Die Geschichte von den Schnobbls geht so: Weil sie so unglaublich schnell sind, kann sie niemand sehen, solange sie in Bewegung sind. Zu erkennen sind dann nur die Sterne, die sie hinterlassen, wenn sie durch das Krankenhaus sausen. Diese Sterne kleben überall in den Gängen auf Augenhöhe der Kinder.

Leni mag die Geschichte. Und sie mag die Schnobbls auch dann, wenn sie sich nicht bewegen. Einer von ihnen sitzt jetzt ganz ruhig in ihren Armen. Das orangefarbene Stofftier hat zottelige braune Haare, an dem runden Gesicht mit dem lächelnden Mund hängen zwei kurze Beine. "Mein Schnobbl hat auf mich aufgepasst, als ich krank war, jetzt passe ich auf ihn auf", sagt Leni und drückt ihn an sich.

Die Vierjährige sitzt in einem Untersuchungszimmer des Krankenhauses St. Joseph-Stift in Bremen. Einige Monate zuvor waren ihr Polypen im Rachen entfernt worden, heute steht die Kontrolle an. "Am Tag vor der Operation ging sie ganz entspannt ins Krankenhaus", erzählt ihre Mutter Carina. Denn Leni wusste, dass sie dort ihren Schnobbl bekommen würde, der dafür sorgte, dass alles gut läuft. Das hatte sie von einer Audio-CD gelernt, die sie zwei Tage vor dem Krankenhausaufenthalt zu Hause anhörte. In einer Erzählung und einem Lied erfuhr sie von den Schnobbls, die auf die Kinder im Krankenhaus aufpassen und sich darum kümmern, dass sie schnell wieder gesund werden.

Das Konzept hinter Stofftier und CD heißt "Dolores", abgeleitet vom lateinischen Dolor (Schmerz). Entwickelt hat es der Krankenpfleger Raimond Ehrentraut gemeinsam mit Psychologen, um Kindern die Angst vor dem Aufenthalt in der Klinik zu nehmen. Denn weniger Angst tut nicht nur psychisch, sondern auch körperlich gut. Das zeigt etwa eine Studie der Yale University School of Medicine an 241 Kindern, denen die Mandeln entfernt werden mussten: Jene Kinder, die vor der Operation ängstlich waren, hatten danach mehr Schmerzen als andere und brauchten mehr Schmerzmittel. Andere Studien weisen darauf hin, dass Wunden langsamer heilen und dass nach Operationen eher Komplikationen auftreten, wenn Kinder Angst und Stress haben.

"Die Vorstellungskraft der Kinder ist riesig. Sie können sich das Negative, das Gefährliche genau ausmalen und bekommen schnell Angst", sagt Raimond Ehrentraut. "Wir versuchen, mit unserem Konzept diesen Mechanismus umzudrehen und die Fantasie in eine positive Richtung zu lenken. Dann hat sie enormes Potenzial, den Kindern ihre Ängste zu nehmen."

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem neuen Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Wie gut das Konzept wirkt, ist noch nicht wissenschaftlich untersucht. Bisher verlassen sich Ehrentraut und seine Kollegen auf die Rückmeldungen der Kinder und Eltern: Die seien positiv. Unabhängige Beobachter loben das Projekt, etwa das Aktionskomitee Kind im Krankenhaus (Akik): "Kinder haben das Recht, im Krankenhaus ihrem Alter und ihrem Verständnis entsprechend informiert und behandelt zu werden. Das Dolores-Konzept verhilft den Kindern zu diesem Recht", sagt die Vorsitzende Katharina Zelies. Auch die Psychologin Irene Petersen vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf hält das Projekt für sinnvoll. "Eltern sind meist überfordert mit der Situation, ihren Kindern erklären zu müssen, was im Krankenhaus auf sie zukommt. Insbesondere bei sehr kleinen Kindern ist das schwierig." Ansätze wie Dolores, die konstruktiv mit der Fantasie der Kinder arbeiten, seien daher sehr hilfreich – für alle Beteiligten. "Wenn die Eltern in die Vorbereitung einbezogen werden, machen sie sich oft viel weniger Sorgen, ob das Kind den Krankenhausaufenthalt emotional gut verkraftet", sagt Petersen.

Fünf andere Krankenhäuser haben das Dolores-Konzept bereits übernommen, Ehrentraut ist mit vielen weiteren Kliniken im Gespräch. Inzwischen hat er sogar ein eigenes Unternehmen gegründet. Ihm gehe es jedoch nicht um Profit, sondern um die Verbreitung des Konzepts, sagt Ehrentraut. Den Gewinn spende er an ein Bildungsprojekt in Bangladesch, das ein befreundeter Arzt ins Leben gerufen hat.

Denn noch sind solche kinderbezogenen Modelle in Deutschland eher die Ausnahme – nicht zuletzt aus finanziellen Gründen. An einigen Unikliniken gibt es zwar ähnliche Ansätze: Mancherorts verarzten zum Beispiel kindliche Patienten mit Medizinstudenten zusammen Teddys, um so die Furcht vor dem weißen Kittel und der Klinik zu verlieren. Viele große Kinderstationen haben auch ein Krankenhaus aus Playmobil, mit dem die Kinder spielend verarbeiten können, was sie erlebt haben. Doch das Dolores-Konzept geht erheblich weiter: Es setzt schon vor dem Aufenthalt an, begleitet die Kinder während der Behandlung und danach.

Wenn Leni heute durch die Gänge der Klinik in Bremen läuft, wirkt sie selbstsicher, als sei ihr die Umgebung bestens vertraut. Unterwegs kommt sie immer wieder an den bunten Sternen vorbei, die an den Wänden kleben. "Die Schnobbls sind hier viel unterwegs, ich habe schon ganz viele Sterne im Krankenhaus gefunden", erzählt sie. In Warteräumen hängen Bilder von Schnobbls, die junge Patienten gemalt haben, und wenn einem Kind zum Beispiel Blut abgenommen wird, bekommt es anschließend ein Zauberpflaster, auf dem – natürlich! – ein Schnobbl zu sehen ist.

Als Leni nach ihrer Operation im Aufwachraum zu sich kam, warteten dort ihre Mutter und ihr Stofftier. "Ich hatte einen Stecker im Arm, den habe ich gleich dem Schnobbl gezeigt", erinnert sich Leni. Als sie eine Woche später nach Hause entlassen wurde, schenkte ihr die Klinik ein Buch mit Geschichten über die Schnobbls, um die Erinnerung an das Krankenhaus positiv zu prägen. "Ich musste es ihr unzählige Male vorlesen, sie kann es inzwischen fast mitsprechen", sagt die Mutter. Wie sehr die Kinder an den Schnobbls hängen, zeigen auch Briefe, die Kinder noch Jahre nach der Operation schreiben. Ein Junge verlor das Stofftier im Urlaub und wollte unbedingt ein neues haben.

So werden die Kinder auch zu Werbeträgern für die Krankenhäuser. "Wenn eine meiner Freundinnen krank wird, gebe ich ihr natürlich meinen Schnobbl", sagt Leni. Sie hat die CD und das Stofftier schon mehrmals in den Kindergarten mitgenommen. Die anderen Kinder waren begeistert. Vielleicht sorgen die Kinder so selbst dafür, dass sich die Schnobbls weiter verbreiten in Deutschlands Kliniken.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio