KinderZEIT: An Ostern hat ein Wolf in Nordrhein-Westfalen zwei Ziegen gerissen. Muss man in der Gegend jetzt besonders gut aufpassen?

Marcus Bathen: Nein. Der Wolf, der die Ziegen angefallen hat, ist ein einzelnes Tier auf Wanderschaft. Er ist vermutlich aus Niedersachsen nach Nordrhein-Westfalen gekommen. Junge Wölfe müssen nämlich ihr Rudel verlassen, wenn sie volljährig sind, und sich woanders einen Partner suchen. Dabei wandern sie pro Nacht etwa 40 Kilometer.

KinderZEIT: Könnten bald überall in Deutschland Wölfe leben?

Bathen: Derzeit gibt es in Deutschland 40 Wolfsrudel: in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen. Auch in den französischen Vogesen und in der Schweiz leben Wolfsfamilien. Und die Zahl der Tiere steigt. Deshalb ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Wölfe sich auch in anderen Gebieten ansiedeln.

KinderZEIT: Sollen wir uns darüber freuen, oder müssen wir Angst haben?

Bathen: Vor 160 Jahren haben wir Menschen den Wolf ausgerottet. Jetzt kommt er zurück – das ist natürlich ein Grund zur Freude! Aber wir dürfen nicht vergessen, dass der Wolf nicht nur Rehe und Wildschweine reißt, also Wildtiere, sondern manchmal auch Nutztiere wie Schafe und Ziegen.

KinderZEIT: Können wir die schützen?

Bathen: Zum Beispiel können wir Bauern, die ihr Vieh in Wolfsgebieten halten, finanziell unterstützen, damit sie Spezialzäune bauen können, die Wölfe von den Herden fernhalten. Außerdem gibt es Hunderassen, die darauf gezüchtet wurden, das Vieh zu bewachen und die Wölfe zu vertreiben.

KinderZEIT: Viele Menschen haben Angst vor dem "bösen Wolf". Stimmt dieses Bild, das wir aus Märchen kennen?

Bathen: Der Wolf ist nicht böse, genauso wenig wie der Fuchs schlau ist. Der Wolf ist ein Jäger, der bestimmte Strategien hat, um in der Natur zu überleben. Aber uns Menschen sieht der Wolf nicht als Beute. Seit seiner Rückkehr nach Deutschland im Jahr 2000 ist noch kein Mensch von einem Wolf angegriffen worden. Wenn es doch irgendwo auf der Welt vorkommt, dass ein Wolf einen Menschen verletzt oder tötet, dann nicht, weil er ihn fressen will, sondern weil das Tier krank oder verletzt ist. Vielmehr ist es umgekehrt: Wenn sich Wolf und Mensch begegnen, geht es häufig für den Wolf tödlich aus.

KinderZEIT: Dann müsste der Wolf eher Angst vorm Menschen haben!

Bathen: Stimmt. Etwa 100 Wölfe sind in den letzten Jahren überfahren worden. Und manche Menschen haben so eine Abneigung gegen Wölfe, dass sie sie erschießen, obwohl man dafür ins Gefängnis kommen kann. In den letzten Jahren sind in Deutschland 14 Wölfe erschossen worden.

KinderZEIT: Wie soll ich mich verhalten, wenn ich einem Wolf begegne?

Bathen: Erst mal braucht man keine Angst zu haben. Natürlich sollte man nicht nah hingehen oder versuchen, den Wolf zu füttern. Immerhin ist er ein großes Wildtier, da ist Respekt angebracht. Wer sich unwohl fühlt, kann Krach machen, etwa schreien und in die Hände klatschen. Dann kann man sich langsam entfernen. Eine Begegnung mit einem Wolf ist aber sehr selten. Ich arbeite als Naturschützer und Wissenschaftler seit über zehn Jahren mit diesen Tieren, und zwar in Sachsen, wo die meisten Wölfe leben – und ich bin bislang nur fünf von ihnen begegnet. Leider!

Markus Bathen leitet das Wolfsbüro des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu)