"Jedem das Seine" – so lautet die Inschrift des Tores zum Konzentrationslager Buchenwald, das im Sommer 1937 auf dem Ettersberg bei Weimar errichtet wurde. Der alte römische Rechtsgrundsatz suum cuique wurde zynisch in sein Gegenteil verkehrt. Von innen gut lesbar ins Lagertor eingelassen und jährlich neu rot angestrichen, sollte die Inschrift den Häftlingen auf dem Appellplatz täglich vor Augen führen, dass sie aus der "Volksgemeinschaft" ausgeschlossen und der Willkür der SS ausgeliefert waren.

Mit der typografischen Gestaltung hatte der erste Lagerkommandant Karl Koch den Häftling und Bauhaus-Schüler Franz Ehrlich beauftragt, nicht ahnend, dass dieser die Buchstaben im Rückgriff auf seine Dessauer Lehrer entwerfen würde. So wurde ein Element der von den Nationalsozialisten als "entartet" verfemten Bauhaus-Moderne ins Lager eingeschmuggelt – ein Akt stiller Gegenwehr.

Dies ist eine der Überraschungen, welche die neue Dauerausstellung Ausgrenzung und Gewalt. Buchenwald 1937–1945 bereithält. Am Sonntag, 17. April, wird sie im einstigen Kammergebäude des Konzentrationslagers eröffnet, in dem die Häftlinge bei ihrer Ankunft alles abliefern mussten, was sie bei sich trugen.

Die alte Ausstellung war hier im April 1995, fünfzig Jahre nach der Befreiung des Lagers, eingerichtet worden. Sie stand stark im Zeichen der Auseinandersetzung mit der Erinnerungskultur der DDR, in der die Geschichte Buchenwalds mit dem heroischen Widerstand deutscher Kommunisten identifiziert und zum Kern des antifaschistischen Gründungsmythos verklärt worden war. 1995 ging es daher zuvorderst darum, alle Opfergruppen angemessen zu berücksichtigen: neben den "Politischen" auch die sogenannten "Berufsverbrecher" und "Arbeitsscheuen", Juden, Roma und Sinti, Homosexuelle, Zeugen Jehovas sowie die vielen Tausend Häftlinge aus den von Deutschen besetzten Ländern Europas. Insgesamt wurden 277.800 Menschen in Buchenwald gefangen gehalten, 56.000 starben, die meisten in den apokalyptischen letzten Kriegsmonaten.

Warum nun die Neugestaltung?

Die Ausstellung von 1995 war museumsdidaktisch eher konventionell angelegt, sagt Volkhard Knigge, Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora und Spiritus Rector des Projekts. Sie setzte ganz auf die Aussagekraft der Realien. Seither haben sich die visuellen Darstellungs- und Wahrnehmungsformen verändert. Gerade im Blick auf die junge Generation gilt es, neue mediale Möglichkeiten zu nutzen.

Wichtiger ist freilich ein anderer Aspekt: Die zeitgeschichtliche Forschung zum NS-Lagersystem hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten weiterentwickelt, und es ist eine Fülle neuer Quellen erschlossen worden. Dazu zählen vor allem die im Archiv des Internationalen Suchdienstes in Bad Arolsen verwahrten Akten der Lagerverwaltung des KZs Buchenwald, die 1995 noch gesperrt waren. Sie werfen neues Licht auf die Abläufe im Lager, auf die Zusammensetzung der Häftlingsgesellschaft und Biografien vieler bislang namenloser Gefangener.

Enorm angewachsen ist auch der Bestand an persönlichen Erinnerungsstücken und Dokumenten, die Überlebende oder deren Angehörige der Gedenkstätte anvertraut haben – Tagebücher, Briefe, Fotos, Schnitzereien. Gleiches gilt für die Fundstücke, die bei Grabungen in- und außerhalb des Lagers geborgen werden konnten: Gegenstände des Lageralltags wie selbst gefertigte Kämme, Zahnbürsten, Löffel, Tauchsieder, Bügeleisen. Viele der neu entdeckten Dokumente und Objekte werden erstmals zugänglich gemacht, ergänzt um Exponate aus deutschen und ausländischen Archiven.

Doch es geht auch um eine Erweiterung der Perspektive. Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, erklärt Volkhard Knigge, dürfe nicht auf einen "Positivismus des Grauens" reduziert werden; vielmehr müsse sie den Blick auf die deutsche Gesellschaft richten. Die nahm die Lager in ihrer Mitte nicht nur hin, sondern hielt sie zum Großteil auch für gerechtfertigt und notwendig. Die Leidensgeschichte der Häftlinge mit der Wirklichkeit der deutschen "Volksgemeinschaft" zu verschränken, darin liegt der innovative und zugleich provokative Ansatz der Neukonzeption.

Die Präsentation über die drei Stockwerke der ehemaligen Effektenkammer erschöpft sich daher nicht in einer Abfolge von Vitrinen, sondern verknüpft verschiedene Formate – thematische Module, Realienkabinette, Biografien, zum Teil in Hörstationen abrufbar – zu Erzählsträngen, die das dichte Beziehungsgeflecht zwischen dem Konzentrationslager und der Stadt Weimar aufdecken.