG, die Joop-Mode vertreibt. Doch das sind die Zweifel von Leuten, die sich noch um Imagewerte und Markenkerne sorgen, wo doch der Kern dieser Mode ist, nicht wirklich einen zu haben. Für Jette Joop geht es nur bedingt um die Eleganz der Ware. Es geht um die Schönheit des Geschäfts.

"Was werde ich als Frau immer tun? Ich werde erstens Lebensmittel einkaufen und zweitens schauen, dass ich den besten Deal kriege." Joop spricht leise, wie viele Menschen, die wissen, dass ihr Status die andern zu genauem Zuhören verpflichtet. "Prognose: Ich gehe zu Aldi. Und wenn man weiß, dass Aldi zu den zehn größten Textilhändlern des Landes gehört, dann weiß man auch: Es gibt hier einen Bedarf."

Designermode neben dem Tiefkühlregal? Auf den ersten Blick erschien es wie eine fiese Volte des Spätkapitalismus, wie die Verramschung der Grundidee von Design – Ästhetik betonen, Distinktion herstellen –, aber wie sie das so erklärt, mit ihrer norddeutsch-dezenten Stimme, ist es eine Idee von perfektem Zuschnitt.

Gigantische Stückzahlen, niedriger Preis. Und weil das Ganze beim Lebensmitteleinkauf zu haben ist, spart der Konsument noch bei einer anderen, entscheidenden Ressource: bei der Zeit.

"Sehen Sie mich als eine Mischung aus Trendforscher und Gestalter", sagt Joop, und man ertappt sich beim Gedanken, dass der Heizraum einer Aldi-Filiale der bestmögliche Ort für Interviews mit einer Designerin ist, die sich nur noch wenig mit den Formen der Mode, dafür aber umso mehr mit der Umformung des Modegeschäfts beschäftigt. Mit dem, was das Business antreiben und lukrativer machen kann. "Ich denke tagelang darüber nach, was Leute fühlen, was auf uns zukommt, was wir hinter uns lassen."

Diesen Satz nimmt man mit, auf dem Weg zurück in den Hauptraum, wo der Catwalk steht, rechts Red Bull, links Gewürzgurken. Warhol hätte sich diese Kulisse ausdenken können. Überhaupt, war es nicht Andy Warhol, der gesagt hat, die größte Kunst sei die des Geldverdienens?