Die letzte Partei, die alles durcheinanderzuwirbeln schien, das waren die Piraten, vielleicht erinnern sich manche noch daran. Auch sie waren eine Protestpartei, auch sie lebten davon, völlig anders sein zu wollen als die alten, die etablierten Parteien. Aber sie setzten auf das Morgen, um aus dem Heute herauszukommen, sie versuchten einen Salto in die Zukunft – und landeten krachend auf dem Bauch. Ende, aus, Utopie gescheitert.

Jetzt gibt es wieder eine neue Protestpartei, die AfD. Auch sie ist ganz Abgrenzung, Negation, Kontrast – nur ist ihre Ausrichtung eine ganz andere als die der Piraten. Ihr Widerstand gegen die Etablierten, gegen "die da oben", gegen die Altparteien und die "Lügenpresse", führt zurück, ins Gestern, zum Nationalen, in die Zeit vor dem Euro, vor der Migration. Die Vergangenheit ist jetzt der allerneueste Schrei.

Und das nicht nur in Deutschland, sondern überall in Europa, in je unterschiedlichen Spielarten in Polen, in Ungarn, in der Slowakei, in Österreich, Frankreich und anderswo. Verstörend daran ist vor allem, dass das Alte nicht nur bei den Alten verfängt, sondern fast mehr noch bei den Jungen. Und nicht nur bei Abgehängten, sondern auch bei gut Gebildeten, in den Städten wie auf dem Land. All die rechtspopulistischen oder nationalkonservativen Bewegungen, die gerade reüssieren, sind breit verwurzelt in ihrer jeweiligen Gesellschaft.

Dafür gibt es zahllose Gründe: die Angst vor und in der Globalisierung; die massive Erosion des Vertrauens in die Eliten, spätestens seit der Weltfinanzkrise; den Überdruss an "Brüssel" und, ganz allgemein, das Unbehagen an einer überkomplexen, hochtourigen Welt, die sich kaum mehr durchschauen lässt. Aber noch etwas kommt hinzu: Die Neu-Konservativen haben ein verbreitetes Gefühl besetzt – sie haben unsere Sehnsüchte gekapert, unsere Sehnsucht nach Verlässlichkeit, Verbindlichkeit, Geborgenheit, nach einem Ort, wo wir nicht im Wettbewerb stehen.

Konservativismus als Politik muss sich mit dem fundamentalen Widerspruch auseinandersetzen, dass der freie Markt der größte Feind des Hergebrachten, des Vertrauten ist. Es ist der Kapitalismus selbst, dessen disruptive Kraft Traditionen und Institutionen schreddert und nichts heil lässt, was den Konservativen heilig ist. Das ist das unlösbare Dilemma des modernen, marktfreundlichen Konservativen.

Aber als Sehnsucht funktioniert das Konservative. Da liegt eine politische Emotion brach, die jetzt die neuen Rechten bewirtschaften.

Was treibt sie an? Woraus speist sich ihr Erfolg? Wohin wollen sie – so sie denn überhaupt irgendwohin wollen? Anders gefragt: Haben sie nur die Kraft der Negation? Oder auch einen Weltentwurf für die Gegenwart?

Wir haben darüber mit dem führenden Intellektuellen der AfD gesprochen, dem langjährigen CDU-Mann und angesehenen konservativen Publizisten Alexander Gauland, der mittlerweile Fraktionsvorsitzender seiner Partei in Brandenburg ist. Und wir haben unseren Kollegen Gero von Randow nach Ungarn entsandt, um das Land Viktor Orbáns zu beschreiben, des vielleicht wichtigsten Gegenspielers von Angela Merkel innerhalb der EU. Was ist der Orbanismus – eine Ideologie? Eine Staatsphilosophie? Ein Vorbild für den Osten Europas? Und was macht dieses Konzept so erfolgreich?

Noch ist nicht abzusehen, ob der rechtspopulistische Schub, der gerade durch Europa und auch durch Deutschland geht, nur ein Spuk ist, ob er so rasch wieder verschwindet wie die Piraten oder ob er die Parteienlandschaft des Kontinents grundlegend umgestaltet. Im Moment ist er einflussreich genug. Also müssen wir hinsehen, immer wieder, so genau wie möglich.