Da ist wohl nicht mehr viel zu retten. Zwei Wochen vor der Bundespräsidentenwahl berichten Meinungsforscher, es seien deutliche Absetzbewegungen aus dem ohnehin überschaubaren Lager des ÖVP-Kandidaten Andreas Khol festzustellen: Bürgerliche Wähler, die einen Wahlsieg des Grünen Alexander Van der Bellen verhindern wollen, so die niederschmetternde Botschaft, würden zu der Ex-Richterin Irmgard Griss überlaufen, die als Unabhängige in die Hofburg einziehen will.

Der Volkspartei und ihrem Parteichef Reinhold Mitterlehner droht nun eine Blamage. Es ist keineswegs unwahrscheinlich, dass der knorrige Tiroler die erste Runde als Vorletzter der sieben Anwärter beendet und nur den Spaß-Kandidaten Richard Lugner übertrumpfen kann.

Diesen Fall hat der niederösterreichische Landesfürst Erwin Pröll wohl antizipiert, als er vergangenes Wochenende einen Überraschungscoup landete: Nach Gutsherrenart zwang er seine Partei mitten in der heißen Phase der Hofburg-Kür zu einer Regierungsumbildung. Er beorderte Innenministerin Johanna Mikl-Leitner zurück ins heimatliche Niederösterreich, wo sie alsbald die Stelle ihres Mentors einnehmen soll, und entsandte an ihrer statt den nicht mehr sonderlich geschätzten Finanzlandesrat Wolfgang Sobotka in das Ministerium in der Herrengasse.

Der Zeitpunkt dieser Machtdemonstration ist besonders heikel. Durch seinen Gewaltakt verhindert Pröll – der ÖVP-Dominator war ja im letzten Moment vor einer eigenen Kandidatur zurückgeschreckt –, dass Parteichef Mitterlehner nach dem erwartbaren Debakel sein Gesicht wahren und mit einer Umbildung seiner Regierungsriege von der Patsche ablenken kann. Im internen Intrigenspiel um die Führung verschieben sich dadurch die Gewichte, als wollte der heimliche Königsmacher den angeschlagenen Parteichef aus dem benachbarten Oberösterreich noch weiter schwächen. Die Wahl ist nicht einmal noch geschlagen, doch schon sind erste Folgen absehbar.

Es wäre allerdings ebenso denkbar, dass in den letzten Tagen vor der Wahl auch links der Mitte eine Entwicklung einsetzt, die mit dem Griss-Effekt im schwarzen Lager vergleichbar ist. SPÖ-Kandidat Rudolf Hundstorfer legte zwar in den ersten beiden Wochen des Intensiv-Wahlkampfs laut mehrerer Umfragen leicht zu, rangiert aber noch immer nur auf Platz vier. Gleichzeitig kommt FPÖ-Kandidat Norbert Hofer dem lange unangefochten führenden, zuletzt aber etwas schwächelnden Alexander Van der Bellen immer näher. Um einen freiheitlichen Wahlsieg zu verhindern, könnten Anhänger Hundstorfers zum grünen Professor überwechseln, sollte der SPÖ-Kandidat keine realistische Chance auf einen Platz auf dem Stichwahl-Stimmzettel haben.

Die triste Lage Khols und Hundstorfers sagt mehr über ihre Parteien aus als über die Kandidaten selbst.

Das große Manko der beiden Langzeitpolitiker ist der dramatische Vertrauensverlust ihrer Parteien: Seit einem Jahr liegt die FPÖ in praktisch allen Umfragen solide auf dem ersten Platz, auch der Schwenk in der Flüchtlingsfrage hat den Regierungsparteien nichts gebracht.

Hatte sich die Koalition von der neuen Härte gegenüber Flüchtlingen aus den Kriegsgebieten Vorder- und Zentralasiens eine Trendumkehr erwartet, wurden die Hoffnungen bitter enttäuscht – auch was das Ansehen der beiden Spitzenkandidaten betrifft: Seit dem Sommer 2015 führt der freiheitliche Obmann Heinz-Christian Strache stets auch in der sogenannten Kanzlerfrage ("Für wen würden Sie stimmen, könnten Sie den Kanzler direkt wählen?"). Während der FPÖ-Chef in allen Erhebungen jenseits der 20-Prozent-Marke lag, mussten sich Werner Faymann und Reinhold Mitterlehner mit Werten zwischen 14 und 18 Prozent begnügen.

Die endlose Serie der Wahlniederlagen von SPÖ und ÖVP seit 2008 hat parteiintern einen äußerst brisanten Aspekt: Große Teile des Funktionärsmittelbaus gingen ihrer Mandate in öffentlichen Körperschaften und damit schöner Zusatzeinkommen verlustig. Gegenüber dem Status 2008 verloren die Sozialdemokraten 57 Sitze in Landtagen, sieben im Bundesrat und 16 im Nationalrat. Die ÖVP büßte 39 Landtagsmandate, 19 Nationalratssitze und zwei Bundesräte ein.

Diese ehemaligen Mandatare bekleiden jetzt zwar keine bezahlten Funktionen mehr, in ihrer Partei haben sie aber immer noch ein Wörtchen mitzureden. Auf Parteitagen entscheiden sie als Delegierte über die Parteispitze. Je länger eine Niederlagenserie anhält, desto größer wird die innerparteiliche Unruhe, wobei durchaus auch persönliche Motive eine Rolle spielen können.

Sollten die beiden ehemaligen Großparteien bei der Bundespräsidentenwahl erstmals keinen ihrer Kandidaten auch nur in die Stichwahl bringen – noch vor wenigen Monaten ein Super-GAU, den sich kaum jemand ausmalen wollte –, würde diese Demütigung zu weiteren schweren Erschütterungen in den Parteiapparaten führen.

Aber was passiert dann?

Sollten Werner Faymann und Reinhold Mitterlehner versuchen, ein weiteres Mal durch eine schlimme Schlappe durchzutauchen, würden sie am Wahlabend darauf verweisen, dass es ja auch der jeweils andere Kandidat nicht geschafft habe und dass die Gründe dafür in der schwierigen internationalen Lage zu suchen seien. Und sie würden tätige Reue versprechen. Man habe die Botschaft der Wähler verstanden, zügig werde man nun anstehende Reformvorhaben anpacken: in der Bildung, beim Bürokratieabbau, bei den Pensionen, beim teuren Föderalismus – die ganze Litanei, die ein zerknirschter Sünder in der Politik gemeinhin herunterbetet.

Schrumpfende Parteien scheuen allerdings in der Regel davor zurück, auch noch ihre Kernklientel zu verschrecken. Gerade diese wäre allerdings von vielen der überfälligen Reformen betroffen: Etwa die Lehrergewerkschaft, die mächtigen Ländervertreter und die Beamten aufseiten der Volkspartei sowie die Gemeindebediensteten, die Gewerkschaften und die Pensionisten bei den Sozialdemokraten. Der für die Wahlniederlage der Koalitionäre bei der Bundespräsidentenwahl mitverantwortliche Stillstand in Österreichs Politik wäre dadurch prolongiert.

Vor allem die Parteispitze wird darauf hoffen, dass eine Beschwichtigungsübung gelingen möge. Beide Chefs sind angeschlagen und intern umstritten. Und schon einmal führte eine Bundespräsidentenwahl zu einer folgenschweren Personalentscheidung an der Spitze der Partei, die den Kürzeren gezogen hatte. Im Juni 1986, als ÖVP-Kandidat Kurt Waldheim den roten Gesundheitsminister Kurt Steyrer besiegte, trat SPÖ-Chef Fred Sinowatz noch in der Wahlnacht als Bundeskanzler zurück und installierte seinen Finanzminister Franz Vranitzky als Nachfolger (den Parteivorsitz behielt er noch zwei weitere Jahre). Der Wechsel in der SPÖ hatte gravierende Auswirkungen auf die anderen Parteien. Drei Monate später stürzte Jörg Haider Norbert Steger als FPÖ-Obmann, Vranitzky kündigte den Freiheitlichen die Koalition auf. Bei den dadurch ausgelösten Nationalratswahlen verpasste die ÖVP im Dezember 1986 den bereits sicher scheinenden Sprung ins Kanzleramt, die Grünen schafften erstmals den Einzug ins Parlament. Die SPÖ stellte für weitere 13 Jahre den Bundeskanzler.

Wie das Beispiel zeigt, zeitigen Veränderungen an der Spitze einer Regierungspartei häufig nachhaltige Folgen für das innenpolitische Gleichgewicht.

So könnte es auch diesmal sein. Die Schockwellen der Niederlage werden in beiden Koalitionsparteien zu gewaltigen Erschütterungen führen. Möglicherweise trifft das Beben die Volkspartei sogar noch heftiger als die seit Jahren leidgeprüften Genossen. Immerhin hatte man mit Erwin Pröll einen wahlkampferprobten Politiker zur Hand, der als veritabler Favorit ins Rennen hätte gehen können. Dass dessen Ersatzmann Khol, die persönliche Wahl des Parteichefs, nun nur Klamaukbruder Lugner schlagen konnte, würde das als besondere Schmach empfunden werden. Man würde fragen, ob Reinhold Mitterlehner nach der Absage Prölls nicht mächtig patzte, als er einen älteren Herren einer weiblichen Kandidatin vorzog. Wäre nicht etwa die Salzburger Festspiel-Präsidentin Helga Rabl-Stadler oder die ehemalige Außenministerin Ursula Plassnik, für die sich Wolfgang Schüssel, der noch immer ein wenig graue Parteieminenz spielt, mächtig ins Zeug gelegt hatte, die bessere Wahl gewesen?

Die Personalfrage könnte in der ÖVP der Umstand zusätzlich anheizen, dass man mit dem jungen Außenminister Sebastian Kurz ja einen vermeintlichen Siegertyp in der Reserve habe: Fast zwei Drittel der Wähler haben in den diesbezüglichen Image-Umfragen eine "gute Meinung" von Kurz, nur etwa 15 Prozent lehnen den 29-jährigen Shootingstar dezidiert ab.

Schafft es Kurz demnächst tatsächlich an die Spitze, wäre er schlecht beraten, noch zweieinhalb Jahre als Vizekanzler hinter Werner Faymann auszuharren und dadurch zuzulassen, dass das Momentum eines Neustarts allmählich erschlafft. Mitterlehner konnte seinerzeit, im Herbst 2014, die Aufbruchsstimmung nicht nützen, weil die Nationalratswahl gerade erst ein Jahr zurücklag. Er führte damals das Feld in der Kanzlerfrage an, nach ein paar Monaten war sein Django-Effekt verpufft.

Kurz könnte also versucht sein, trotz der katastrophalen Umfragewerte baldige Neuwahlen anzustreben – mit dem ehrgeizigen Ziel, die ÖVP wieder zur stärksten Partei zu machen, ein Plan, der mehr dem Prinzip Hoffnung denn einer plausiblen Perspektive geschuldet ist. Im Idealfall könnte er sich dann aussuchen, ob er mit der SPÖ oder der FPÖ einen Regierungspakt schließt. Berührungsängste gegenüber den Freiheitlichen hatte der Jungstar ja nie. Schon in seinen Antrittsinterviews als Staatssekretär hatte es Kurz dezidiert vermieden, eine mögliche Koalition der ÖVP mit der Strache-Partei auszuschließen.

Analog zu den schwarzen Verwerfungen könnte eine herbe Niederlage des roten Kandidaten auch große Unruhe in die Reihen der Sozialdemokraten bringen. Ein ÖVP-Obmann Kurz, der Neuwahlen anstrebt, brächte die SPÖ in argen Zugzwang. Sie müsste sich die bange Frage stellen, ob sie allen Ernstes mit einem Werner Faymann in die Wahl gehen will, der in den Imagewerten meilenweit hinter Kurz liegt.

Für Werner Faymann, nach einer Hofburg-Pleite noch stärker geschwächt, könnte der Parteitag im Herbst aber auch mit einem Aufstand der Basis enden. Er wird so schmerzhaft zusammengestrichen, dass ein weiterer Verbleib an der Spitze nicht mehr vertretbar ist und ein jüngerer Hoffnungsträger in die Bresche springen muss. Der könnte, geht es etwa nach den Wünschen einiger Gewerkschaften, durchaus Christian Kern heißen, vom Typ her ein dynamisches Pendant zum schwarzen Reserve-Chef. Nun müsste die ÖVP ihrerseits rasch mit einem Vorsitzenden-Wechsel kontern, um dem neuen Mann bei den Roten nicht die Gelegenheit zur ungestörten Profilierung zu geben. Auch dieses Szenario würde also zwangsläufig zu Neuwahlen führen.

Wie dann der neue Bundespräsident oder die neue Bundespräsidentin auf all das reagieren würde, ist vielleicht überhaupt die spannendste Frage.